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Da folgte dem Priester ein unabsehbarer Zug schweigender, trauernder Menschenbis zum Hause Arthurs, und während der Diener dcS Herrn Agnes auf dem Wegezum liebenden Vater im Himmel vorbereitete, kniete unten das Volk im heißeninnigen Gebete. Als der Priester das Haus verließ, blieb das Volk noch betend vordemselben.
Oben standen Arthur und der Doctor am Lager der Sterbenden. In höchsterErschöpfung schloß sie die Augen. Arthur suchte mit quallvollem Bangen die Blickedes Doctors, der unverwandt ernst die Leidende beobachtete. Hedwig kniete in stummemSchmerz zur Seite des Bettes.
Das Schluchzen des Volles tönte herauf. Der Doctor wechselte Zeichen mitArthur, dieser verstand ihn, schlich leise aus dem Zimmer und ging hinab. Als eraus dem Hause trat, da harrte noch lange das Volk, wie eS hergezogen war. Theil-nahme unv Schmerz lag auf allen Gesichtern, selbst die Augen rauher Mänuerwaren feucht. Ehrerbietig, wie eine Schaar ergebener Kinder, lauschte die Mengedem guten Reichen, der jetzt so blaß, so schmerzerfüllt dastand, und mit bebenderStimme den Tiefergriffeuen seiner Gattin letzte Grüße und seinen Dank verkündeteund sie bat, mit ihm zum Herrn des Lebens um Rettung der Theuren zu flehen.„Wir wollen in den Dom gehen und beten!" rief leise eine Stimme, und das Volkzog in den Dom und betete wie mit Einem Herzen heiß und bange für die Jnuig-geliebte.
Agnes schlummerte lange, und als sie erwachte, sah sie Wonnethränen inArthur'S Augen; Helfer sprach so selig wie noch nie das Freudcnwort „gerettet!"und empfahl Ruhe; Hedwig legte vor Entzücken weinend ein schönes Kindlein andie Brust der glücklichen Mutter, und der kleine Heinrich fragte an der Thüre, ober nun endlich zum Mütterlein dürfe. Hedwig fliegt fort und verkündet des Him-mels wunderbare Hilfe dem Volke, das hocherfreut dem Herrn dankt für die doppelteRettung, für die der guten Frau und seine eigene!
Die Freude über das allgemeine Mitgefühl trug nicht wenig zu Agnesbaldiger Erstarkung bei, und Gott blieb bei ihr und segnete sie und ihren Gemahlmit dem reinsten häuslichen Glück. Arthur und Agnes sind bis jetzt als die Wohl-thäter der Stadt von Allen hoch geehrt und innigst geliebt; Helfer,-der verehrungS-würdige Greis, ist von ihnen unzertrennlich und verbindet jugendkräftig mit seinemmenschenfreundlichen Berufe begeisterte Liebesthaten und Hedwig, die Gute, ist bescheidengeblieben und glaubt sich der Kränze nicht werth, mit denen sie die Freundschaftschmückt.
Mögen die Edlen noch recht lange glücklich sein im Beglücken und werde esdoch überall zur Wahrheit, was der gute Doctor sagte, als am zweiten Geburts-tage der kleinen Marie eine Schaar blühender Kinder danksagend und glückwünschendim Palaste erschien: „Möchte doch in jeder Stadt sich eine Agnes unter den Reichen,eine Hedwig unter den Armen finden! Solche Frauen vereinigen als Symbole undPriesterinncn der versöhnenden Liebe die Höhen und Tiefen der Welt, die heiligeCharitaS leuchtet siegreich aus ihrem zarten Bunde auf, und auch die stolzen undhochstrebenden Männer nähern sich allmälig einander in diesem Lichte, denn ewig wahrbleibt'S und Alle sehen es klar: Kein lorbeerbekränztes Streben, keine Heldenthat,keine irdische Größe ist so reich an wahrer Ehre, so beseligend, so unsterblich großwie die Liebe, die größte von Allen!"