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Um das Unglück der Gemeinde voll zn machen, tauften die russischen Geist-lichen mit Gewalt alle Kinder der Pfarrei nach dem griechischen RitnS, und trugenihre Namen auch in ihre Register ein. Die Eltern zwar werden in ihrem Herzen fortkatholisch bleiben, allein was wird aus den Nachkommen werden unter einer Regie-rung, welche erlaubt, daß die grausamsten und blutigsten Verfolgungen wieder Platzgreifen dürfen, welche erst vor Kurzem wieder den Befehl ergehen ließ, daß unterschwerer Strafe kein katholischer Priester Jemanden zum Genusse eines Sacramenteszulassen darf, der nicht ein amtliches Zeugniß vorweisen kann, daß er auch wirklichder katholischen Kirche angehört und angehören darf? WaS wird endlich aus sovielen Millionen Katholiken werden, die so zu sagen an Händen und Füssen gebun-den fort und fort in Gefahr schweben, vom weit geöffneten Schlnnde des Schismaverschlungen zu werden, wenn Gott selbst nicht eine mächtige Hand erweckt, die sieerrettet?! I. Hd.
Arm und Reich.
Don Karl B'cyerl.
(Schluß.)
IV
Denen, die Gott lieben, muß Alles zum Guten gereichen-
Röm. VIII., 28.
Der Sommer des Jahres 1849 neigte sich zn Ende. Inmitten des Europa erschütternden Aufruhrs hatte die Stadt an innerer Gesundheit und Kraft zugenommen.Da beliebte es einem vielgcwanderten Trenftcund*), dort eine Rede zn halten. Zuder in pomphaften Ankündigungen voransbcstimmten Stunde erschien der Mann derZukunft auf dem großen Marktplätze und bestieg eine eigens für ihn errichtete Tribune.Es war an einem Sonntage, und das müßige Volk stellte sich neugierig sehr zahl-reich ein. Der Redner war einer von den Gewaltigen jener Tage. Er verstand eSmeisterhaft, dem Volke zu schmeicheln und seine schwachen Seiten zu fassen. Selbst-liebe, Haß und Genußsucht waren die Grundtöne, aber er verhüllte sie, wie eineViper in Rosen,-in prächtigen und stolzen Phrasen von Staatsweisheit, Weltlageund anderen großen Dingen, dann kam die Unterdrückung der Menschenrechte, dannzuckten Racheblitze gegen alle kirchliche und weltliche Autorität, gegen alle Besitzer,dann flöteten die Sircnenlocknngen der Freiheit — da wartete der Arme nicht mehrauf die Brosamen des Reichen, da setzte er sich selbst an die wohlbesetzte Tafel, dawar Wohlleben überall in Hülle und Fülle!
Waren auch die Zuhörer bisher ruhig und besonnen geblieben, solche Worteregten den sinnlichen Menschen auf, sie zündeten, und der Redner konnte es fortfahrendwagen, den Krieg gegen Kirche, Gesetz und Besitz als verdienstlich, als nothwendigzu preisen. Schon erhitzten sich die Gemüther, das Gemnrmel unter dem Volkewird lauter, einzelne gefährliche Rufe erschallen: Vorboten eines drohenden Sturmes —da wird eö plötzlich still, der Lärm sinkt znm Geflüster herab, der Redner selbstschweigt verblüfft — durch die lautlose Stille tönt das helle Klingen eines näherkommenden GlöckleinS — ein Prister schreitet heran, das Allerheiligste tragend, nmeiner zur Vergeltung abgerufenen Seele den letzten Trost zu bringen. DaS Volk,wie aus einer Fieberphantasie erwacht, sinkt auf die Kniee und beugt sich vor demallmächtigen Schöpfer und Richter des Himmels und der Erde. Und wie der Priesterweiter wandelt, fliegt eine ernste Frage, eine unerwartete, erschütternde Antwort durchdie Menge. — „Wer stirbt?" — „Eine Wöchnerin — die gute Frau!" —
*) Siehe „die Vogel" von Goethe.