Die römische Inquisition.
(Fortsetzung.)
Vor nicht langer Zeit — vor zwei oder drei Jahren — wurde zu Rom voneiner Person von außerordentlicher Heiligkeit gesprochen; sie wirke Wunder, hieß cS,und weissage, sie habe Verzückungen, Visionen und übernatürliche Offenbarungen,und trage die Wundmale an Händen und Füßen. Der Ruf der Heiligen, welchezu Sezze, fünfzig englische Meilen von Rom , wohnte, wachs von Tag zu Tag;man vernahm immer mehr Berichte über Wunder, die sie gewirkt, und über schrecklicheEreignisse, die sie prophezeit hatte. Pilger von allen Classen und Ständen strömtenzn ihrer Zelle. Selbst bejahrte Leute ließen sich für einige Zeit von dem Strudelmit fortreißen; jüngere Leute kamen in Schaarcu zn der Heiligen. Die Prophetinwar nichts weniger als wortkarg und strenge: während sie ernstere Besucher durchWeissagungen von Calamitäten und unglücklichen Ereignissen in Schrecken setzte,ließ sie sich doch auch herab, Manchen in zarten Herzens- und Familien-Angelegen-heiten die Zukunft zu enthüllen.
Die Engländer in Rom bestanden in dieser Versuchung nicht besser, schienenvielmehr die Italiener an Gläubigkeit zu übertreffen; hat cS ja einen gewissen Reiz ^für den Menschen, zn vernehmen, daß schreckliche Ereignisse drohend über dem Haupteeines ganzen Volkes schweben, namentlich eines fremden Volkes. Ein ehrwürdiger„Jusnlaucr," welcher eben von einem länger» Besuche bei Katharina Fanelli — sohieß die vermeintliche Heilige — zurückgekehrt war, traf einen Bekannten, der gleich-falls aus einer der briliischen Inseln geboren war, und machte demselben durch Ge- i
berden cbensowhl wie durch Worte begreiflich, daß er der anscrwählte Träger einesfurchtbaren Geheimnisses sei. Sein Freund fragte, was das Alles zu bedeuten habe,erhielt aber einige Zeit keine andere Antwort, als eine Reihe von wunderlichen Aus-rufungen, begleitet von entsprechenden Grimassen; endlich sagte der Geheimnißkrämer, 'theils um dem Fragenden einen Beweis seiner Freundschaft zu geben, theils um seineigenes Herz zn erleichtern, mit feierlicher Stimme: „Ich habe Grund zn glaubendaß eine schreckliche Pest über Rom kommen wird; am Feste Mariä Himmelfahrtwird sie beginnen." Dann ging er fort in der wohlwollenden Absicht, auch Anderndie schreckliche Kunde mitzutheilen. Der Tag, an welchem der Todesengel die un-glückliche Stadt betreten sollte, kam und ging vorüber; von der Pest sah man keineSpur. „Nun. die Zeit ist da," fragte einige Wochen später der Freund seinengläubigen Landsmann, „was sagen Sie jetzt von der Prophezeiung Ihrer Heiligen?"
In seinem festen Glauben gar nicht erschüttert, meinte er, die Römer müßten mittler-weile Buße gethan und den Zorn des Himmels besänftigt haben.
Ich kenne Fälle, wo Damen von mehr als „einem gewissen Alter" voll freudigenEntzückens waren, da sie von den Lippen der Heiligen die Versicherung vernommenhatten, daß sie binnen Jahresfrist verheirathet, und demnächst von lieblichen Kindernumgeben sein würden. — Die Verblendung ging so weit, daß Manche Rom ver-ließ, um in der Nähe und gleichsam unter dem Schatten der Heiligen ihren Wohn-sitz zu nehmen. Wenn sie in die Stadt kam, drängten sich Tag und Nacht Hunderte ,zu dem Hause hin, wo sie sich aufhielt.
Endlich wurde Katharina bei dem h. Ofsicium angezeigt, welches selbst nichtdie Initiative zn ergreifen und die Schuldigen aufzusuchen pflegt. Die lange undsorgfältige Untersuchung, welche angestellt wurde, konnte nur zu Einem Resultateführen: Katharina wurde für eine Betrügerin erklärt. ES stellte sich heraus, daßnoch schlimmere Dinge, als die Erdichtung von Weissagungen und Wundern derAnerkennung ihrer Heiligkeit im Wege standen. Sie gestand selbst ihre Schuld ein,aber erst nachdem dieselbe unwidersprcchlich erwiesen war. Sie wurde in das Klosterder Frauen vom guten Hirten gebracht, und auf den öffentlichen Plätzen von Rom wurde die Sentenz ihrer Verurtheilung zn ILjährigem Kerker angeschlagen.