Ausgabe 
20 (8.4.1860) 15
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115
 
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M» 1S. 8. April 1860.

DaS Augsburger Sonntaasblatt (Sonntags-Beiblatt zur Augsburger Post-Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährigeAbonnemcntspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. Bayer. Postämter und alle Buchhand-lungen bezogen werden kann.*

Marianna vom heil. Nincenz a Paula.

(Schluß.)

Unter den vielen feierlichen und bedeutungsvollen Ceremonien der Kirchegibt es keine ergreifendere, keine rührendere, als wenn der wiederversöhnte Sunder, dessen Leben eine ununterbrochene Folge von Leiden und Armuth, vielleichtauch von schweren Verschuldungen gewesen, im Begriffe steht, zum letzten Maleden Gott in sein Herz aufzunehmen, vor dem die Seraphim ihr Antlitz verhüllen,vor dem die Großen der Erde nichts sind und vor dem der Sünder in wenigenAugenblicken erscheinen soll. Dasselbe Sacrament, welches wir im Triumphewenigstens einmal im Jahre durch die Stadt feierlich geleiten, von Priestern inreichen Gewändern, von flatternden Fahnen und zahlreichen Lichtern umgeben,den Weihrauchwolken umwallt und umdustet von prächtigen Blumen, diesemschönen Schmucke der herrlichen Schöpfung Gottes, wird sonst in gar demü-thigender Weise von dem Priester, allein, zu Fuße, oft im rauhcsten Wetter, zudem Lager eines Sterbenden getragen, um dort, vielleicht ohne daß ein einzigerMensch dabei ein Gebet spricht, des Armen Abschied von dieser Welt zu ver-süßen und ihn aus seinem letzten furchtbaren Wege zu begleiten.

Die Tröstungen der Religion waren der unglücklichen Frau Prall zu Theilgeworden und die letzten Gebete waren noch auf des Priesters Lippen, alsMarianne, deren Augen auf die Kranke gewandt waren, eine Bewegung bemerkte,welche sie überzeugte, daß der Lebensfunke erloschen sei. Sie erhob die Handund der Geistliche, der sie augenblicklich verstand, begann die Gebete für dieVerstorbenen zu sprechen.

Der Priester, der vor Müdigkeit fast niedersank, wollte sich eben entfernenund auch Marianne, welche sich der späten Stunde erinnerte, war im Begriffdas Zimmer zu verlassen, als ein wild aussehender Kerl, der an der Schwellestand, ihren Arm ergriff. Um Vergebung, Fräulein, begann er, was bedeutetdieser Lärm hier? Es kommt einem Manne doch sonderbar vor, wenn er heim-kommt und seine Stube mit solchem Volk gefüllt findet. Es ist ja, als wennein Irrenhaus geöffnet worden wäre, nichts für ungut, Fräulein!

Es ist wahrhaftig Prall selbst, der schändliche Mann der Verstorbenen!schrie eine kleine Person. Tritt näher, du Mörder deines Weibes und betrachtedein Weib hier: schämst du dich nicht deinen beiden Jungen unter die Augenzu treten? Aber du hast das Schämen längst verlernt, du nichtsnutziger Land-streicher!

Um Gotteswillen, Fräulein, sagen Sie mir, was sie meint, sagte der Mann,der Plötzlich sehr blaß geworden war und verstört um sich blickte. Er war offen-bar berauscht. M..... trat ängstlich zurück und sprach: Euer Weib isttodt und ohne das Kind gesehen zu haben, das Sie mitgenommen hatten.

Vollständig ernüchtert durch diese Mittheilung stöhnte er die Worte hervor:Um Gotteswillen, Fräulein, sprechen Sie die Wahrheit? Er stürzte auf das