Ausgabe 
20 (8.4.1860) 15
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Bett zu und starrte tu das Gesicht der Leiche, dem die Merkmale der schrecklichenKrankheit deutlich ausgeprägt waren. O Weib, rief er aus, indem er nebendem Bette auf die Kniee sank, sieh mich noch ein Mal an, deinen unglücklichenMann, der wieder zu dir zurückgekehrt ist. Ich weiß, ich bin ein schändlicherMensch, ein verworfener Hund: schilt mich nur, aber laß mich noch einmal deineStimme hören!

Sie ist todt und alles Klagen ist nutzlos, sagte M.mit thränenvollen

Augen. Da wandte er seine blutunterlaufenen Augen gegen das Fräuleinund seufzte: Hören Sie mich 'mal an! Ich war vor dreiundzwanzig JahrenSoldat auch eben kein Glück für mich und *mcin Regiment stand inCoblenz. War es nun mein rother Rock oder mein frisches Gesicht ich wardamals ziemlich hübsch genug, dies arme Weib ließ sich von mir überreden,bei der Versetzung unseres Regiments aus dem elterlichen Hause zu entfliehen.Sie war das einzige Kind eines bejahrten Mannes und leider mutterlos. Wirwurden von einem evang. Prediger getraut. Anfangs war ich auch recht gütiggegen sie, wenigstens so weit mir dies bei meinem heftigen Charakter möglichwar; aber das Trinken und schlechte Gesellschaft und keine Kirche, warenmein Verderben. Ich wurde degradirt, verließ das Militär, ging auf Fabrik undbehandelte mein Weib schlimmer als einen Hund. Zuletzt ließ ich sie ganz im

Stich und hauSte mit einer Andern. Ich liebte diese nicht, aber sie paßte zu

mir, weil sie eben so verdorben war, als ich selber; auch kümmerte sie sichnicht darum, wie ich zu dem Gelde kam, wenn sie es nur verprassen konnte.Von Zeit zu Zeit besuchte ich mein Weib: sie hoffte noch immer auf meineRückkehr, aber die Andere hatte mich in den Klauen. Sie war hinter meineSchliche gekommen und konnte mich, wenn sie wollte, in den Ochsenkopsbringen. So wurde ich von Tag zu Tag schlechter. Ich fühlte mich auchimmer unglücklicher: mein Herz sehnte sich, irgend einen Gegenstand zu lieben,und alles schien mich zu hassen, ausgenommen mein Töchterchen. So oft ichnach Hause kam, schlang das Kind seine Aermchen um meinen Hals, küßte michund nannte michVater!" Ich entschloß mich zuletzt, das Kind zu stehlen undbrachte es zu Martha in's Haus. Dadurch wurde aber meine Lage immer

schlimmer. Das Weib haßte mein Kind; mißhandelte es, um es zu zwingen,

aus dem Hause zu laufen. Das Mädchen war sehr hübsch geworden, als sieheranwuchs, zu hübsch ganz wie ihre Mutter, als ich sie zuerst kennen lernte.Ich hoffte ihr einen Dienst zu verschaffen; aber wer wollte die Tochter einessolchen Vaters zu sich in's Haus nehmen? Martha, die elende Creatur, hat sichaus dem Staube gemacht! Um sie kümmerte ich mich wenig; aber mein Kindist auch fort mein einziger Schatz, den ich mit Gefahr meines Lebens, aufKosten meines Seelenheils geraubt hatte! Ich spürte dem erbärmlichen Weibenach und fand sie bei einem Menschen, der, so schlecht ich auch bin, doch nochtausendmal schlechter ist, als ich. Sie gab mir, als ich nach meinem Kindefragte, mit höhnischem Gelächter zur Antwort, ich möchte sie aus den ausden Straßen suchen! Diese Worte brachten mich dem Wahnsinn nahe.

Und nun hier das Elend! Ach, daß ich meiner Frau nicht gefolgt, nichtmit zum kathol. Priester gegangen bin! Sie, hochw. Herr, waren ja derBeichtiger meiner Frau, als sie noch zur kathol. Kirche ging! Ach wenn'seinen Gott gibt! helfen Sie mir!

Marianne und der Priester dachten nach, was hier zu thun sei. hättenwir Klöster für die Ausgestoßenen der Menschheit, hieß es jetzt aber wäre beidem Mangel an Anstalten für solche Unglückliche kein rechtes Mittel, das sichereHoffnung auf Besserung gebe.

Man fand später das Mädchen, allein schon vergiftet an der Seele.Alle Besserungsmittel der Humanität und der freien Gabe des Sct.-Vincentius-