Ausgabe 
20 (8.4.1860) 15
Seite
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Der brave Zsraelit.

Ein elternloser 14jähnger Knabe aus Südstadt, im AmteBrinzhausen, imKönigreiche Hannover , konnte in seinem Geburtsorte und der Umgegend keinUnterkommen finden, weil er an Geist und Körper durch Mangel an Unterrichtund an gehöriger regelmäßiger Nahrung verkrüppelt war. Er entschloß sich daher,in das Oldcnburgische zu gehen. Hier hatte er dasselbe traurige Schicksal.Bettelnd, mit erfrornen Füßen, abgezehrt, mit angeschwollenem Unterleibe, einlebendes Bild des Elendes und des nagenden Hungers suchte er sein Brod vorden Thüren der mildthätigen Oldenburger, jedoch vergebens um Ausnahmeflehend. So kam er endlich in den Flecken Ovelgönne . Hier wurde der edel-müthige Jsraelite Leib von seinem traurigen Zustande gerührt, nahm den christ-lichen von seinen Mitchristen (?) verlassenen Knaben in sein Haus, ließ ihnkleiden, die Wunden Füße verbinden und den armen Knaben durch einen geschick-ten Arzt auf seine Kosten herstellen. Sodann behielt er ihn bei sich, ließ ihnim Schreiben und Rechn?n gehörig unterrichten und bildete ihn zu einem geschickten und redlichen Handelsmanne. Als dem inzwischen militärpflichtig ge-wordenen jungen Manne im Jahre 1824 verstattet wurde, einen Stellvertreterzu stellen, lieh ihm sein großherziger Wohlthäter, der Jsraelit, 200 Reichsthalerdazu und unterstützte ihn mit Rath und That dermaßen, daß es ihm gelang, inkurzer Zeit nicht nur die Kosten des Stellvertreters, sondern auch dasjenige, was.er durch den plötzlichen Eintritte zum Militärdienste und während desselben zu-gesetzt hatte, wieder zu verdienen. Der brave Jsraelit und sein Schützling er-freuten sich fortwährend der vorzüglichen Achtung und des Zutrauens ihrer Mit-bürger.

Ein armer Geiger.

* Eine Frau war reich und verstand es, auf die zarteste Weise reichliche Wohl-thaten zu spenden. AI- sie eines Tages nach Hause kam, fand ste an ihrer Thüreeinen armen Geiger; er zitterte vor Kälte, denn es war Winter, und seine Kleidung har-monirte durchaus nicht mit der Jahreszeit; seine Fußbedeckung setzte ihn dem Schneeund Kothc so auS, daß seine Füße mit diesen in die innigste Berührung kamen; seinAussehen war blaß und blau angelaufen, von seiner Magerkeit gar nicht zu sprechen.In diesem Zustande mußte er die Geige spielen und die Zuhörer ergötzen. Die jungeFrau, von Mitleid erfüllt, ließ ihn in ihren Salon eintreten, setzte ihn an's Feuer, er-quickte ihn mit einem Glase Wein und gutem Brode, was alles gewürzt ward durch ihrefreundlichen, tröstlichen Worte. Er verließ das Haus mit von Freude und Dankbarkeiterfüllten Herzen. Die junge Frau dachte nicht mehr an ihn, er aber vergaß seine Wohl-thäterin nie, er erkundigte sich stets nach ihr, sein Herz folgte ihr überall, er war glück-lich in ihrem Glücke. Aber ach, auch für ste kamen böse Tage; ein gänzlicher Verlustihres Vermögens nöthigte sie, ihre kostspielige Wohnung zu verlassen, die reiche Einrich-tung wurde verkauft, und bald mußte sie, um ihr Leben zu fristen, auch den letztenRest ihres ehemaligen Glückes veräußern und ihre Brieftasche mit Pfandscheinen an-füllen. Unglückselige Scheine, wo findet man dieselben heutzutage nicht? Eine Personredet uns schüchtern und mit demüthiger Miene an, zeigt einen dicken Bündel Papier ,weißes, gelbes, buntes Papier, eS sind PsandhauSscheine: das heißt Elend, Elend, daSman täglich sehen kann.

Der gute Geiger hört ihre Noth, er vervielfacht sich in der Kunst, im Muth, arbeitetTag und Nacht, arbeitet sogar spät Abends unter Gefahr, mit der Polizei zu verfallen,sein Talent scheint zuzunehmen, ein edler Gedanke begeistert ihn, entlockt seiner armen