Ausgabe 
20 (22.4.1860) 17
Seite
136
 
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Papst Pius IX und der Schichflicker.

Papst Pius IX., der 259. Nachfolger des heil. Petrus , steht jetzt in einemAlter von 68 Jahren. Seine Gestalt ist von mittlerer Größe; in seiner ganzenHaltung und Bewegung liegt jedoch eine Ehrfurcht gebietende Majestät. Ausseiner offenen freien Stirne thront Hoheit und Würde; aus seinen lebendigenAugen leuchtet Verstand und Entschlossenheit; seine klangvolle Stimme erwecktVertrauen, um seinen Mund spielt beständig ein freundliches Lächeln; seine Zügesind voll, aber sie lassen bemerken, daß schwere Leiden darüber hinweggezogensind. Wenn der heilige Vater sich zeigt in dieser liebenswürdigen, anmuths-vollen Gestalt, mit seinen weißen Haaren, angethan mit seinem großen, ganzWeißen Talare und der hohenpricsterlichen Stola, glaubt man eine tröstendeErscheinung aus einer besseren Welt zu sehen.

Das Aeußere des heil. Vaters ist ein Bild seines Seelenlebens. Pius IX. ist keiner von jenen Päpsten, welche die Welt mit der unbeugsamen Durchführunggroßer Ideen in Erstaunen setzten; nicht mit unerbittlicher Strenge will er dasScepter eines Statthalters Christi auf Erden führen: sein ganzes Wesen istMilde und Herzonsgüte. Wie einst Gott dem Elias nicht im Sturm und Erd-beben und Feuer, sondern im Säuseln sanfter Lüste erschien, so will auchPius IX. seinem Volke und dem Universalreich der Kirche mehr «in gütigerVater als ein strenger Herrscher sein.

Diese väterliche Liebe des Papstes zieht sich wie ein goldener Faden durchseine ganze Wirksamkeit. Nachdem Johann Mastai-Ferretti (dies ist sein Familien-name), Sohn des Grafen Jerome Mastai zu Sinigaglia, seine Vorstudien amGymnasium zu Volterra beendet und die Theologie mit großer Auszeichnungzu Rom absolvirt hatte, wurde ihm die Leitung einer schönen Waisenanstalt ^übertragen, die in Rom unter dem Namen Tata Giovanni bekannt ist; in derbescheidenen Kapelle dieses Hauses brachte er Gott zum ersten Mal das heiligeMeßopfer dar. Diese Anstalt, durch einen braven Maurer gegründet, zählte un-gefähr 100 Waisenkinder. Der Abbate Mastai war für diese Kleinen ein Vater.

All' sein Geld gab er hin, um den Kleinen wärmere Kleider und eine gesun-dere Nahrung zu verschaffen; er ließ es auch an Freude und Vergnügen nichtfehlen. Da er selbst von Natur sehr munter ist, so war er ganz glücklich, wenner diesen verlassenen Kleinen so recht frohe und heitere Stunden bereiten konnte.

Es ist noch gar nicht lange, als der heilige Vater in Begleitung eines Prälatenseines Hauses an einer Mauer vorüberging, die zum Theil abgebrochen war.Ich selbst", sagte er,habe dies thun lassen; ich suchte überall einen Gartenfür meine kleinen Waisen, konnte aber nirgends einen solchen erhalten; nunstand hier ein Haus, welches mir zugehörte; ich ließ es abbrechen und so hatteich einen Garten." Es ist fast unnütz zu sagen, wie sehr er von allen Kleinengeliebt wurde.

Ein armer Schuhflicker, der früher unter seiner Leitung ein Waisenkinddieser Anstalt war, sagt von ihm Folgendes: -

Als der Cardinal Mastai zum Papste erwählt war, sagten ich und seinefrüheren Zöglinge: Wahrlich, er ist für uns ein Papst der Armen und Ver-lassenen!... Ich erinnere mich noch immer meines Platzes, den ich im Speise-saale zu Giovanni an der Ecke eines Tisches acht Jahre besessen, und da ichnicht sehr still, noch sehr reinlich war, so blieb Abbe Mastai sehr oft bei mirstehen und gab mir eine väterliche Rüge...

Ich habe zu Tata Giovanni einender traurigsten Auftritte meines ganzenLebens erlebt; es war an einem herrlichen Sommerabende, ich vergesse ihn nie.Nach einem Aufenthalte von sieben Jahren mußte uns Abbe, Mastai verlassen,weil er für eine ferne Mission bestimmt war. Wir wußten es noch nicht, als