Ausgabe 
20 (22.4.1860) 17
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schon der Augenblick unserer Trennung geloinmen war. Wir bemerkten, daß er-wählend des Abendessens kein einziges Work gesagt hatte. In dem Augenblicke,als wir das Dankgebet gesprochen und vom Tische aufstehen wollten, gab er unsein Zeichen, sitzen zu bleiben; und nun theilte er uns die traurige Nachrichtmit... Ein Schrei des Schmerzes ertönte von einem Ende des Speisesaalesbis zum anderen.

Wir waren unser 122, Große und Kleine, und Alle weinten vom Klein-sten bis zum Größten. Alle zusammen verließen wir unsere Plätze, um uns inseine Arme zu werfen! Einige küßten seine Hände, Andere hängten sich anseine Kleider; Diejenigen, welche ihn nicht berühren konnten, riefen seinen theue-ren Namen und flehten zu ihm, uns doch nicht zu verlassen. Wer soll unströsten? ... Wer wird uns lieben? ... Er wurde so bewegt über unser Jammer-geschrei, daß er selbst mit Thränen in den Augen ausrief, indem er einigeder Zunächststehendcn an seine Brust drückte:Ich hatte niemals geglaubt, daßunsere Trennung so hart sein würde." Darauf riß er sich aus unserer Mitteund stürzte in sein Zimmer, aber er versuchte vergeblich, die Thür zuzumachen,Wir traten mit ihm hinein. Diesen Abend wollte Keiner schlafen. Er tröstete,er ermähnte uns aus die rührendste Art. Er empfahl uns die Arbeit, den Ge-horsam gegen seinen Nachfolger, die Liebe zu unseres Gleichen, die Erfüllungaller unserer Pflichten und Ergebung und Geduld bei allen Unglückssällen.

Der Tag brach endlich an, und wir hörten schon vor der Thüre den

Wagen stille halten, der unseren Wohlthäter wegführen sollte. Eine Stunde

nachher und wir waren Waisen zum zweiten Mal!"..

Der arme Schuster vergoß eine Thräne, indem er seine Erzählung beendigte.Eines Tages sprach man mit dem heiligen Vater über ihn, der lächelte, da ererfuhr, daß eines seiner früheren Waisenkinder in Pins IX den Abbö Mastaiwiedererkannte. Wir müssen, sagte er, dafür ein Andenken geben. Und schonden anderen Tag schickte er ihm einige Doublone in Gold, die der arme Mannmit seinen Küssen bedeckte, und wie eine kostbare Reliquie bis heute aufbewahrt.

Nächstenliebe.

Ein Berliner sehr achtbarer Geschäftsmann war in letzter Zeit- durch allerleiUnglücksfälle in seinen Vermögensverhältni'sscn derart derangirt worden, daß erErecntionen nicht mehr abzuwenden vermochte und kürzlich sogar zum Schuldenarrestabgeführt wurde. Für die Familie war dies ein um so härteres Unglück, als die-selbe früher in guten Verhältnissen gelebt hatte und nun sogar ihres Ernährersberaubt war. Wie aber so oft im Leben das schwerste Geschick zuweilen sich nichtso hart erweist, daß es nicht auch gute Folgen haben könnte, so auch hier. DerKaufmann und Lederhändler N. steht im Begriff, eine andere Wechselforderung gegenden unglücklichen Familienvater einzutreiben und begibt sich dieserhalb in die Woh-nung desselben. Da erfährt er, was geschehen, ohne sich zn besinnen, hebt erdie eigene Erecntion auf, tröstet Frau und Kinder in herzlichen Worten und da ersich jedem Dank entziehen will, wendet er sich an einen andern Geschäftsfreund mitdem Anftrage, den Unglücklichen beiznstehen und ihnen zur Linderung der drückend-sten Noth dasjenige an baarem Gelde zu behänvigen, was seine Theilnahme für'SErste bestimmt hatte. Nachdem dies geschehen, suchte er bei Freunden und Ver-wandten ein Sümmchen zusammen zu bringen, läßt mit den Gläubigern seines eigenenSchuldners eben so schleunig als thatkräftig unterhandeln und arrangirt die Sachesoweit, daß in diesem Augenblicke die gegründete Hoffnung vorhanden ist, dem armenZurückgekommenen werde vollständig geholfen werden. Solche Züge wahrer Herzens-gute und uneigennütziger Handlungsweise verdienen gewiß öffentliche Anerkennung.