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je blendender, wir sagen nicht gründlicher seine Redeweise, sein Vertrag ist; undderlei Erscheinungen gehören allen Classen des Volkes an.
Der Knabe, der heranwachsende Jüngling, der in den Lehrjahren oder ineinem, diesen ähnlichen Verhältnisse mit einer gewissen Geringschätzung sich be-handelt sieht, welcher er gern entwachsen sein möchte, sehnt sich nach der Zeit,wo er, der Gleiche unter den Gleichen, mitsprechen darf über sein Erlerntes,über seine, wenn auch kurzen Erfahrungen, die mit jedem Tage zunehmen, diebei jedem Einzelnen anders sich gestalten. In der Werkstätte Geselle mit denGesellen, Arbeiter mit den Arbeitern, findet er bald scheinbar, bald wirklichUeberlegene, sei es im Geschäfte, sei es in sonstigem Wissen; er findet in denEinen Anziehendes, in den Ändern Abstoßendes; aber darin liegt leider nichtselten die Täuschung; was ihn anzieht, sollte er prüfen, ob es auch werth ist,ihn anzuziehen; was ihm unangenehm, rauh, ernst erscheint, sollte er ebenfallsprüfen, um zu erfahren, ob nicht die herbe Schale einen guten Kern verbirgt;und an dem Mangel dieser Lebensklugheit scheitern so Viele.
Mit der Unabhängigkeit des jungen Mannes fängt aber auch gewöhnlichdie Genußsucht an, und sie äußert sich im zeitweisen Besuche des Wirthshauses,der Schenke. Samstage, Sonntage, Montage vereinigen die Arbeiter meistensbeim Weine, beim Biere. Der junge unerfahrene Mensch bekommt da Gelegen-heit, einige Worte zu hören, welche die Wortführer besonders gerne im Mundeführen, Worte, die so aufklärungsmäßig erscheinen, bald klar, bald minder klarausgesprochen werden, die man auch in sogenannten Volksbüchern — was wirdnicht Alles für das liebe Volk geschrieben! — häufig lesen kann, Worte, welcheeben deßwegen eine nähere Beleuchtung verdienen; — sie heißen: Vcrdummung,— freie Forschung.
Diese Wörter, sammt den Begriffen, welche sie darstellen, sind übrigensnicht aus unserm Boden entstanden, sie sind weiter her und haben eben deßhalbso freundliche Aufnahme gefunden. Wenn Du übrigens, lieber Leser, das Wort:Nerdummung, im geselligen Gespräche von irgend Jemand hörst, so bist Dufast ausnahmslos berechtigt, den, der es gebraucht, selbst für bedeutend verdummtzu halten; denn gewöhnlich bezeichnet er damit Deine Achtung für Alles, was Dirbisher heilig war; Deine Ächtung für göttliche und menschliche Gesetze und fürDiejenigen, die mit ihrer Handhabung betraut sind; Deine Achtung für Treueund Glauben, für die Alten und für die Eltern; Deine Achtung für Diener-treue und Unterthanentreue; Dein Gefühl für Pflicht, ohne immerwährenden,eifersüchtelnden, anmaßenden Rückblick auf Rechte.
Findest Du das erwähnte Wort in einem Buche, und Du wirst ihm, zu-mal in vielen sogenannten Volksbüchern nur zu häufig begegnen, so wirf solcheine Schrift ohne Wetters weg; etwas Nützliches wirst Du keinen Falls aus ihrlernen; wäre jedoch der Inhalt so anziehend, so fesselnd, daß Du Dich nicht da-von trennen könntest, so lies wenigstens mit jenem Mißtrauen, mit jener prüfen-den Vorsicht, die nicht Alles, was ein gewandter Schwätzer auftischt, für baareMünze hinnimmt, sondern Wahrheit von Trug, den Schein vom Wesen zu un-terscheiden weiß. Du wirst dann finden, daß das Ziel eben dasselbe ist, wiebei den daraus erlernten Gesprächen, nicht zu erbauen, sondern zu untergraben;selbst das an sich Wahre zu verdrehen und zu mißbrauchen; denn auch das isteiner der Kunstgriffe der Vcrdcrber.
Freie Forschung!
Es ist schon häufig erwähnt worden, daß die Natur in der Begabung desMenschen mit gesundem Verstände eben nicht verschwenderisch ist; seine vielfäl-tigen, heftigen Leidenschaften, um so wirksamer, wenn Erziehung und Religionsie nicht gezügelt haben, sind weit entfernt, ihn zu fördern; seine Lebensansichtenwerden eben dadurch höchst einseitig; auch das richtige Denken will erlernt wer-