den; stellen wir uns nun einen Menschen vor, behaftet mit allen diesen Unvoll-kommenheiten, und aufgefordert zum — freien Forschen! — zum freien Forschenüber Alles, was Gegenstand des menschlichen Ersorschens sein kann, oder auchnicht sein kann. Gibt es etwas Lächerlicheres in der Zumuthung? etwasLächerlicheres, aber zugleich auch Traurigeres in der Ausführung? und dennochist es mit unserer Volksbildung dahin gekommen, daß Alle sich anmaßen überAlles abzusprechen. Allerdings spricht der Weber nicht über Metallarbeit, und derMetallarbeiter nicht über Schneiderei, aber über Staatseinrichtung, Gesetzgebungund Sittenlehre sprechen sie Alle; — und wie? das muß man hören. Wer dieFolgen dieses Uebelstandes beobachtet hat, der kann es nur bedauern, daß esnoch immer angebliche Volksschriftsteller gibt, welche, aus eigennütziger Specula-tion, — solcher Lehre anhängen und ihr Geltung zu verschaffen suchen.
Ein Maler im Alterthume stellte seine Gemälde vor seiner Werkstätte deröffentlichen Beurtheilung aus, und, dahinter verborgen, vernahm er die verschie-denen Aeußerungen der Vorübergehenden. Unter andern fand ein Schuster dieFußbekleidung eines Mannes auf dem ausgestellten Bilde ganz unrichtig undtadelte, was zu tadeln war. Der Künstler unterließ nicht, dem Gebrechen abzu-helfen, und ebenso unterließ auch der Tadler nicht, dieser Verbesserung seinenBeifall zu spenden, als er, ein paar Tage darnach, dieselbe bemerkte. DieserBeweis von Gelehrigkeit gab ihm jedoch den Muth, das Werk einer genauerenBetrachtung zu unterziehen und sich zu äußern, daß der ganze Fuß überhauptverzeichnet zu sein scheine. Da rief der Maler aus seinem Verstecke hervor: Du,Schuster, bleibe beim Leisten!
Die von den Rednern der Schenke und in den Flugblättern der sogenann-ten Volksschriststeller so häufig gebrauchten, oben angeführten Kraftausdrückegehen auch, unter hundert Fällen in neunundneunzig von Denjenigen aus, dieeine Aufklärung verbreiten wollen, welche keine ist; von Denjenigen, denen daranliegt, den Glauben, das Gewissen, das Vertrauen der Unwissenden aber auch nochUnverdorbenen zu untergraben; allen Leidenschaften, zumal der Eitelkeit zuschmeicheln; die leicht zu Verführenden mit jenem Dünkel zu erfüllen, inwelchem sie sich über Alles erheben, über Alles hinwegsetzen, Alles mitArgwohn betrachten; das Volk berufen zu erklären für Dinge, zu denenes nie berufen war, noch ist, noch sein wird und nie berufen sein kann, wie dieWeltgeschichte es allen Denen beweiset, welche Augen haben zu sehen, und auchsehen wollen; — sie sind eingegeben vom Haschen nach Dolksgunst, von derSucht, den Leidenschaften des Pöbels zu sröhnen, von der gewissenlosesten Buch--händlerspeculation, und wenn im hundertsten Falle Einer einmal in argloserEinfalt, in aufrichtig guter Meinung sie gebrauchte, so geschieht es entweder imAberwitze oder er ist ein Verblendeter, ein Verführter.
Selbst aus diesen etlichen Zeilen geht deutlich hervor, wie wichtig für dieVolksbildung der gesellige Verkehr, überhaupt hinsichtlich der zu Bürgernheranreifenden Handwerksgesellen ist, für welche leider die Schenke nur zu ofteine einladende Schule der Verzogenheit und Verderbtheit ist. (A.A.B.)
Ein wahrer Hirt.
Der allverehrte Patriarch von Venedig pflegt in später Abendstunde dieverschiedenen Stadtviertel zu durchstreifen und in vorkommenden Fällen Hilfeund Trost zu spenden. Nach Hause zurückkehrend, traf Se. Eminenz vor derThüre einer ärmlichen Hütte in Canareggio einen Mann, welcher bitterlichweinte und wehklagte. Auf die Frage des Patriarchen, was ihm fehle, erzählteder Mann unter Schluchzen, daß sein Weib todtkrank darniederliege und er nicht