Ausgabe 
20 (6.5.1860) 19
Seite
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unbarmherzigen Mißlauten. Die Wähler sprangen, arbeiteten sich ab, drehtensich, heulten, daß einmi Tauben das Trommelfell hätte zerspringen mögen. Nachdreistündigem Hexenlärm zersprang zum Glück an der Geige eine Saite; Musikund Tanz hielten inne, und die Leute taumelten auseinander. Der guteMissionär aber suchte die Nachtruhe in einem in der Zechstube selbst befindlichenBette. Nicht viel besser als in Braunfels erging es ihm mit einem Nachtlagerin dem Städtchen Sän Antonio, in dessen Nachbarschaft die einst berühmtenMissionen liegen, welche nun, wie so viele in Amerika , das Bild des traurig-sten Verfalls zeigen.

Zwei bis drei Meilen von Sän Antonio, am Flüßchen gleichen Namens,befinden sich die beiden alten Missionen Sän Josö und La Conception. Dieeine steht mitten in einem Chaparal (großem Gebüsch), die andere liegt ineinem Wäldchen verborgen, welches sie mit seinen riesigen Bäumen bedeckt. SänJosö hat noch eine dicke Mauer auszuweisen, welche drei bis vier Morgen ein-schließt. Hier erhebt sich eine Kirche von mittlerer Größe mit schönen Verhält-nissen, reichen Sculpturen und einem zierlichen Thurm. Während des Befrei-ungskrieges haben die Flinten der Texaner einige Arabesken beschädigt undeinige Heilige in ihren Nischen zerbrochen. Die Zeit nagt mehr und mehr andem Gebäude; aber der Kitt ist so fest, daß, wenn die Hand der Menschen nichtnachhilft, noch manches Jahrhundert verstreichen wird, ehe es zusammenstürzt.Dieser Kitt, berichtet die Sage, ist aus Kuh- und Schafmilch bereitet worden,und darum ist er so stark. Früher brachten die Spanier an diesen entlegenenOrt indianische Gefangene, welche die Franziskaner in der Religion, im Acker-bau und in einigen Handwerken unterrichteten. Die Häuschen dieser barbari-schen Zöglinge waren an die Mauer gelehnt. Gegenwärtig haben sich ihre Nach-kommen nach Sän Antonio oder auf andere Puncte am Fluß begeben; es sindnur noch ein paar arme indo-mexanische Familien übrig, welche ein wenig Maisbauen, in schrecklichem Schmutze leben und sich des Abends neben ihre verfallenenHütten legen mit der unvermeidlichen Cigarre in der Hand; die Kirche wirdnur noch von Wolken von Fledermäusen besucht; die weiten Löcher in den Ring-mauern lassen das Wild, die Indianer und sogar die ungeheueren, langsamen,von Ochsen gezogenen Wagen mit ihren massiven Rädern ein. La Concep-tion liegt auf der anderen Seite von Sän Antonio, die Kirche ist kahl undklein; aber der kühle Schatten und das kühle Wasser müssen es zu einem ange-nehmen Aufenthalt gemacht haben.

Die Priester in Sän Antonio waren Spanier; sie bewohnten ein garstigesHaus von Stein auf dem Marktplatze. Ich wurde in eine Bodenhälfte gesteckt.Das Mobiliar bestand aus einem elenden Gurtenbette ohne Matratze undStrohsack, aus einem hinfälligen Tische, zwei Stühlen, wovon der eine keinenSitz und der andere nur drei Beine hatte, und aus einem Sarg, mit der Be-stimmung, die Armen auf den Kirchhof zu tragen, von wo der Sarg ohne denLeichnam zurückkehrte, um denselben Dienst zu unbestimmter Zeit zu wiederholen.Ein Fensterchen ging auf die Straße von Mexico; in dem Dache war eine Lückeangebracht; das Dach ließ den Regen und namentlich die heißen Sonnenstrahlendurch. An Bewohnern fehlte es in meinem Verstecke durchaus nicht: die Fleder-mäuse, Ratten, Spinnen, Moskitos, Scorpionen, Jnsecten aller Art lebten mitmir. Der spanische Pfarrer erzählte mir, daß er lange Zeit keinen Todten aufden Kirchhof, welcher nur einen Pistolenschuß weit von der Pfarre entfernt ist,habe begleiten können, ohne sich von Bewaffneten escortiren zu lassen; so un-sicher ist die Gegend.

Dieser Schilderung eines Pfarrhofes in Texas können wir ein Gegenstückaus dem Berichte eines anderen Reisenden, des Hrn. Olmstedt Law, zur Seite