Ausgabe 
20 (13.5.1860) 20
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Katholiken in Castroville gingen zur heiligen Communion. Vor und nach demGottesdienst kamen Viele zu uns und fragten uns um Rath in Betreff der Ver-waltung und Verbesserung ihrer Farmen; dem Abbe Dubuis legten sie ihreStreitigkeiten vor. Sie erblickten in dem Missionär nicht bloß einen Mann,welcher unterweist, ermuntert und tröstet, sondern auch einen praktischen Mann,welcher tausend Mittel kennt, um die materielle Noth zu überwinden, den Bodenfruchtbar zu machen, kurz einen Familienvater, welcher für das geistige und leib-liche Glück seiner Kinder sorgt, welcher sich um ihretwillen vergißt, um ihret-willen sich so vielen Anstrengungen und Entbehrungen unterzieht. Auch waruns unsere Arbeit lieb und unsere Heerde theuer; wir genossen froh, was wirGutes thaten. Die Frömmigkeit unserer Ansiedler, die Armuth unserer kleinenKirche, die Einfachheit unserer gottesdieustlichen Handlungen machten mir oftdas Herz weich und entlockten mir Thränen, während ich unsere einzige Mon-stranz in den Händen hielt. In den schönen Kirchen Europas ist der Gottes-dienst voll Glanz: Gold, Crpstalle, Lichter blenden die Augen, Alles richtet sichan die Phantasie; hier dagegen spricht Alles zum Herzen und zieht es gerührtund liebeerfüllt hin zu den Füßen Gottes.

Jeden Sonntag um 10 Uhr wurde eine heilige Messe mit Musik gehalten,denn wir hatten einen Singchor errichtet, welcher gar nicht zu verachten war.Um drei Uhr versammelte sich die Gemeinde, um einen Rosenkranz zu beten;dann sangen wir die Vesper. Am Tage vor Ostern wünschte ich unsere Capellegeschmückt zu sehen und ihr ein festliches Ansehen zu geben; ich borgte alleShawls, Stoffe und Leuchter in Castroville, und sogar zwei kleine Thüren, umSeitenaltäre zu errichten. Die Mousseline und Shawls verwendete ich zu Be-hängen. Ich machte aus gedrehtem Holz, welches ich vergoldete, und aus MoosGefäße; hier that ich Blumen von jeder Größe und Farbe, welche in den Wäl-dern und auf der Ebene gepflückt waren, hinein. Unsere Colonisten waren ganzin Verwunderung über die große Pracht. Am folgenden Tage wohnten sämmt-liche Katholiken aus der Stadt und von den Farmen dem Gottesdienst in tieferAndacht bei, auf der Erde und im hohen Grase lange Stunden knieend, mitentblößtem Haupt und ohne an die drückende Sonnenhitze zu denken, welcheihnen die Stirne verbrannte. Du armes, vereinsamtes Volk, wie groß, auf-richtig und rührend war deine Andacht! der Allmächtige muß an jenem Tagegütig auf das Stückchen Erde , wo du betetest, herabgeschaut haben.

(Schluß folgt.)

Der Revivalismns in Gngland.

Es ist ein eigenes Ding um den Volksgeist. Weder Kirche, noch Schule,noch Polizei haben vermocht, ihn seiner Geneigtheit zu phantastischen Kundgebun-gebungen zu entwöhnen und die oft excentrischen Ausbrüche desselben zu ver-hüten. Zwar sehen wir vornehm von der Höhe unseres realistischen Standpunctesauf das Mittelalter herab, in welchem dergleichen allerdings häufig genug in dieErscheinung traten, man denke nur an die Geißlerfahrten, an den Hexenglaubenmit seinen Teufeln und Dämonen, an die Kinderkreuzfahrten u. s. w., aber istes denn unserem aufgeklärten und so ganz und gar materialistischen Zeitalter,dem Zeitalter der Intelligenz, gelungen, jenen wunderlichen Geist zu bannen?Freilich haben sich Gendarmen und Schulmeister redlich bemüht, dem Volkeseine von den Vätern überkommenen oft schönen und sinnigen Gebräuche undSitten zu nehmen, und leider ist es ihnen oft nur zu gut gelungen, ihm diesel-ben als abergläubische Ueberreste einer dunkeln Vorzeit, die sich für unsere auf-