Ausgabe 
20 (13.5.1860) 20
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geklärte Zeit nicht mehr schicken wollen, zu verleiden, ohne in ihrer Kasernen-dressur einen genügenden Ersatz bieten zu können. Und so ist denn ein nüchter-nes, aller Poesie daares Geschlecht herangewachsen, ohne dessen Dasein der Cul-tus der Materie nicht hätte ein so allgewaltiger und alleinseligmachender werdenkönnen, als jetzt leider der Fall ist. Den finstern Geist des Aberglaubens aberhaben sie nicht zu bannen vermocht. Er ist, kümmerlich verdeckt durch den Firnißder Cultur, zurückgeblieben in all' seiner Kraft und Macht, um bei jeder Gele-genheit die ihm widerwärtige Hülle zu sprengen. Wir dürfen uns nicht aus-halten bei den Geisterbeschwörungen und Teufelsaustreibungen des vorigenJahrhunderts, die Gegenwart gibt uns hinlänglich Stoff zu ernster Betrachtung.Thierischer Magnetismus, Somnambulismus und Hellseherei haben ungescheutihr Wesen bis aus die letzten Tage treiben dürfen. Vornehmer und geringer,reicher und armer, gebildeter und ungebildeter Pöbel ist gläubig und schaaren-weise in die Behausung von Betrügern und Betrügerinnen gewallfahrtet, umangebliche Wundererscheinungen und dasHereinragen der Geisterwelt" in dieGegenwart mit leiblichen Augen zu schauen; Tischrückerei und Geisterklopfereihaben ihren Umzug durch die Welt gehalten und schon berichten die Zeitungenwieder von einer neuen derartigen Erscheinung in dem aufgeklärten England ,die, weil solche moralische Epidemien ansteckend sind, vielleicht auch noch bei unswird beobachtet werden können. Es ist dies der sogenannte Revivalismus.(Wiederaufleben des Geistes.)

Der heilige Geist", erzählte emphatisch ein hiesiger, eben von dort zurück-gekehrter Bibel-Gesellschasts-Missionär dem Referenten,der heilige Geist hatsich über England ergossen, die Kirchen vermögen die Menge der zu ihnen wallen-den frommen Beter nicht zu fassen, die Täuzsäle werden in Bethäuser verwan-delt, die Schenken geschlossen u. s. w." Also England ist wieder auf dem Wegedas zu werden, was es einst gewesen,die Insel der Heiligen." Nun wir wün-schen es lebhaft und bitten zu Gott, daß dem so werden möchte. Einstweilenaber wollen wir uns Nachrichten darüber verschaffen, welche Bewandtniß es mitder verkündeten Ausgießung des heiligen Geistes über jenes Land habe. Undda kommt uns der Bericht eines Arztes aus London in einer medicinischen Zei-tung wie erwünscht, so daß wir denselben hier auszugsweise mittheilen wollen.

Im Allgemeinen läßt sich sagen, daß die englischen Revivalisten es nichtganz so toll treiben, wie es vor einer Reihe von Jahren in Amerika geschah, woein fanatischer Prediger in den Hinterwäldern Männer und Weiber, die sich inseinem Lager versammelten, zu Hunderten mit eigner Faust niederschlug unddann einen Triumphgesang anstimmte, daß er so und so viele Seelen aus denKlauen des Satans gerettet habe. Hier haben wir nur große Zusammenkünftevon reumüthigen Sündern, entweder im freien Felde, oder in Kirchen, oder ausoffenen Plätzen, oder in Privathäusern, unter welchen fanatische Prediger ihrMöglichstes aufbieten, um hysterische Paroxismen herbeizuführen. Sie haltenkeine eigentlichen Predigten, sondern schreien in Einem fort in außerordentlichschrillen Tönen von Hölle, Verdammniß, Gnade, und wenn dies eine Zeitlanggedauert hat, offenbaren sich auch allmälig die Wirkungen in der Zuhörerschaft.Dieselben sind sehr verschieden je nach der Individualität; meistentheils sind esunverheiratete Frauenzimmer, welche am ärgsten befallen werden, aber auchKinder undweibische Männer" werden häufig afficirt. Während der Geistlichenoch im höchsten Discant Gott anfleht, sofort auf die Erde hinabzusteigen und alleUnbekehrten zu Boden zu schmettern, entsteht ein wahrer Sturm von Schreien,Grunzen, Stöhnen, Heulen und Brüllen kurz eine Scene, wie sie in einemIrrenhause schwerlich geduldet werden würde. Einige schreien stundenlang Nichtsals Hölle! Hölle! Andere stoßen blos tiefe Seufzer aus, Manche rufen: HerrJesus habe Erbarmen mit meiner armen Seele! Dabei zittert der ganze Kör-