Ausgabe 
20 (20.5.1860) 21
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Doch gemach, noch scheint das große Werk nicht ganz vollendet. UnserLondoner ärztliche Berichterstatter zieht in seiner »«poetischen materiellen An-schauungsweise einen neuen Factor in Betracht: die Statistik, und kommt dadurchzu ganz anderen Resultaten, als die neuen Heiligen Albions uns glaubenmachen wollen. Er sagt:

Gegen einige von diesen Behauptungen legen indessen die unerbittlichenZahlen Zeugniß ab; so finden wir z. B. daß die Trunkenheit in den vom Revi-valismus heimgesuchten Districten durchaus nicht abgenommen, sondern sich imGegentheil bedeutend gesteigert hat, indem in der betreffenden Zeit in einemeinzigen Districte -182 Leute mehr als sonst im Durchschnitt wegen Trunkenheitund unordentlichen Betragens vor die Polizeihöfe gekommen sind; ferner daßdie Unsittlichkcit guvml noxu», durchaus nicht aufgehört, indem besonders amSonntag Abend, wo am wildesten gepredigt wird, bei großen Versammlungenoft fünfzig und hundert Individuen wegen unanständigen Betragens einge-steckt werden müssen. Es wäre in der That zu Wunsche», daß die Behörden sichhier in's Mittel legten, und wenigstens nicht zuließen, daß Wunder geschähen,wie vor Zeiten auf das Grab des Abbk- Paris geschrieben wurde:

I)e pnr le Nui o'«>st «Ivl'eiid»

I)e Nur« iiiinicw ilrin» Neu."

(Verboten ifl's durch Königs Wort,

Wunder zu thun an diesem Ort.)

In einigen Fällen von Revivalismus haben übrigens Aerzte sich veranlaßtgesehen, therapeutische Versuche zumachen und dabei das folgende Verfahren aufder Höhe des Paroxysmus wirksam gefunden: Man gießt kaltes Wasser strom-weise den Niedergeschmetterten auf das Gesicht und durchnäßt ihre Haare, ihreKleidung und ihren ganzen Körper, so daß sie sich äußerst unbehaglich fühlen;außerdem zieht man 'eine lange Schecre hervor und sagt halblaut: das Haar(bei Frauen) oder der Bart (bei Männern) müsse durchaus abgeschnitten wer-den. Auf diese Medication ist in manchen Fällen überraschend schnelle Heilungerfolgt."

Der ärztliche Bericht ist so klar und deutlich, daß es einer weitern Erör-terung der Sache nicht bedarf, um sich ein Urtheil hierüber bilden zu können.

Das Mutter-Söbnchen.

Paul lebte mit seiner Frau sonst in gutem Frieden, der einzig und alleinnur der Kinder wegen gestört wurde. Paul war ein besonnener strenger Vater,seine Frau aber eine unbesonnene dumme Mutter. Er sah den Kindern keinenFehler nach, sie aber bemäntelte die gröbsten Vergehungen in ihrer Affenliebe.Es kann keinen größeren Fehler in der Erziehung geben, als wenn die Elternnicht eines Sinnes sind, oder wenn sie sogar in Gegenwart der Kinder miteinander streiten, ihre gegenseitige Erziehung tadeln; solche Kinder entarten ge-wiß, aber zum Nachtheile der eigenen Eltern, welche die Rnthenschläge, die sieau dem Kinde sparen, dann gar oft von den eigenen Kindern bekommen.Paul hatte fünf Kinder, einen Knaben und vier Mädchen, deren Erziehung ihm,wie ich schon sagte, sehr am Herzen lag, doch konnte er sie nicht so besorgen undleiten, wie er wollte, denn sein Geschäft gestattete ihm nur die Mittags- undeinige Abendstunden unter seinen Kindern zu verweilen, oft rief es ihn tage-,ja wochenlang aus dem Hause. Er war Handelsmann. Die Mutter hatte nunihre ganze und zwar übertriebene Liebe auf das einzige Söhnchen geworfen,eben weil es das einzige war; die armen Mädchen mußten das oft gar bitter