Ausgabe 
20 (20.5.1860) 21
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166
 
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erfahren. Denn das Fränzchen so hieß der Knabe mußte immer Rechthaben, wenn er auch die größten Ausgelassenheiten beging. Die verblendeteMutter wußte ihn immer zu verheidigcn.

Lasse dir nun, lieber Leser, einige Scenen erzählen, wie sie da oft vor-kamen. Eines Abends, als Vater Paul nach Hause kam, sah er, daß allevier Mädchen rothgeweinte Augen hatten. Er stutzte darüber, rief die Kinderzu sich uud fragte sie um die Ursache. Von neuem begannen die armen Kinderzu schluchzen und wollten nicht gestehen, was geschehen war, denn sie fürchtetenden Zorn der eigenen Mutter. Nur als diese einige Augenblicke sich entfernte,entdeckte das eine Mädchen, daß sie es nicht sagen dürfen, wenn es die Mutterhöre. Franz sei sehr grob und abscheulich gewesen, Habe im Zorne mit demStocke sie geschlagen, ihnen ihre Schulbücher beschmutzt und zerrissen und sieauf die abscheulichste Art bei der Arbeit geneckt. Sie hätten es der Mutter ge-klagt, und anstatt Recht zu finden, habe die Mutter ihnen mit Schlägen gedroht.

Indessen trat die Mutter ein. Paul rief den Knaben und hielt es ihmvor; der aber, verzogen wie er war, begann zu weinen und zu schreien.

Aber sag' mir doch, was hast Du denn mit dem armen Kinde?" fragtehöchst erzürnt die einfältige Mutter.

Bis jetzt noch nichts", antwortete Paul,gehet, Kinder, zeiget mir eureAufgaben."

Die Kinder gingen und brachten ihre Bücher und Paul sah, daß sie Wahr-heit gesprochen hatten.

Franz, komm her zu mir. Sage mir, wer hat denn diese Bücher so mitSchmutz und Tinte befleckt, ja sogar zerrissen?"

Ich nicht", schrie der Bube, zappelte mit Händen und Füßen und lies zurMutter. Doch der Vater erwischte ihn noch und gewann Zeit, ihm mit derRuthe einige Streiche zu geben. In größter Wuth sprang die blinde Mutterdazwischen, entwand dem Vater die Ruthe, zog den Buben zu sich und schalt denVater aus die empörendste Weise:Was hast du doch immer mit dem Knaben !Ja, ich weiß es längst, daß er dir ein Dorn im Auge ist. Nichts hat der Knabebegangen. Er hat mit den vier lügenhaften Dingern ein wenig gescherzt, sonst nichts.So ein Kind wird auch sehr schlagen können", sagte sie bitter höhnend.Dieseempfindlichen Dinger lügen dich an, weil sie schon wissen, daß sie bei dir Hülsefinden. Komm, mein Fränzchen, komm zu deiner Mutter, dein Vater kanndich, armes Kind, so nicht leiden, hast auf der Welt so Niemanden, als deineMutter, die dir gut ist. Armes Kind, wie würde man mit dir umgehen, wennich nicht wäre!" Was weiter geschah, kannst du dir denken, lieber Leser.

Einige Wochen darnach nahm Paul, als er eben aus der Kirche kam, denKnaben her, gebot ihm, seine Schulbücher zu zeigen, fragte ihn nach Dem undJenem, und da er weder in den Büchern Ordnung fand, noch eine Antwort vondem Knaben erhielt, befahl er, ihm nichts Anderes zu geben, als einen TellerSuppe und ein Stück Brod. Und da der Knabe in einen wüthenden Zorn ge-rieth, ließ es Vater Paul auch an körperlicher Strafe nicht fehlen. Die Ursachealles dessen war, weil sowohl der Pfarrer, als der Lehrer über den Buben ge-klagt hatten, sowohl wegen seiner großen Ausgelassenheit als auch wegen seinerNachlässigkeit.

Nun hätte man ein tolles Weib in der Frau des Paul sehen sollen. DieEntziehung des Mittagsessens konnte sie nicht verhindern, denn Paul hatte sichernstlich gegen jeden Widerspruch verwahrt und sein väterliches Ansehen zuschützen gewußt. Nun ließ das tolle Weib seinen Zorn gegen Pfarrer undLehrer aus und schimpfte in Gegenwart der Kinder auf beide, den Kindern ehr-würdige Personen, so daß die vier Mädchen helllaut weinten. Alles VerbotPauls half nichts. Er selbst nahm Stock und Hut, um nur von dem furiosen