Ausgabe 
20 (20.5.1860) 21
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Weibe wegzukommen. Kaum war er zur Thüre hinaus, so bekam das ungezogeneKind alles Erdenkliche zu essen. Der verzogene Knabe überaß sich, als hätteer dem Vater wollen einen Possen beweisen! Die Folge aber davon war, daßihn eine Krankheit fast zum Sterben brachte. Wäre nicht Schade gewesen,aber Unkraut verdirbt nicht, sagt das Sprichwort. Das Neble war, daß nun derKnabe, nachdem er genesen war, noch lange kränkelte und so gegen jede Strafegleichsam geschützt war. Alle seine Unarten und Untugenden wußte die Mutterzu verheimliche«, zu entschuldigen und das Muttersöhnchen zu schützen.

Es könnte dich langweilen, lieber Leser, wenn ich dir alle die entsetzlichentraurigen Scenen beschreiben wollte, die sich da zugetragen haben. Man gabihn in die Lehre, aber es geschah, daß ihn kein Meister behalten wollte, obwohldie verblendete Mutter alles zudeckte, was ihr verdorbener Sohn that. Da unddort zahlte sie, was er gestohlen und verdorben hatte, hier wieder legte sie alleSchuld aus den Meister und die Gesellen.

Man gab ihn in Schulen, er sollte studiren, auch da kam Klage auf Klage,aber Alles lenkte die Mutter ab, und alle Welt mußte Unrecht haben, nur gegenihren Franz ließ sie nichts sagen.

Vater Paul, sonst ein sehr braver rechtschaffener Mann, durchblickte dieganze Sache. Doch er war einerseits zu schwach, um dem Unwesen Einhalt zuthun, anderseits ließ es ihm sein Geschäft nicht zu, und beides war Ursache, daßdas Uebel schon viel zu weit um sich gegriffen hatte, als daß er hätte entgegen-wirken können. Kurz, der Gram ergriff ihn und zehrte am Marke seines Lebens,bevor noch alle seine Kinder versorgt waren. Er starb mit Thränen bitterenSchmerzes in den brechenden Augen. Diese Thränen, o sie waren verzehrendeFeuer, sie waren dem sterbenden Vater erpreßt von einer blinden Gattin aneinem ungerathenen Sohne. Gefühllos standen beide am Grabe des Ehren-mannes. Nothdürftig waren die vier Töchter verheirathet. Franz hatte sichendlich der Jägerei gewidmet, und, da er sich mehrmals im Interesse der Herr-schaft, wo er diente, gegen Waldfrevler und Wilddiebe mit Aufopferung seinesLebens ausgezeichnet hatte, bekam er eine Försterei, die ihm allenfalls ein Aus-kommen verschaffte. Diese Beschäftigung war ihm eben recht, das Herumwildernin den Wäldern gefiel ihm, und dabei durfte er seinem rohen Gemüthe, ausdem er oft den armen Holzsammleru alles Unheil bereitete, ungestraft Nahrungverschaffen. Er war gefürchtet und gehaßt in der ganzen Gegend. Bei all seinerRohheit hatte er doch noch so viel Gefühl, daß er seiner Mutter ein Plätzchenim Hause einräumte, aber wieder nur deßhalb, weil ihm nun das alte WeibMagd sein mußte. Verheirathet hatte er sich nicht, dazu war er selbst zu rohund entartet, und von Allen gefürchtet und verabscheut.

Das waren bisher die Früchte einer Mutter, welche die Sünde vertheidigte.Lasse dir auch das Ende dieser Mutter und dieses Sohnes, und somit die ent-setzliche Frucht einer für nichts gehaltenen fremden Sünde erzählen, die daheißt: die Sünde vertheidigen.

Siehe dort, im einsamen Jägerhanse sitzt in einem Winkel, zusammen-gekrümmt vor Hunger und Jammer, das alte Weib, und harret mit Zittern undBeben der Heimkunft ihres Sohnes. Todt, still, öde und einsam ist's ums För-sterhaus, in welchem sich kein lebendiges Wesen befand, als die alte Mutter undzwei Kettenhunde, die vor Hunger heulten. Nun kam der rohe entartete Sohnin einem fürchterlichen Zustande. Es war Nacht. Unterwegs hatten ihn dieüber seine Rohheit entrüsteten Leute aus der Nachbarschaft abgelauert und ihmeinmal einen Denkzettel angehängt. Er blutete aus mehreren Wunden. Da erjener nicht Herr werden konnte, so ließ er nun mit Entsetzen erzähle iches seine Wuth an der eigenen Mutter aus. Die beklagenswerthe Alte konnteihm, da er nach Hanse kam, nichts zu essen vorsetzen; sie hatte nichts und der

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