Ausgabe 
20 (27.5.1860) 22
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der Scheidestunde ließ er seine beiden Söhne bei dem Sterbebette erscheinen.Er theilte die großen Summen seines Vermögens unter dieselben. Die Abend-glocke schlug sieben. Draußen stürmte die kalte Herbstluft und schüttelte diewelken Blätter von den Bäumen, wie der Tod bald die Körperhülle von derSeele des alten Granson abstreifte.

Die Lampe brannte düster in der Krankenstube des alten Granson, undwarf einen trüben melancholischen Lichtschein nach den ringshin braun getäfeltenWanden. Auf dem Schranke, der mit zierlichen Glasarbeiten umstellt war, la-gerte sich der schwarze Hauskater und schielte mit seinen flammenden Augen ausdieser durchsichtigen Umgebung hervor und regte sich auch furchtsam oft, als be-drohe ihn das Aufsteigen von Gewitterstürmen. Die Wanduhr aus alter Zeitnoch kommend, knarrte mit ihrem einförmigen Schlagklange durch die Todten-stille des Gemaches, welche dann zuweilen von den schweraufkeuchenden Seufzernund von dem unheimlichen und qualvollen Athemholen des alten Granson unter-brochen wurde.

Seine beiden Söhne und der Gerichtshalter der Gegend traten herein.Der letztere schauderte. Werner Granson, der jüngere, betete mit bangem Herz-erzittern; Franz Granson, der ältere Sohn, bewegte die Mienen wie zum jauch-zenden Lächeln. Er gedachte der Erbschaft und der freien Tage später.

Der Anblick Granson's mußte furchtbar sein. Er war ein Bild der Ver-zweiflung. Abgemagert und abgezehrt lag, im Leben schon das Gerippe desTodes, sein Körper da. Die Brust röchelte dumpf. Er schien der Lunge müh-sam noch diese leisen und letzten Bewegungen abzuzwingen. Das wirre Augequoll aus seinen Höhlen. Kalter Schweiß rann ihm von der kahlen Stirne,sobald er aus den wildgährenden Fieberträumen auffuhr, und mit den langengrauen Fingern an der Wand herumtappte. Diese Finger wurden ihm jetzt zurPeinquelle. Er sah sie und ihm wurde das Gedächtniß zu den falschen Eidenhingerissen, die sein Mund und sein Herz geschworen. Er sah Blut kleben andiesen Fingern von Unschuldigen, die sein Urtheil zu Grunde richten ließ, unddarüber erhoben sich die umherstehenden und von Gold strotzenden Säcke als dielautesten Ankläger. Wie mit Eishänden hielt ihn der Gedanke auf diese Tha-ten seines Wirkens gedrückt. Aus dem Gewissen stieg ihm ein finsterer Geisthervor. Der weckte die Stimme der Vergangenheit noch mehr auf, und dem Ster-benden dröhnten wie Gerichtstagdonner die Klagen der Wittwen und Waisen indas Ohr, welche sein Betrug um Hab und Gut gebracht hatte. Er rang sichauf, drohte, die Finger zur Faust ballend, diese Klaggestalten von seinem Lagerfort. Sie blieben aber starr, und ihr Jammern und Seufzen preßte ihm einMark und Bein erschütterndes Heulen aus. Dabei nahm das eingefallene tief-gelbe Gesicht, im trübsten Lampenschimmer, eiue Schwärze an, die Entsetzen erregte.

Das Vermögen ist euer, theilt euch in dasselbe. Aber nun bitt ich euch,lasset mir doch bald, den Priester kommen, ja recht bald, daß ich ruhigsterben kann!" So deutete der Alte seinen Söhnen jetzt. Er sprach's. Aberder Tod überfiel ihn plötzlich, wie ein gewappneter Mann. Er starb. Wernerweiyte kindlich, Franz jedoch frohlockte teuflisch.

Die Brüder theilten sich in das Vermögen. Es ward dem Einen zum Fluche,dem Andern zum Segen. Franz nahm einen großen Theil seiner Erbschaft undzog in die Welt hinaus am Stab des Leichtsinnes. Er vergaß Gott und Kircheund Tugend, und warf sich in den Strudel ekler und sündhafter Zerstreungen.

Werner Granson aber blieb getreu den guten Lehren seiner vielbeweintenMutter , welche dieselben noch vom Sterbebette herab ihm in's Herz gesprochen.Er hielt fest am Glauben seiner Väter, verweilte gern im Hause Gottes, undwar der Spender zahlreicher milder Gaben an die Armen. Er lebte fromm undübte Barmherzigkeit am Nächsten stets, bis daß er starb. Die von ihm erquickte