173
Armuth goß ihm Thränen des Dankes auf die Gruft hin. Matt segnete seinAndenken.
Ein Glöckchen der Waldcapelle dort im Gransou'schen Besitzthume tönte zurFerne und lud die Gläubigen zum Gebete bei der Todtenmesse. Die Capelle, graudurch das Alter, stand inmitten grüner weitverzweigter Linden. Es war stille hier.Rings sah man Bildstöcke angebracht, welche Bilder aus der Leidensgeschichte Jesuvorstellten, und welche die Andacht zu umwandeln pflegte. Schon sangen dieGeistlichen die Todtenvesper und an Grab und Gericht mahnten die Psalmen.Wurde von den Priestern innig für den Verstorbenen gebetet, so gewiß auch vonden Armen, welche vor der Capelle knieten auf dem Sandboden. Sonderbarmußte der Eindruck auf das Herz eines Fremden wirken, wenn der durch dieseWaldeinsamkeit geschritten wäre. Auf der rechten Seite befanden sich fünfzigMänner und auf der linken fünfzig Frauen, zu zweien stets gereiht. Alle trugenden Schnee des Alters in den wenigen Haaren noch. Ihre Kleider waren diestummen Zeugen ihrer Noth. Ihr Gebet war salbungsvoll auch durch die äußerefromme Haltung. Thränen befeuchteten manches Auge. Wer diese Greisen sah,konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß bei Manchen vielleicht das Kirchen-gehen bald ein Ende habe.
Die Glöckchcn läuteten eben zusammen und der Gottesdienst begann. Dawar auch keiner unter den Anwesenden, welchen diese Gedächtnißfeier für einengeliebten Todten nicht tief gerührt und zum Gebete und zum Danke gestimmthätte. Klagsam schallte durch den Wald der Gesang und hallte in seinen Gründenfeierlich wieder.
Horch! Rossegewieher und Peitschenknall und Hörnerklingen und Stimmen-geräusch wurde vernehmbar, und die Wogen der Töne kamen immer näher. Einjunger Mann, umgeben von rohen Gesellen, ritt daher, und der Chor der Todten-lieder machte keinen Eindruck auf ihn. Er lachte laut über diese Meßklänge undließ die Hörner blasen, um die ernsten Choralstimmen zu bedecken. Die Gesell-schaft kam heran. Sie stutzte. Nun aber lärmten Alle fort, und doch wiederunterbrachen sie ihr Getöse, als sie vor der Capelle die betenden Greise sahen.Der junge Mann gebot Ruhe seiner Schaar, welche fast dem wilden Heere glich.Er selbst schien bald einem vom Sturme gerüttelten Baume ähnlich. Seit Jahrenmied er die leiseste Berührung mit allem, was an Tugend und Gott und Ewig-keit mahnte. Er ward darum nur schlecht der Raubgras genannt. Die Vorsehungschien ihn Plötzlich hieher geführt zu haben. Die Grablieder, wemuthvoll unddumpf und auf Verwesung deutend, lasteten auf seinem Herzen. Er fühlte, daßdes Christen Beruf höher sei als nur das Vertieftsein in's Irdische und in dasLasterhafte. Er schämte sich seiner Vergangenheit und der Meisterführer verwor-fener Menschen zu sein. Er wünschte seine Umgebung in ferne Welttheile. Eswaren ihm Alle treuergebene Genossen, weil des Verschwenders Geld für sie zurgoldenen Kette geworden. Er scheute jetzt den Anblick der Abentheurer. Dieserjunge Mann war Franz Granson, der seithin das reiche Erbtheil von seinemVater bis zur Hälfte schon mit dieser Schaar vergeudet hatte. Er stand imernsten Sinnen.
Der Gottesdienst war beendigt und die Lieder erklangen. Die fünfzigMänner und die fünfzig Frauen schlössen vor dem Kirchlein einen Kreis. DerMeßpriester trat heraus mit einer großen Papierrolle und las unter Anderm:„Das ist noch mein besonderer Wille, daß alljährlich an meinem Todestage hundertarme Personen gekleidet und frei bewirthet werden. Der Gotteslohn dafür sei,daß sie beten für Granson, den Vater, und für mich Werner Granson!" — „Danketdem Allerhöchsten, ihr Armen," rief .der Priester, „für solches Testament, für solcheheilbringende Verwendung des Ueberflußes zeitlicher Güter! Gott erquicke WernerGranson's und seines Vaters Seele dafür in der Ewigkeit!"