Ausgabe 
20 (27.5.1860) 22
Seite
174
 
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Der Priester schwieg, und an die hundert Personen wurden vollständigeKleidungsstücke vertheilt und eine kleine Geldzulage beigegeben. Die Beschenktenknien noch einmal nieder und riefen dankbar den Namen des MenschenfreundesWerner Granson."

Franz Granson ward in diesem Augenblicke für den Himmel gewonnen.Guter Bruder!" rief er laut,wie christlich hast du, und wie unchristlich hab'ich gehandelt! Ich will dir nachfolgen! Ich will besser werden!"

Seinem frommen Entschlüsse folgte bald auch die schöne Verwirklichung. Erschritt fortan wie ein treuer Jüngling des Erlösers durch das Leben. Wohlthuendbegrüßte er die Hütte der Armuth oft. Sein Testament später glich dem seinesBruders.

Vor dem Tode.

6. Valentin war ein braver Taglöhner, welcher sein ganzes Leben langGott vor Augen gehabt hatte. Jetzt lag er an einem unheilbaren Lungenleidenschwer darnieder. Seine betrübte Frau, seine beiden erwachsenen Kinder sahenmit Bekümmerniß dem Frühjahre entgegen. Der Arzt hatte gesagt, daß dieseüberall hin Leben und Freude bringende Zeit für den Kranken, für seine Familiedie Zeit des Todes und des Schmerzes sein werde. Der Leidende allein hofftezuversichtlich auf Wiedergenesung, und, da man ihm mit der Hoffnung für dasLeben das Leben selbst genommen hätte, und ihm deßhalb die traurige Wahrheitverhehlen mußte, so konnten ihn weder die eindringlichen Bitten der Seinen,noch die ernsten Mahnungen seines Seelsorgers zum Empfange der heiligenSacramente bewegen.Der heiligen Oelung bedarf ich nicht" pflegte erzu sagendenn ich bin nicht auf den Tod krank, und die übrigen Sacra-mente empfange ich lieber, wenn ich wieder gesunden Leibes bin. Dann ist meinGeist zum Erkennen klarer, mein Gemüth minder niedergeschlagen." DerArzt, ein glaubensloser Mann, welcher durch den Empfang der heiligen Sacra-mente Minderung der Lebenshosfnung und als Folge zu große Aufregung fürden Kranken fürchtete, bestärkte denselben in seiner vorgefaßten Meinung.Veronika hingegen, des Taglöhners Gattin, und ihre beiden Kinder wurden vontiefster Gemüthsunruhe ergriffen. Denn selbst der Gerechte fällt des Tagessiebenmal. Wie leicht also konnte Gatte und Vater für's zeitliche, wie für'sewige Leben verloren gehen?

Während Anna, die Tochter, der Mutter im Hauswesen, in der Pflege desKranken treulich half und auf diese Weise nur wenig mit weiblichen Arbeitenverdienen konnte, war hingegen Franz, der Sohn, darauf hingewiesen, mit seinerHände Fleiß fast die ganze Familie zu ernähren. Zu arm, ein Gewerbe er-lernen zu können, war, wie früher bei'm Vater, Taglohn seine einzige Quelledes Broderwerbs, und mit rastlosem Eifer arbeitete er vom frühesten Morgenbis zum spätesten Abend.

Ein Gewitter im Leben der Natur ist die Aufeinanderfolge mehrererBlitzstrahle und Donnerschläge. Nicht selten verhält es sich auf gleiche Weisebei den Gewittern, welche den menschlichen Lebenshimmel trüben. Der Vaterlag auf dem Siechbette, und der Sohn wurde eines Abends bewußtlos in'sHaus getragen. Ein von der Höhe auf seinen Kopf fallender Gegenstand hatteeine Ohnmacht hervorgerufen. Der bei'm Vater weilende Arzt erklärte dieselbeals Wirkung einer leichten, gefahrlosen Hirnerschütterung. Wirklich kehrte dasBewußtsein bald wieder, und Tags darauf fühlte sich Franz so weit hergestellt,daß er leichtere Geschäfte verrichten konnte.