AiigMgrr AmtugMM.
SL. 3. Juni 1860.
DaS Augsburger TonntaaSblatt (Sonntags-Beiblatt zur AuqSburger Post-Zeitung XX. Jahrgang) erscheint regelmäßig alle Sonntage. Der vierteljährigeAbonnementspreis ist 2V kr., wofür es durch alle k. bayer. Postämter und alle Buchhand-lungen bezogen werden kann.
Die LeidenSblume.*)
6. Im Dorfe wohnte ein Amtmann, dessen Töchterchen der kleinen ClaraAltersgenosfin und Gespielin war. Einst kam nun Clara voll Freude nachHause gesprungen. — Mutter! — rief sie — Ich chabe heute bei Amtmannseine wunderschöne Blume gesehen; aber sage mir, warum heißt sie denn Leidens-blume, wie sie Röschen nannte? Sie ist so lieblich, daß bei ihrem Anblicke dasHerz vor Freude brechen möchte.
Sie heißt Leidensblume, weil sie das Leiden unseres Erlösers versinnbildet.
Wie das?
Sage mir erst, welche Farbe die Blume hatte, weil es deren mehre Arten gibt.
Sie war weiß und in der Mitte purpurroth.
Gib nun Acht! Die Blume ist weiß, die Schuldlosigkeit des Leidensunseres Heilandes anzudeuten. Roth ist überhaupt die Farbe des Leidens. Daßaber die Mitte der Blume, also ihr Strahlenkranz roth ist, soll uns daranerinnern, daß das Herz Jesu, der Mittelpunct des Lebens, am tödlichsten vomLeiden betroffen ward. Der Strahlenkranz ist ferner die Krone jeder Blume.Mit der Krone verbinden wir den Begriff des Höchsten. —
Das soll also sagen — fiel Clara der Mutter in's Wort — daß dasLeiden Christi die höchste Stufe erreicht hat.
Getroffen, mein Kind! Nun laß Dir noch Etwas bemerken, was Duvielleicht nicht beobachten konntest. Gerne stützt sich der Stiel dieser Blume andie benachbarte stärkere Pflanze. Selbst in diesem geringfügigen Umstände liegtdie tiefste sinnreichste Deutung.
Ich habe sie, ich habe sie — rief Clara frohlockend — Simon half Jesusein Kreuz tragen.
Und warum meinst Du wohl, daß dies geschah?
Ei aus demselben Grunde, aus welchem ein Mensch dem Andern Etwastragen hilft, weil Einer für die Last zu schwach ist.
Nachdem Clara dies gesprochen, ward sie Plötzlich ernst und nachdenkend.Einige Minuten herrschte Stille. Dann begann die Mutter: Worüber sinnstDu, mein Kind!
Du hast mir so oft gesagt, daß der Mensch das höchste Wesen auf Erdensei. Jetzt beneide ich diese Blume um ihr herrliches Loos.
Thue das nicht! Was die Blume unfreiwillig ist, das kann der Menschaus freien Stücken werden: das möglichst vollkommene Abbild des göttlichenLeidens.
Bitte, bitte, Mütterchen! zeige mir das und nimm dazu einen recht braven,frommen Menschen, denn gewiß nur ein solcher kann ein Abbild Gottes werden.
Du hast nicht ganz Unrecht; allein wir sollen nicht immer an andern
*) Die weiße Passionsblume.