Menschen lernen wollen. Am besten lernen wir an uns selbst; deßhalb habe ichDich hiezu gewählt.
Mich? bin ich denn so brav und fromm? — fragte Clara ganz verwundert.
Gott behüte mich, daß ich dieses je behaupte; allein Du kannst und sollstes werden.
Und ich will es werden, meine liebe, gute Mutter!
Das freut mich. Lege jetzt einen Beweis davon ab, indem Du hübschaufmerkst! Siehe: Während der Heiland freiwillig litt, so müssen wir Alle, dermehr, jener minder, unfreiwillig leiden.
Wir Alle?
Ja, auch Du, mein Kind! Hat Dir noch nie ein Finger, oder der Kopf,oder sonst Etwas wehe gethan?
Oft schon. Aber meistens war ich selbst Schuld daran. Wenn mich derFinger schmerzte, hatte ich mich geschnitten oder gestoßen.
Darin unterscheiden wir uns also vom Heilande, der ohne Selbstverschuldenlitt, während wir gewöhnlich selbst Ursache an unsern Leiden sind. Allein ineiner andern Art können wir Jesum in der Schuldlosigkeit des Leidens nachahmen.
Ich weiß, liebe Mutter! was Du sagen willst. Mir fällt die alte Marthabei'm Tode ihres Kindes ein. Sie gab in ihrem Schmerze Alles Gott anheim.
Du hast's gesunden. Wie der Mittler sein unverschuldetes, so müssen wirunser verschuldetes Leiden tragen gleich einem Schuldlosen durch die gänzlicheHingabe an Gott, den Schuldlosesten. — Welcher Schmerz indessen hat Dirunter allen Schmerzen am Wehesten gethan?
Der Schmerz, welchen mein Herz empfand.
Sie hierin eine Ähnlichkeit mit dem göttlichen Leiden! Die ausgebreitetenArme, die durchbohrten Füße am Kreuze, die Dornenkrone auf dem Haupte !schmerzten den erhabenen Dulder nicht so tief, als die Wunden seines Herzens.
— Weßhalb, oder wann nun that Dir das Herz am Wehesten?
Wenn ich Dich beleidigt hatte, liebe Mutter!
Hierin liegt ein Gegensatz, welcher uns so recht an den Unterschied desgöttlichen und menschlichen Leidens erinnert.
Erkläre mir dies deutlicher!
Den Heiland schmerzten die Wunden des Herzens am meisten, weil er es ^mit dem Herzen empfand, daß ihn die Menschen verwundeten, deren Wunden erunaufhörlich geheilt. Uns thut das Herz am Wehesten, wenn und weil wir ^
fühlen, daß wir Andern wehe gethan. — Der göttliche Dulder empfand dieWunden, welche ihm geschlagen wurden. Wir empfinden da gleichsam die Wun-den, die wir selbst geschlagen.
Clara weinte.
Weine nicht, mein Kind! Es gibt Etwas, das uns selbst im herbstenLeide tröstet. Auch hierin erinnert uns die Passionsblume an eine Ähnlichkeitund einen Unterschied des göttlichen und menschlichen Leidens.
Ich verstehe Dich nicht.
Wenn Dir etwas wehe thut, wem klagst Du es?
Dir, liebe Mutter! weil ich weiß, daß Du an meinem Schmerze treulichTheil nimmst.
Wie also Simeon Jesu das Kreuz tragen tragen half, so haben wir aufErden Menschen, die unser Kreuz tragen helfen. Hierin beruht die Ähnlichkeitzwischen beiden Leiden, wenn gleichwohl Simeon unfreiwillig half, wir aberöfter zu aufrichtiger Theilnahme bereitwillige Herzen finden. Nun höre weiter!
Als ich jüngst so krank war, daß ich den Tod erwartete, und der Arzt Dir ver-boten, Dir etwas gegen mich verlauten zu lassen; wem klagtest Du da DeinenKummer? Vielleicht der Nachbarin? !