Ausgabe 
20 (5.8.1860) 32
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des Bodens, wie Milch, Bohnen u. s. w. gehen in die übrigen Provinzen zuhohen Preisen; dabei liefern die vielen Hausthiere, die hier frei umher laufenund sich selbst Nahrung suchen, reichlichen Vorrath an Lebensmitteln. Kein Wunder,wenn ein Moselländer, der in seiner Heimath ein winziges Stück Weinberg undzwei Ziegen besaß, nunmehr ein oavallikiro bniüüeiro zu sein glaubt, weil ereine hübsche Strecke Landes, eine dazu passende Wirthschaft, 5 Reitpferde u. s. w.besitzt. Da darf freilich an seinem Gesicht der Knebelbart und an seiner Beklei-dung das englische Leder nicht fehlen. Die Regierung selbst scheint den Deutschen sehr gewogen zu sein und thut ihnen sehr Vieles zu Gefallen. Sie wirbt jetztwieder in Deutschland Colonisten und fast täglich sehen wir Schaaren von Ein-wanderern an unserm Hause vorbeiziehen oder in dem uns gegenüber liegendenehemaligen protestantischen Bethause untergebracht werden, die dann weiter geyenWesten nach Ncupetrvpolis gehen sollen. Sie kommen von Hamburg und sindmeistens Protestanten aus Sachsen und Pommern. Zu den ersten katholischenAnsiedlern gesellten sich später andere aus dem Mainzischen und Hannöverschen,aus Pfalzbayern und Sachsen. Die ganze deutsche Colonie erstreckt sich jetzt 12Stunden in die Länge und 10 in die Breite.

Mir liegt es hauptsächlich ob als Missionair, die verschiedenen Bezirke zubesuchen; besondere Sorgfalt muß ich denen widmen, die 5 oder 6 Stundenvon der Pfarrkirche entfernt im dichten Wald liegen, damit sie nicht verwildernund endlich vergessen, daß sie katholisch sind. Auf einem solchen Ausfluge, der4 bis 5 Tage dauert, halte ich dreitägige Missionsübungen in kurzen Vortragen,höre täglich 30 bis ^0 Beichten und versammle die Kinder zur Christenlehre.Nebenbei besuche ich die Kranken, klopfe an die Herzensthür armer, verkommenerMenschen, nnd biete auch den Negern und Portugiesen die Hilfe der heiligenReligion an. Sie sind im höchsten Grade unwissend, lassen sich aber durch geist-liche Gespräche, die man glücklich einleiten muß, in vertraulicher Unterredunggewinnen und belehren. In unserer Pfarrkirche selbst habe ich mehrere Maleim Monat zu predigen, wo immer eine große Volksmenge aufmerksam zuhört.Auch bereitete ich hier schon Kinder auf die erste heilige Communion vor. Hättenwir nur für die armen Kleinen gut eingerichtete katholische Schulen! Einigegehen nun in die der Protestanten, die hierfür bereits gehörig gesorgt haben unduns mit ihren Bemühungen hindernd in den Weg treten. Wenigstens eben soviel Nachtheil bringen uns die lähmenden Maßregeln, die hier nicht selten gegendie Kirche ergriffen werden. Ich habe diesen Uebelstand schon in einem Briefeberührt, den ich Ihnen von Rio-Janeiro aus schrieb. Betrübender aber für unssind die Schwierigkeiten, denen wir manchmal bei den Deutschen selber begegnen.Sie bringen mitunter aus Europa einen Freiheitsschwindel her, der da beanspruchtvöllig ledig zu sein von Allem, was schwer fällt und Ueberwindung kostet, undder nicht selten in einer zügellosen Großsprecherei, in einem groben und arro-ganten Benehmen sich kund gibt. die rastlose Arbeitswuth, von welcher der neueAnkömmling aus Noth, der ältere Colonist aus Gewinnsucht getrieben wird, er-stickt das religiöse Streben nach überirdischen Gütern; endlich sind die fremdartigenElemente, die aus allen deutschen Gauen und Religionsbekenntnissen zusammen-strömen und mit den etwa vorhandenen guten Bestandtheilen sich mischen,unserem Wirken nicht gar förderlich. Einen Trost haben wir doch; das abscheu-liche Laster gegen die Sittlichkeit ist unter den Deutschen , besonders wenn siegetrennt von Brasilianern leben> sehr selten. Die gleichsam durch die Ansiedelungbedingte Lebensart schützt sie davor, indem manche äußere anderswo so schädlicheGelegenheiten nicht da sind, und junge Leute, die sich verglichen wollen, baldmit reger Arbeitsamkeit eine sichere Existenz haben. Ich wundere mich überden kräftigen schönen Wuchs der hier geborenen Deutschen; sie haben weit aus-geprägter die deutsche Physiognomie, als die Ankömmlinge aus Deutschland . Ihr