Ausgabe 
20 (9.9.1860) 37
Seite
294
 
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trauen an dir, nimmt alle deine Ermahnungen und Unterweisungen arglos insein Herz auf. Unter allen Geschöpfen auf Erden liebt dich, o Mutter, deinKind am meisten. Wenn du nun dieses Gefühl der Liebe hinüberleitest auf denewigen Vater, der Alle liebt, Alle erhält. Allen Gutes erweiset, so wird unfehl-bar in dem Herzen deines Kindes die Liebe zu Gott erwachen. Wenn du demKinde sagst, sobald es dich nur verstehen kann: Alles, was du issest, hatder liebe Gott erschaffen, Alles, was du siehst, kömmt von ihm, Alles, was duvonnöthen hast, gibt er dir, so wird auch Dankbarkeit gegen Gott in demHerzen deines Kindes lebendig werden. Durch diese Dankbarkeit ehrt es Gottund dieß ist zugleich der Weg, auf dem der Herr, wie der Psalmist sagt, ihmdas Heil zeigen will. Sagst du dem Kinde weiter: der himmlische Vaterist der höchste und heiligste Herr Himmels und der Erde, er ist überall gegen-wärtig, wo du auch immer bist, mein Kind; überall sieht dich der liebe Gott;was du thust, thust du vor seinen Augen; was du denkst, weiß er; gute Kinderliebt und belohnt er; böse Kinder bestraft er; sagst du das deinem Kinde schonin den ersten Jahren seiner Verstandesthätigkeit, sagst du es ihm wieder undwieder, schon bevor und während es die Schule besucht, so wird auch Ehrfurchtund Vertrauen gegen Gott in dem Herzen deines Kindes sich begründen; dieseLehren schreiben sich wie mit goldenen Buchstaben in seine Seele, und glänzenin derselben alle Tage seines Lebens; sie glänzen mitten in den Versuchungen,mitten in den Stürmen der irdischen Wanderschaft; sie glänzen wie Sternein dunkler Nacht, und führen dein Kind durch alle Gefahren zu einem seligenEnde. In der That! die ersten guten Endrücke, die in der frühsten Jugendvon der Mutter der so weichen, biegsamen, empfänglichen Seele des Kindes ge-geben werden, werden so sehr zur anderen Natur des Kindes, daß sie sich späternicht leicht wieder verlöschen lassen, und jener christliche Gelehrte hat ganzRecht, wenn er sagt:Die Erziehung des Menschen wird großenteils in denersten sechs Jahren auf dem Schooße der Mutter vollendet, und was sich inspäteren Jahren im Kinde entwickelt, hat die Mutter vielfach in den erstenLebenslagen dem Kinde eingepflanzt." Noch mehr! Selbst dann, wenn mancheMutter schon lauge im Grabe ruhte, und das Kind, das sie einst unter demHerzen getragen, auf den Wogen des Lebens hin und her geworfen, seinenGlauben und seine Tugend verloren hatte und nahe daran war, für immer zuGrunde zu gehen selbst dann ist schon manchem Kinde in seiner Verirrungdie fromme Gestalt seiner im Herrn entschlafenen Mutter vor die Augen ge-treten, und hat es mit wunderbarer unwiderstehlicher Gewalt auf den Weg derTugend, des Glaubens und der Seligkeit zurückgeführt. Wie die heilige Monicaim Leben ihren Augustinus durch inständiges Gebet vom Verderben errettete,so hat auch schon manche Mutter nach ihrem Tode durch ihr Flehen vor demThrone Gottes die Bekehrung ihrer Kinder bewirkt. So kam vor einigenJahren ein junger Mann, der seine Studien an einer der österreichischen Univer-sitäten eben vollendet hatte, in ein in der Nähe gelegenes Dorf, um seine zer-rüttete Gesundheit bei seiner dort wohnenden Schwester wieder herzustellen.Neben der leiblichen Pflege suchte ihn diese auch durch religiöse Trostgründeaufzurichten und zu erheitern. Bald aber erklärte ihr der unglückliche Bruder,daß er an Nichts mehr glaube und auch in seiner Krankheit Nichts vonreligiösen Zusprüchen wissen wolle. Die gute Schwester eilte zum würdigenPfarrer des Ortes, klagte unter vielen Thränen ihre Noth, und bat ihn, ermöge doch der Bekehrung ihres armen Bruders seine ganze Sorgfalt widmen.Da der junge Mann, der in hohem Grade an der Schwindsucht litt, bei gutemWetter bisweilen noch spazieren ging, so benützte der seeleneifrige Priester dieseGelegenheit, sich ihm zu nähern. Er traf ihn eines Tages auf einem solchenGange und erkundigte sich freundlich nach seinem Befinden. Der Kranke aber