Ausgabe 
20 (9.9.1860) 37
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frühere Mißmuth war nun gänzlich verschwunden; er war froh und heiter undtrug sein schweres Körperleiden mit großer Geduld. Es war ihm immer eineHerzensfreude, von seiner frommen Mutter zu sprechen, und in ihrem Gebetbuchezu beten, oder daraus sich vorbeten zu lassen. Wenige Tage vor seinem Hin-scheiden ließ er sich nochmals die hl. Sacramente reichen, sah dann dem Todemit der Ruhe und dem Vertrauen eines Christen entgegen und freute sich be-sonders auf die Wiedervereinigung mit seiner Mutter. Eine halbe Stunde vorseinem Ende versank er in einen Schlummer. Auf einmal erwachte er, breiteteseine Arme aus und rief freudig:Mutter, Mutter!" Dann neigte er seinHaupt und entschlief sanft.

Geliebte! War die fromme, verklärte Mutterseele für diesen Kranken nichtsein zweiter, schützender Engel? Verdankte er nebst Gott nicht gerade ihr seineRückkehr auf den Weg des Heils und eine glückselige Sterbstunde? O gewiß,es steht fest: Glücklich ist der Mensch, dem eine wahrhaft christlicheMutter zu Theil wurde.

Die Compaßblume.

6. Die Compaßblume, eine neuentdeckte Pflanze Amerikas , neigt sich stetsnach Norden bei freundlichem Sonnenschein, wie während des tosenden Sturmes.Durch diese Eigenschaft kann sie den Compaß bei Seereisen ersetzen, aber un-endlich nützlicher ist ihre symbolische Bedeutung für den Menschen bei seinerReise durch das Leben. Die Compaßblume neigt sich stets nach Einer Richtung,und auch der Sterbliche soll stets nur Eine Richtung verfolgen. Diese Richtungist bei der Compaßblume der strenge und unfreundliche Norden, die mitternäch-tige Gegend; bei dem Staubgebornen aber soll sie der Weg, die Nacht des Lei-dens, der Trübsale sein. Wohl dem Menschen, an dessen Erdenhimmel es Mitter-nacht geworden ist, d. h. dessen Leiden den für seine Kräfte höchsten Grad er-reicht haben! denn über seine Kräfte wird Keiner versucht. Der Herr gibt einemSolchen die Gewalt gleichsam in die Hand, mit welcher er den überirdischenHimmel an sich reißen soll. Der Mensch muß den Weg des Leidens gehen beimtosenden Sturme, d. h. wenn der himmlische Vater Heimsuchungen und Drang-sale über sein Haupt gesammelt hat. Allein auch beim Sonnenschein des Glückessoll der Sterbliche den Weg des Leidens gehen durch freiwillige Entsagung, undindem er Andere ihre Leiden tragen hilft, wie Christus diesen Weg gewandeltist, da er freiwillig den Freuden des Himmels entsagte und freiwillig unsäglicheSchmerzen litt für fremde Sündenschuld. In diesen Deutungen also kann undsoll die Compaßblume dem Sterblichen zum Vorbild dienen. Es gibt indessenauch Gegensätze zwischen der Blume und dem Menschen. Die Blume muß derGewalt des Sturmes weichen. Geknickt neigt sie das Haupt zur Verdorrung.Der Mensch jedoch soll durch Lebensprüfungen zu Gott empor gerichtet werden.Die Blume neigt sich bestimmungslos gegen Norden. Der Sterbliche aber sollauf dem Wege der Leiden seiner ewigen Bestimmung: der Vereinigung mitGott entgegengehen.

Redaction uu> Verlag: vn. M. Huttier. Druck von Z. M. Kleinle.