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Der Bamu und die Quelle.
6. Clara war von einem Besuche aus der Stadt zurückgekehrt und klagteüber die vielen reichen Leute, die da müsfig umhergingen.
Woraus schließest du aus den Müsfiggang dieser Leute? — fragte dieMutter.
Aus ihrer Berufslosigkeit und der Zwecklosigkeit ihres Daseins.
Bei Allen?
Ich wüßte keinen Grund zu einer Ausnahme.
Frau Ellen ließ das Gespräch fallen. Nachmittags herrschte eine heitere,aber ungewöhnlich heiße Witterung. Die Mutter machte mit der Tochter einenSpaziergang. Sie gingen nicht die besuchte Straße, sondern einen entlegenenPfad durch Felder und Wiesen. Bald war Clara müde und klagte über bren-nende Hitze und glühenden Durst.
Tröste Dich, mein Kind! Wir finden bald an einem lieblichen PlätzchenAbwehr gegen beide.
Und wirklich. Nur noch eine kleine Strecke waren sie gegangen. Da ludsie ein Baum mit weitausstrebenden dichtbelaubten Aesten zur Ruhe, da bot einQuell köstliches Wasser zur Labung.
Erkenne in diesem Baume und in dieser Quelle das Bild vieler schein-barer reicher Müssiggänger! versetzte die Mutter.
Wie? — entgegnete Clara! — Die Reichen der Stadt sind mitten imWeltgetriebe, Baum und Quelle in abgeschiedener Verborgenheit.
Gerade dieser Gegensatz verdeutlicht noch mehr die Ähnlichkeit des Bildes.Baum und Quelle würden mehre Wanderer erquicken, lägen sie an der Land-straße, und mancher Reiche vielleicht mehr Gutes stiften mit seinem Ueberflusse,lebte er, der einzige Wohlhabende, auf dem Lande in durstiger Gegend. Dessen-ungeachtet thun Baum und Quelle, thut mancher Reiche in der Stadt aner-kennenswerthes Gntes.
Baum und Quelle würden also Mehrere erfreuen bei der günstigen Lagean der Landstraße?
Allerdings, deßgleichen thäte auch mancher Reiche mehr Gutes, wenn ersich an jenen Platz stellte, an welchen ihn sein Talent und die Gelegenheit,dasselbe auszubilden, bestimmt haben. Verbringt er gleichwohl sein Leben inbehaglicher Ruhe, verdient er doch insoweit uns're Achtung und nicht liebloseAburtheilung, als er durch Mildthätigkeit dem allgemeinen Berufe genügt, seinenMitmenschen Gntes zu thun.
Woher aber wissen wir, daß er diesem Berufe genügt? Ich gewahrte andiesen Reichen kein Kennzeichen ihrer Mildthätigkeit.
^Djes wissen wir freilich selten und müssen deßhalb so lange das Gutevermuthen, bis wir vom Gegentheile überzeugt sind. Allein deine Frage er-innert mich an einen zweiten Vergleichungspunkt in unserm bisherigen Bilde.Hättest du wohl die Labsale des Baumes und der Quelle so beachtet, wenn sichbeide in einer Wald und wasserreichen Gegend befinden würden?
Keines Falles.
Halte jetzt an dem äußern Gegensatze fest, welcher sich schon bei unsermersten Vergleiche ergab! Die Mildthätigkeit des wohlhabenden Mannes nämlichfinde umgekehrt größere Beachtung durch ihre Vereinzelnung in dürftiger Ge-gend, als durch ihre Vereinigung mit der Mildthätigkeit reicher Genossen. Ingroßen Städten wirkt oft die Liebe Gutes im Gewände christlicher Demuth.
Redaction un« Verlag: Or. M. Huttler. — Druck von I. M. Klei nie.