Ausgabe 
(8.1.1897) 1
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Ʒaun) mit den Stillen ʒerſprengt, ſondern auchSchadenan den Stangen gemacht wurde. Mair bittet alſo, daßdasThiä wieder gemacht und der Gartenbefriedigt*)werde. Dasgroße Gſchütʒ hat ſich alſo gut bewährt,wenn man bei dieſer Gelegenheit hat etwa auch gleichSchießverſuche damit anſtellen wollen.

Wir haben oben ſchon angedeutet, wie einfach esdamals ſelbſt bei hoher Feſtesfreude herging, und auchvon 1584 erʒählen uns unſere urkundlichen Literalien,wie3 Stadtpfeifer und ein Organiſt eineErkennt-lichkeit von 12 fl. erhalten, weil ſieauf des Land-grafen ʒu Leuchtenberg Hochʒeit vom Sonntag bis Mitt-woch in der Neubeſt (der alte Theil der jetʒigen Reſidenʒʒu München) mit ihren Inſtrumenten haben ʒu Tanʒaufmachen müßen, und wenn wir jetʒt bei Hofconcertenund Bällen die Hof- und Kammermuſiker in ihren ʒumTheil geſtickten, ſchmucken Uniformen oder auch bei andernFeſtgelegenheiten Hunderte von Muſikern in unſernMonſtre-Produktionen auftreten ſehen, ſo muthet es unsfaſt heiter an, ʒu vernehmen, wie 1585die 3 Geigerim Küegäßl jüngſt vergangne Faſtnacht in der Neuveſtʒu Tanʒ gemacht und dafürein paar Thaler er-hielten.

Wir haben nun aus den Hofkammer-Seſſions-Proto-kollen einen kleinen Zeitraum um die Wende des 16.Jahrhunderts ausgehoben, um an wenig Beiſpielen ʒuʒeigen, wie mannigfaltig ſich das landesfürſtliche Unter-ſtütʒungsweſen damals geſtaltete, und um ein kleinesculturhiſtoriſches Gemälde jener Zeit flüchtig ʒu ent-werfen. Es erſchien uns gerade dieſe Periode hiefürintereſſant, weil ja die Wende des 16. in das 17. Jahr-hundert recht eigentlich auch culturgeſchichtlhich denWendepunkt einer älteren, gemüthlicheren und einerneueren, ſtrammeren Zeit unſeres engeren Vaterlandesbedeutet. Die Ueberfluthung der Hofkammer mit denunbedeutendſten Geſuchen, oft ganʒ naiver Art, trat all-mählig in normale Ufer ʒurück; eine kriegeriſche Periodenahte heran, die ſchon voraus ihre Schatten warf: Rüſt-ungen wurden eingeleitet, Muſterungen ausgeſchrieben,Feſtungen wie Ingolſtadt und Schärding angelegt, unddie Gelder mußten möglichſt ʒuſammengehalten und ein-geſpart werden. Mit dem neuen Herrn kam auch, wiedas ja meiſt der Fall iſt, ein neuer Geiſt, und Maxi¬milian ʒog die Zügel ſtraffer an.

Du Bois Reymond.

Als den größten Phyſiologen Deutſchlands, gleich-ʒeitig als einen der glänʒendſten Schriftſteller und Rednerpflegten die Zeitgenoſſen den am 26. Deʒember 1896an Altersſchwäche verſtorbenen Profeſſor Du BoisRey-mond ʒu beʒeichnen. Der Verſtorbene verdiente ohneZweifel dieſe Lobſprüche; aber er war mehr, als dieſeWürdigung beſagt er war der einʒige moderne Natur-philoſoph, welcher, obgleich nicht auf dem Boden desChriſtenthums ſtehend, doch eine ſeltene Objectivität desDenkens in ſeinen Forſchungen bewies. Ja, wir über-treiben nicht, wenn wir ihn den bedeutendſten deutſchenNaturphiloſophen überhaupt nennen; von ſeinen Mitbe-werbern auf dieſem Gebiete iſt keiner ſo tief in die Be-deutung der großen Welträthſel eingedrungen. Freilichan der Grenʒe des Supranaturalismus hat auch ein ſo

*) Der alte Ausdruck „frieden,erfrieden ,be-frieden “,umfrieden heißt mit einemFried d. i. miteinem Ʒaun umgeben Burgfried.

glänʒender Geiſt wie Du BoisReymond unentſchloſſenHalt gemacht. Die Alternative: Gibt es eine außerweltliche Urſache für Stoff und Leben, gibt es einenSchöpfer? Oder iſt dies Alles durch Zufall entſtanden?ließ er offen mit ſeinem hiſtoriſch gewordenenIgnoramuset ignorabimus.

Immerhin war dies eine Wort in unſerm natur¬wiſſenſchaftlichen Zeitalter ſchon einer That gleichʒuachten.Setʒte es ſich doch mit den tendenʒiöſeſten Vorkämpfernder Darwin'ſchen Lehre durch dieſe Reſignation in dendenkbar ſchärfſten Gegenſatʒ. DasIgnorabimus,wie es auch gemeint ſei, iſt ein Schlag ins Geſicht fürdie hoffärtige Wiſſenſchaft der Zunftgelehrten. DieſerSchlag iſt für die moderne Wiſſenſchaft um ſo empfindlicher, als es einer der ihren iſt, der ihn geführt hat,ohne Rückſicht auf das ungeheure Aufſehen, das er damiterregen würde.

Profeſſor Du Bois⸗Reymond (geboren 7. Mai 1818ʒu Berlin) war anerkannt als die erſte Autorität auf demGebiete der Phyſiologie. Als Schüler von JohannesMüller ſchon befaßte er ſich hauptſächlich mit der Phiſio-logie der Nerven. Seine erſte Arbeit behandeltedenſogenannten Froſchſtrom und die elektromotoriſchen Fiſche,die Doctor⸗Diſſertation unterfuchte die Kenntniß der Altenvon den elektriſchen Fiſchen. Das Hauptwerk ſind dieUnterſuchungen über die thieriſche Elektricität, welchein den Jahren 18481860 erſchienen. Du BoisRey-monds Werke ʒeichnen ſich ſämmtlich aus durch eine beiden meiſten andern Fachgelehrten überaus ſeltene Ein-heitlichkeit der Weltanſchauung. Es iſt, wie geſagt, nichtdie Weltanſchauung des Chriſtenthums, und der geiſtvolleBerliner Profeſſor iſt mit all ſeiner Naturphiloſophie nichtdarüber hinausgekommen, daß das letʒte Ergebniß ſeinerForſchungen ein neues Räthſel, eine Welt voller Wider-ſprüche war.

Eben hierdurch iſt für uns der Verewigte ein claſ-ſiſcher Zeuge geworden für die Unʒulänglichkeit der ein-ſeitig-⸗empiriſchen Erkenntnißtheorie. Sein Scalpell iſt inalle Formen und Zuſtände des menſchlichen Körpers, inalle Details der Nervenmaſſe eingedrungen; ſein ſcharferVerſtand hat die geringſte Eigenbewegung des Organis-mus, die letʒte Nevenʒuckung beobachtet. Aber er iſt nichtdurchgedrungen ʒu der kleinſten Erkenntniß von dem Ueber¬gang ʒwiſchen der bewegten Materie und dem Bewußt-ſein; die Kenntniß von der Menſchenſeele hat mit allenMitteln der Naturwiſſenſchaft nicht errungen werdenkönnen. Reſignirt hat der große Gelehrte dies ſelbſtanerkannt in dem häufig citirten Vortrag, den er am14. Auguſt 1892 vor der 45. Verſammlung deutſcherNaturforſcher und Aerʒte ʒu Leipʒig hielt: „Ueber dieGrenʒen des Naturerkennens. In dieſem,ſpäter ʒuſammen mit den ſieben Welträthſeln (Leipʒig1882) erſchienenen Vortrag, der die ganʒe moderneWiſſenſchaft in Aufregung verſetʒte, ſagte Du BoisReh-mond wörtlich:

Was aber die geiſtigen Vorgänge ſelber betrifft, ſoʒeigk ſich, daß ſie bei aſtronomiſcher Kenntniß*) desSeelenorgans uns ganʒ ebenſo unbegreiflich wären, wiejetʒt. Im Beſitʒ dieſer Kenntniß ſtänden wir vor ihnenheute als vor einem völlig Unvermittelten. Die aſtro-nomiſche Kenntniß des Gehirns, die höchſte, die wir davonerlangen können, enthüllt uns darin nichts, als bewegte

*) Unter aſtronomiſcher Kenntniß des Gehirns ver-ſteht Du Bois⸗Reymond die Kenntniß der rein mechan-iſchen Vorgänge, die Bewegung der einʒelnen Atome.