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Materie. Durch keine ʒu erſinnende Anordnung oder Bewegung materieller Theilchen aber läßt ſich eine Brücke in das Reich des Bewußtſeins ſchlagen. Bewegung kann nur Bewegung erʒeugen oder in potentielle Energie ſich ʒurückverwandeln. Potentielle Energie kann nur Be- wegung erʒeugen, ſtatiſches Gleichgewicht erhalten, Druck oder Zug üben. Die Summe der Energie bleibt aber ſtets dieſelbe. Mehr, als dies Geſetʒ beſtimmt, kann in der Körperwelt nicht geſchehen, auch nicht weniger; die mechaniſche Urſache geht rein auf in der me- chaniſchen Wirkung. Die neben den materiellen Vorgängen im Gehirn einhergehenden geiſtigen Vorgänge entbehren alſo für unſern Verſtand des ʒu- reichenden Grundes. Sie ſtehen außerhalb des Cauſal- geſetʒes, und ſchon darum ſind ſie nicht ʒu verſtehen, ſo wenig, wie ein Mobile perpetuum es wäre. Aber auch ſonſt ſind ſie unbegreiflich.“
Der innere Widerſpruch dieſer Deduction liegt auf der Hand. Die ſeeliſchen Vorgänge entbehren des ʒu- reichenden Grundes nur vom Standpunkte der rein em- piriſchen Erkenntniß aus. Sehe ich trotʒdem ſolche Vor- gänge uünverkennbar in und vor mir, ſo folgt daraus für mich nicht, daß ſie keinen ʒureichenden Grund haben, ſondern daß ich dieſen Grund außerhalb des Er- fahrungskreiſes der empiriſchen Erkenntniß ʒu ſuchen habe. Dieſes Zugeſtändniß an den Supranaturalismus hat auch ein Du Bois⸗Reymond nicht gemacht — lieber verwickelt er ſich in einen handgreiflichen Widerſpruch und erklärt reſignirt: Ignoramus! Die Entſtehung des Bewußtſeins überhaupt ringt ihm dasſelbe Geſtändniß ab. Dieſe Entſtehung iſt in der Kette der Erfahrung etwas Neues, Unerhörtes,„etwas wiederum, gleich dem Weſen von Materie und Kraft, und gleich der erſten Be- wegung Unbegreifliches. Der in negativ unendlicher Zeit angeſponnene Faden des Verſtändniſſes ʒerreißt, und unſer Naturerkennen gelangt an eine Kluft, über die kein Steg, kein Fittig trägt: wir ſtehen an der anderen Grenʒe unſeres Witʒes. Dies neue Unbegreifliche iſt das Be- wußtſein.“
Und nun kommt Du Bois ʒu ſeinem hiſtoriſch gewordenen Bekenntniß, „daß nicht allein bei dem heutigen Stand unſerer Kenntniß das Bewußtſein aus ſeinen materiellen Bedingungen nicht erklärbar iſt, was wohl ieder ʒugibt, ſondern daß es auch der Natur der Dinge nach aus dieſen Bedingungen nie erklärbar ſein wird. Die entgegengeſetʒte Meinung, daß nicht alle Hoffnung aufʒugeben ſei, das Bewußtſein aus ſeinen ma- teriellen Bedingungen ʒu begreifen, daß dies vielmehr im Laufe der Jahrhunderte oder Jahrtauſende dem alsdann in ungeahnte Reiche der Erkenntniß vorgedrungenen Menſchengeiſte wohl gelingen könne: die iſt der ʒweite Irrthum, den ich in dieſem Vortrage bekämpfen will.“
Ignorabimus! Eine Fluth von Entgegnungen ergoß ſich gegen dieſe kühnen Behauptungen. Namentlich die extremen Darwinianer, welche aus Darwins Lehre die Affentheorie entwickelt hatten, fielen über den Berliner Profeſſor her. Aber widerlegt hat ihn keiner. Acht Jahre ſpäter konnte Du Bois⸗Rehmond in ſeinem ʒweiten claſ- ſiſchen naturphiloſophiſchen Vortrage „Die ſieben Welträthſel“ mit überlegenem Humor die Hinfällig- keit der Widerlegungsverſuche darthun; die darin em- haltene Kritik der philoſophiſchen Durchſchnittskenntniſſe deutſcher Gelehrter iſt das Beißendſte, was es außer den Schopenhauer'ſchen Urtheilen gibt. Er warf den Philo-
ſophen Verknöcherung und Einſeitigkeit vor, einen Mangel an Vorbegriffen naturwiſſenſchaftlicher Art uſw.
Namentlich Häckel hat ſich im Kampfe gegen Du Bois⸗Reymond hervorgethan. Inʒwiſchen aber haben ſchon längſt Virchow und die meiſten übrigen Autoritäten die affentheoretiſchen Träume rückſichtslos ʒerſtört.
Die Vorſehung benutʒt oft die Gegner der Kirche als ihre Werkʒeuge. Du Bois⸗Rehmond war ein ſolches. „Wo der Supranaturalismus anfängt, hört die Wiſſen ſchaft auf“, hat er wohl ſelbſt geſagt. Aber auf die Frage nach einem andern Ausweg hatte er, wie die ganʒe nichtchriſtliche Wiſſenſchaft, nur ein IIgnorabimus?“.
(Germania.)
Erwähnung verdient Du Bois⸗Reymonds Rede, die er im Jahre 1882 beim Antritt des Rectorates hielt über „Göthe und kein Ende“, worin er ſein Urtheil über die wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen des Dichters vom Staundpunkt exacter Wiſſenſchaft, abgibt. Wenn man weiß, welche Abgötterei stets mit Göthe getrieben wurde und heute noch getrieben wird, wie man den ſelben nicht bloß als Dichter ʒu verherrlichen ſucht, wo- gegen ja Niemand etwas einwenden kann, ſondern auch, als Ethiker, als Philoſophen, als Natur forſcher uſw. guf den Schild hebt, ſo wird man das Vorgehen des berühmten Phyſiologen nur loben müſſen. Was ſagt nun Du Bois? Er wählte den „Fauſt“ und ſtellte allerlei Betrachtungen, an über „den Helden des modernen deutſchen Nationalgedichtes“. Beſonders den Worten Mephiſto's: Grau, theurer Freund, iſt alle Theorie, und, grün des Lebens goldner Baum“, ſetʒte der Rector ſcharf ʒu. Er ging von, der ſehr nahe- liegenden Anſicht aus, daß die Muſenſöhne auf dieſe Sentenʒ hin es gar leicht vorʒiehen könnten, dem ernſten Studium einen gelinden Füßtritt ʒu geben, auf dem goldenen Baume des Lebens herumʒuklettern oder unter demſelben müßig abʒuwarten, bis ihnen die Früchte de- ſelben in das geöffnete Maul, hineinfallen.
Iſt es überhaupt nöthig“, ſagt Du Bois mit Recht,
die Menſchen ʒu einem praktiſchen und genießenden
Leben anʒuhalten? Der, unermeßlichen Mehrʒahl Sinn iſt ja ganʒ von ſelbſt auf nichts Anderes gerichtet. Von nichts Anderm erʒählen Geſchichte und Dichtung, nichts Anderes wird auf den Brettern vorgeführt, welche die Welt bedeuten. Warum ſoll dann auch der Bruchtheil, der gerne im Ewigen und Abſoluten weilt, in Staub und Getümmel des Marktes gelockt werden?“
Auch dem Ausſpruch Göthe's über die Natur; „Was ſie deinem Geiſt nicht offenbaxen mag, das ʒwingſt du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben“, tritt der Rector als einer hochmüthigen Herabfetʒung des theoretiſchen Studiums entgegen: Fauſt hat ſehr Unrecht mit ſeiner Klage. Richtig gebaute und gebrauchte Inſtrumente er- weitern Kenntniß und Macht des Menſchen innerhalb der Grenʒen des Naturerkennens und ſind daʒu unent- behrlich; innerhalb dieſer Grenʒen läßt ſich die Natur ʒu manchem Zugeſtändniß bewegen, wenn auch etwas mehr daʒu, gehört, als Hebel und Schrauben. Wie proſaiſch es klinge: iſt es nicht minder war, daß Fauſt, ſtatt an Hof ʒu gehen, ungedecktes Papiergeld aus- ʒugeben und ʒu den Müttern in die vierte Dimenſion ʒu ſteigen beſſer gethan hätte, Gretchen ʒu ſein Kind ehrlich ʒu machen, und Elektriſirmaſchine und Luft- pumpe ʒu erfinden, wofür wir ihm dann an Stelle des Magdeburger Bürgermeiſters gebührenden Dank wiſſen würden“.
Die Farbenlehre Göthe's nennt, Du Bois:„die todtgeborne Spielerei eines autodidaktiſchen Dilettanten“, und bemerkt,„der Begriff der mechaniſchen Cauſalität war es, der Göthe gänʒlich abging“.
Auch Gothe's botaniſch⸗morphologiſche Re- ſultate und die vielgeprieſene Erfindung des berühmten Knochens werden hart mitgenommen, und der Satʒ aus- geſprochen, daß die Biologie auch ohne Göthe auf dem heutigen Standpunkte angelangt wäre. Daß es dit der in Bauſch und Bogen⸗Verhimmelung ſämmtlicher Ausſprüche, Sähe, Anſchauungen und Theorien