Ausgabe 
(15.1.1897) 2
 
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«stgen, an Klagen, an Vorwürfen von Seite der Damen-welt, nicht bloß gegen die empfohlenen Mädchen, sonderngegen die empfehlenden Schwestern, gegen die Anstaltselbst. Wenn wir nun erwägen, wie so manche moderneDamen alle möglichen guten Eigenschaften besitzen, nurdie eine einer guten Hausfrau nicht so können wirungefähr ahnen, wie die leitenden Schwestern täglich eineneigenartigen Kampf um's Dasein führen. Und dochleidenschaftliche Auftritte sind höchstens auf Seite derDamenwelt. Die Schwestern selbst sind dabei stetsfreundlich, artig, erwidern die oft ungegründeten An-griffe, reduciren die übertriebenen Anforderungen auf dasMögliche. Gewöhnlich genügen drei Schwestern, um dieganze Last des Bureau's zu versehen, die Bücher zu be-sorgen, die Korrespondenzen zu pfl gen. Im Hinter-gründe steht die leitende, liebevoll gebietende, immergleiche, freundliche Schwester Sophie die Oberin derganzen Anstalt, die nur eine Klage hat, nicht dieKlage über Undank, Müdigkeit, Unverstand, Hochnäsigkeit nein die Klage, daß sie nicht mehr zu leisten ver-mag, daß der Raum der Anstalt zu klein ist für die sichstets steigernde große Nachfrage. Nach München kommenjährlich Tausende dienstsnchender Geschöpfe.

All das vollzieht sich stille in dem Erdgeschoß derAnstalt. In den oberen Etagen sind die Arbeitsschulen,die Arbeitsstätten, in denen unter der Leitung gewiegterKräfte, technisch vorzüglich gebildeter Schwestern, allemöglichen weiblichen Näharbeiten, von der gewöhnlichstenbis zur feinsten, ausgeführt werden.

Hier lernen nicht bloß die der Anstalt angehörigeninternen Mädchen, sondern ebenso externe so viel, daß sieihren Lebensunterhalt zu verdienen vermögen.

Und Jahre lang war von all dem der leitende,führende Geist der geistliche Vater Weis. Bei ihm fandendie Schwestern stets Rath und Hilfe.

Wenn es Schwierigkeiten und Hindernisse gabsie kamen zu ihm. Er fand, freilich oft nach hartenMühen, immer wieder einen Ausweg.

Wie viele Mütter, wie viele Väter kamen zu ihm,oft ohne einen Pfennig Geld, und baten ihn, ihr Kindin die Anstalt aufzunehmen! Wie viele Waisenkinderhaben hier Vater und Mutter gefunden!

Und wie viele Demüthigungen mußte der Dahin-gegangene erfahren bei Solchen, welche kein Verständnißfür sein Wirken, für seine Ideen hatten, deren Hilfe oderderen Wohlwollen und Geneigtheit aber die Anstalt noth-wendig bedurfte. In späteren Zeiten äußerte er sich übermanche seiner mißlungenen Versuche, über manche Ent-täuschungen oft humoristisch.

Als einmal zu unseren Füßen eine Ameise vergeb-lich ein Stückchen Holz bald von dieser, bald von jenerSeite packte, bis es ihr endlich gelang, die große Lastzu bewegen, lachte der treffliche Mann herzlich er hatteeinen scharfen Sinn für Naturbeobachtung und sagte:Gerade so ist mir's auch oft gegangen.

Er mußte, wie so mancher Andere, bei seinen viel-seitigen Unternehmungen, Bauten, Käufen usw. die Er-fahrung machen, daß er von den Geschäftsleuten übelberathen und ungeschickt bedient oder geschädigt wurde inmanchen Dingen, die er, auf fremden Rath sich verlassend,ausführte. Wie kam ihm da die Vielseitigkeit seinerKenntnisse, sein praktischer, schnell das Rechte findenderSinn, namentlich seine Meuschenkenntniß zu statten!

Wie oft dankte er seinem Vater, der als Lehrer aufi>em Lande eine Art Factotum der Bildung für seine

Kinder sein mußte, in seinen späteren Lebensjahren, in-dem er dessen Maxime billigte: man kann nie zu viellernen!

Fast volle 40 Jahre war der sei. Weis Führerund Leiter, Stecken und Stab der Marien-Anstalt. DerGründungstag war der 12. Oktober 1856.

Geboren ist Joseph Weis den 8. Januar 181? alsSohn des Lehrers Weis in Waldeck in der Oberpfalz ,Diöcese Negensburg.

Er absolvirte das Gymnasium in Bayreuth , dasLyceum in Amberg , wurde den 15. Juli 1843 vomBischof Valentin von Niedel in Negensburg zum Priestergeweiht, versah seine ersten Seelsorgsposten in Ober-viechtach, Weiden, Tirschenreuth, Pressath , Neustadta. d. W.-N.

Als im Jahre 1846 sein Vater gestorben war,mußte der junge Priester die Sorge für seine Mutterund sieben kleinere Gcschwisterte übernehmen. Im Jahre1853 wurde er Prediger an der Heil. Geistkirche inMünchen , diese versah er bis 1865.

Außerdem wurde er Religionslehrer an der da-maligen Kreis-Gewerbeschule, eine Stelle, die er 25 Jahremit voller Aufopferung versah. Ferner wirkte er Jahrelang in gleicher Eigenschaft an der Schule des kathol.Gesellenvereins. Dazu kam noch eine angestrengte Thätig-keit als Privatlehrer, um die Mittel für die Seinigenzu erwerben.

(Schluß folgt.)

Zur Geld- und Kreditwirthschaft im 16 . Jahr-hundert.

Von Dr. Franz Schweyer .

Man braucht kein Anhänger der sogen, materialist-ischen Geschichtsauffassung zu sein, wenn man behauptet,daß die ökonomischen Verhältnisse einer Zeit, einer Nationeinen weitgehenden Einfluß auf die allgemeine Entwicke-lung, insbesondere auch auf die Gestaltung der politischenVerhältnisse, ausüben, und daß thatsächlich dieser Einflußein weit größerer ist, als gemeiniglich angenommen wird.Je mehr die Forschung aus dem Gebiete der Wirthschafts-geschichte fortschreitet und uns über die Zustände einerfrüheren Wirthschaftsepoche aufklärt, je mehr wir wahr-nehmen, daß hinter den Erscheinungen des politischenLebens und den Ereignissen der Weltgeschichte als Trieb-feder neben einer Reihe anderweitiger Faktoren insbe-sondere auch ökonomische Verhältnisse wirken, desto mehrwird die aufgestellte Behauptung allmählig zu einer un-umstößlichen Thatsache, und desto mehr wird deßbalbdie Wirthschaftsgeschichte au Ansehen und Bedeutunggewinnen.

Neuerdings liegt ein Werk vor uns, das es sich zurAufgabe gemacht hat, die wirthschaftlicheu Vcrbältuisseeiner vergangenen Zeit nach einer ganz bestimmtenRichtung hin eingehend zu untersuchen, die Ergebnisseder Untersuchung längst als feststehend anerkannten That-sachen der Geschichte gegenüberzustellen und gar vielfacheine Wechselbeziehung derart darzuthun, daß erstere alsUrsache oder wenigstens Mitursache, letztere als Wirkungerscheinen müssen. Es ist das vor nicht langer Zeiterschienene Werk des I)r. Richard Ehrenberg überdas Zeitalter der Fugger.')

0 Ehrenberg (Nich.), Das Zeitalter derFugger. Geldkapital und Krcditverkehr im 16. Jahr-hundert. Bd. 1: Die Geldmächte des 16. Jahrhunderts.Jena, Fischer. 1896. 8". M. 8.