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15. Jan. 1897.
Ein sociales Wirken in der Stille der Familie.
Monsiguor Joseph Weis,er Gründer und Vater der Marien-Anstaltin München und Warenberg.
3. 8. Die neuere Natnrwissenschaft kommt immermehr zur vollen Erkenntniß des Princips der Einfachheit, welches ehedem Galilei mit so großem Erfolgverwerthet hat. Die großen Revolutionen der Erdober-fläche sind in unseren Tagen auf die einfachsten Erschein-ungen, das Gesetz der Schwere und das Gesetz derTemperatur-veränderung, reducirt worden. Vielleicht kommtunsere Wissenschaft von den Revolutionen des socialenKörpers auch einmal zu dem Verständnisse dessen, wasEuler das Princip der kleinsten Aktion in der Mathematikgenannt hat, oder was bei Matthäus 13, 33 zu lesenist: „Gleich ist das Reich Gottes dem Sauerteig, denein Weib nimmt und in drei Maße Mehl mischt, bis dasGanze durchsäuert ist."
Wer etwa während eines Menschenalters Gelegenheithatte, das stille Wirken des am 13. November 1895dahingegangenen Geistlichen Rathes Weis zu beobachten,dem wird es kaum schwer werden, zu sagen, daßdieses Gesetz der Einfachheit die Lebensmaxime desMannes war, der in stiller Zurückgezogenheit bis in dieletzten Tage seines Lebens eine geradezu erstaunenswertheArbeitskraft war in aller Stille, im Kreise der Seinen.Wenn wohl auch dem Fernestehenden schon die äußereErscheinung, die imponirende Gestalt, welche ein nicht ge-ringes Maß von Energie bekundete, mit welcher jedochGüte und Milde gepaart waren, auffallen mußte: seinerUmgebung war er noch viel mehr, er war allen seinenKindern gegenüber die Liebe selbst.
Seinen Freunden war er der treueste Freund, liebens-würdig, Niemand verletzend, heiter nach harten: Tagewerk.Nicht selten war seine Unterhaltung voll Humor, kleinenSchwächen Anderer gegenüber besaß er die seltene Gabeliebenswürdiger Schalkhaftigkeit.
Bis in die letzten Tage seines Lebens gab er täglichfünf bis sechs Stunden Unterricht, nicht etwa bloß in derReligion, sondern auch in andern Gegenständen. Erunterrichtete die Schwestern und Kinder in Gesang undMusik, in den Gegenständen der Haushaltung, ja oft inden gewöhnlichen täglichen Arbeiten. Dazu hatte er alsgeistlicher Leiter der Anstalt den täglichen Gottesdienst,die Spendnng der Sakramente, den Beichtstuhl für dieKinder und Schwestern zu versehen. Jeden Sonntaghielt er noch abwechslungsweise besondere Vortrüge.Dabei fand er aber noch hinlänglich Zeit, die Arbeit derHand in vielseitigster Weise zu verbinden mit der Arbeitdes Kopfes. Beide Arten wechselten gegenseitig ab, dieArbeit der Hand war für ihn Erholung. Schon dieausgedehnten Gärten in der Anstalt München gaben ihmvolle Gelegenheit, seine Kenntnisse als Pomologe undGärtner zu verwerthen. Er verstand es, die feinstenObstarten und besten Gemüse zu produciren. Erst aber,als er das in der Nähe von München gelegene GutWarenberg mit einem Komplex von nahezu dreihundertTagwerken erworben hatte, also in dem letzten Decenuiumseines Lebens —, ein Gut, das nebenbei fast gänzlichvernachlässigt, dessen Gebäude und Inventar in trostlosemZustande waren, — da entfaltete sich die ganze viel-seitige Thätigkeit des Mannes auch als Leiter eines
Oekonomie-Anwesens. Ueber 500 Bäume hat er in demGarten selbst gesetzt.
Der Zweck der Erwerbung desselben war zunächst,sich für eine tägliche Tischgenossenschaft von etwa drei-hundert Personen, Schwestern, Pensionären, Kindern —die täglich kommenden und gehenden Dienstmädchen nichtgerechnet — die nothwendigsten Nahrungsmittel, Brod,Milch, Fleisch, Gemüse, zu verschaffen.
Dazu kam noch — die Absicht, in Warenberg eineFiliale der Maricnanstalt München zu errichten, nämlicheine Haushaltungsschule für die Töchter der Landwirthe.
Dieselbe wurde errichtet und von etwa 50 Mädchenbesucht, sobald die Gebäude in Stand gesetzt waren.
Welche Erfahrungen, welche Enttäuschungen mußteder gute Vater Weis machen, bis er die Gebäude derAnstalt in München, wie sie jetzt sind, zu Stande brachte— welche Sorgen und Mühen kostete das!
Kaum war der Neubau der Maricnanstalt München zu Ende, begann der Umbau und Neubau in dem neuerworbenen Warenberg. Dort mußten Pferde, Kühe,Ochsen, Wagen, Pflüge gekauft, die Wirthschaft neu or-ganisirt, die vernachlässigten Gründe verbessert werden.Schon jetzt ist das Gut als Muster-wirthschaft zu be-zeichnen. Und heute ist in München und in Warenbergnur Eine Klage der leitenden Organe: nämlich die, daßsie keinen Platz mehr für so viele arme Kinder undDienstmädchen haben, obwohl täglich sechzig bis siebzigder letzteren ihre Unterkunft und Nahrung im Hansevorübergehend haben; darunter viele, die von der Heimathkaum ein Paar Strümpfe, ein Hemd, vielleicht einigeMark — als ganze Habe mitbringen. Solcher armerGeschöpfe, welche hier ein Heim gefunden seit VaterWeis die Anstalt gegründet, sind etwa 70,000.
Wenn man bedenkt, welche Gefahren einem armenLandmädchen drohen, das unerfahren wenn nicht derVerführung, so doch der Ausbeutung, der Schädigungder Gesundheit der Seele und des Leibes entgegengeht:so wird die sociale Wirksamkeit der Anstalt nach diesesSeite hin vielleicht nicht zu gering taxirt werden.
Wenn man dazu oft die ganz eigenartige Hilf-losigkeit rechnet, die Nachwehen einer vernachlässigten häus-lichen Erziehung, manchmal sogar eine Art naiver Wider-borstigkeit, welche in der unbedingt nothwendigen Haus-ordnung einen Eingriff in die persönliche Freiheit sieht,von schlimmeren Dingen nicht zu reden, welche die Vor-steherin sogar nöthigen, die Polizei in Anspruch zu nehmen:so wird mau die Arbeit und Geduld der Schwestern ver-stehen. Dieses tägliche Kommen und Gehen, Sichan-und -abmelden, sich den betreffenden Hausmüttern —doch um modern zu sprechen — den Damen vorstellenlassen usw., von Morgen früh bis spät Abend. Dazuin jüngster Zeit die nicht selten telephonischen und tele-graphischen Anfragen; von der brieflichen Correspondenzgar nicht zu reden.
All das verlangt ganz selten beanlagte Naturen,die nicht ermüden, nicht ungeduldig, nicht zaghaft werden,um diesen Dienst von Morgen früh bis spät Abends zuthun, und — freudig zu thun. Dazu kommt noch dieEigenart — oder manchmal Unart — der Herrschaften,welche Dienstmädchen suchen, die Anstalt für alles Mög-liche und Unmögliche haftbar machen, nicht selten selbst'Unmögliches von den armen Geschöpfen verlangen.
Selbstverständlich fehlt es da nicht au Enttäusch-