Ausgabe 
(27.1.1897) 4
 
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Die Weltanschauung im Sinne des hl. Thomasvon Aquin .

(Vortrag gehalten im akad. Görresvcrein in München .)

3. 6. Welcher Gegenstand läge dem forschendenmenschlichen Geiste zugleich näher wie ferner als dieFrage nach dem Wesen des Weltganzen, nach demruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht". Welchwunderbares Gebilde ist nicht das Weltall ! Sehen wirnicht darin die physische und die moralische Natur oftim Frieden, oft aber auch im Streite liegen? Sehenwir nicht, wie in diesem Universum das Ewige den Hinter-grund abgibt für das Vergängliche, wie Sterbliches dieSchaubühne bildet für Unsterbliches? Sehen wir nicht,wie in der Welt die größte Willkür verbunden ist mitder größten Dienstbarkeit? Kurz, sehen wir nicht in demAll, das uns umgibt, die schreiendsten Dissonanzen, undsieht nicht unser Geist, der ein Geist der Ordnung ist,hinter ihnen im letzten Grunde doch die größten Kon-sonanzen? Wem sollte darum nicht das Verlangen kommen,hinter das Geheimniß dieses großen scheinbaren Irr- undkVirrgartens einen Blick zu thun? Diesen Blick thun,heißt aber eine Weltanschauung haben. Wenn wireine Weltanschauung suchen, dann suchen wir diePrincipien, wo möglich das eine Princip, aus demwir der gesammten Welt Entstehen, Bestehen und Ver-gehen einheitlich zu begreifen vermögen; dann suchen wirden einen Punkt, das eine Rom, zu dem alle die viel-vcrschlungeneu, weitverzweigten Pfade des Weltalls inletzter Linie nothwendig hinführen. Wer dieses Rom erreicht hat, der hat eine Weltanschauung gewonnen.

Viele Forscher haben nach einer Weltanschauung ge-rungen; auf manchen Wegen hat mau sie zu erreichenversucht. Leider waren es unr zu oft Irrwege; leidermußte sich und muß sich noch heute von der Lippe dessterbenden Forschers nur zu oft das Bekenntniß los-ringcn:DrZo arraviwus",Also war es doch verkehrt".Doch nicht alle sind so unglücklich. Schon aus dem Dunkeldes Heideuthums sehen wir in Sokrates, Plato undnamentlich in den: großen Stagiriten, demMeister derWissenden'") die Erkenntniß der Wahrheit aufdämmern.Doch erst in der Zeit, wo derOriens ex alte", derMorgenstern in der Höhe" über der Welt aufgeht, steigtdas Licht der Wahrheit zur Mittagshöhe empor. Dasehen wir die großen Kirchcnväter und namentlich denNiesengeist des heil. Angustinus Gottes unermeßlichenWeltendom in kühnen Linien geistig nachbauen und unsermstaunenden Sinn begreiflich machen. Allein noch findenwir auch bei diesen Leuchten der Wissenschaft nicht denWeltendom als Ganzes wieder; nur den einen oderandern mächtigen Stein zum Bau des Ganzen hat einjeder von ihnen Herbeigetragen. Den Ban selbst hatzum erstenmale und zugleich mit unübertroffener Meister-schaft der hl. Thomas von Aqniir vollendet. Dieser Auf-gabe ist namentlich sein meisterhaftes BuchLuminacontra gsutss" gewidmet. Indem ich mir darum vor-genommen habe, das Bild einer Weltanschauung wenigstensin einigen Umrissen vor Ihren Augen zu zeichnen, werdeich mich getreulich an das Vorbild dieses großen eng-lischen Lehrers halten. Möge nun der Name des heil.Thomas von Aquin Ihr Vertrauen zu meinen Wortenerwecken; denn wahrlich dieser Name hat in der Kirche

*)I! maostro äi color olle saune". (Dante, luk. IV. 131.)

und unter den Gelehrten einen guten Klang; es ist derersten und besten einer?)

So werden Sie mir auch in einem gewissen Punkteum so lieber Ihre Nachsicht gewähren; wenn ich nämlichaus der Noth des Zeitmangels eine Tugend der Dar-stellung mache und nicht jeden Satz, den ich ansspreche,ausführlich beweise. Oefter kann ich die Beweise nurandeuten, öfter kann ich auch nur die Thatsachen er-wähnen. Wollte ich anders handeln, so würde ich auchnur mit einem nothdürftigen Bilde einer Weltanschauungim Rahmen eines Vortrages unmöglich fertig. Undnun an's Werk! Um die Darstellung übersichtlicher zumachen, wollen wir die Welt zuerst in ihrem Anfangeund Ursprünge, dann in ihrem Bestände und schließlichin ihrem Endziele und ihrer Vollendung betrachten.

I.

Wenn der Mensch an die Dinge der Welt, die ihnumgeben, an Sonne und Sterne, an die Steine, diePflanzen und Thiere, wenn er schließlich an sich selbstdie Frage richtet: Woher denn seid ihr?, so hört er lautund einstimmig die Antwort:Nicht wir haben uns ge-macht, sondern Er, der über uns steht, hat uns geschaffen."Aon ipsi Hos, sock ipso kamt uv8". Diese Frage andie Welt ist ein tiefes Nachdenken über ihr Wesen undihre Ursachen, und die Antwort der Welt ist die ge-wonnene sichere Erkenntniß, daß über all diesem Ver-änderlichen auch ein Wesen existiren müsse, welches selbernie verursacht aller Dinge letzte Ursache sei. Dieses eineunverursachte, unveränderliche Wesen uenuen wir Gott?)Und so müssen sich im großen Gemälde des Weltallsimmer zwei charakteristische Linien zeigen von grund-verschiedenem Aussehen. Die eine bildet das Centrum,die andere die Peripherie; die eine ist ewig, unveränder-lich, alles Bestehenden letzte Ursache, die andere ist zeit-lich, vergänglich und geschaffen; die eine heißt Gott oderSchöpfer, die andere Welt oder Schöpfung. Was nunfür die Peripherie das Centrum, was die Sonne für dieSterne, was für das Menscheuherz seine größte Liebeist, das ist Gott für das Weltall, Ansgang und Ende,Vorbild und Leiter, « und c», kurz Alles. Es kanndaher eine wahre Weltanschauung nur in engster Ver-bindung der Welt mit Gott gewonnen werden.

Wie gelangt nun aber unsere Vernunft einigermaßenzu einem Begriff des göttlichen Wesens? Nur auf demeinen Wege, daß sie von dem unverursachten Urheberaller Dinge alle jene Unvollkommenheiten entfernt, welcheden geschaffenen Wesen eben darum anhaften, weil sieeinem anderen Wesen ihr Dasein verdankend) Diehöchste Ursache aller Dinge muß also zunächst rein durcheigene Kraft existiren. Um das aber zu können, mußsie jeder Unvollkommenheit baar, die reine Wirklichkeitselbst sein, aetus purus. -h nxneri; Diese

existireude unendliche Vollkommenheit ist aber nothwendig

-)Olle sovra ZU aktri eoms aquika veka". (Dante.)

°) Herrlich hat diesen Gedanken der hl. Angustinusausgeführt; vgl. 8. ilus. 8okikoguia cap. XXXI. ek.8. Illnin. 8. e. Zentss, Üb. 1. eap. XIII; 8. III. I. gu. 2.

8. Illoin. 8. v. §. Ull. I oax. XIVDst entern viareinet tonts ntsnänin praeeixme in consiäerations cll-vinas snllstantiae" ek. rel.; ek. 8. III. I. gu. XII a. 12;et g. 13 a. 12.

°)Dsns est priinnrn ens et prima eausa.., non itzitnrballet in 8S akignick potentiae ackinixtum". 8. e. kill. I.cap. 16; ok. rel.; in bletapllxs. kill. 9 ksot. 8.