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wären entschieden viel größer und bedeutender. Dochwird er stets einen geachteten Namen in der deutschen Literatur einnehmen. In seinen hübschen Liederspielenhat er das französische Vaudeville in deutsche Form um-gegossen. Seine „Berliner in Wien ", „Der alte Feld-herr" mit dem „Denkst du daran, mein tapfrer Lagienka?"und „Fordere Niemand, mein Schicksal zu hören I" feineLeonore mit dem berühmten Mantellied „Schier dreißigJahre bist du alt," sind Gemeingut des deutschen Volkesgeworden. In dem vielbändigen Romane: „Die Vaga-bunden" schildert er.seine eigenen Irrfahrten als Thcarer-direktor und Theaterdichter, daneben aber das ganzeKünstlerprolctariat, „alles, was gauckelt und sich sehenläßt um Geld". Sehr gemüthvoll ist auch sein Roman„Christian Lammfell", nur etwas weinerlich und zu breit.Bedeutender aber als seine hochdeutschen Dichtungen sindfeine „Schlesischen Gedichte", zu denen er durch Hebelangeregt wurde. Darin trifft er den Volkston auf dastrefflichste und charakterisirt Land und Leute seinesSchlesierlandes auf das treueste.
Reise in Kleinasien, Sommer 1895.
Forschungen zur Seldschukischen Kunst und Geo-graphie des Landes von Friedrich Sarre. *)
In den Monaten Juni und Juli unternahmenDr. Sarre und Or. mach. Osborne eine Forschungs-reise in das Gebiet der alten Provinzen Phrygien, Ly-kaonien und Pisidien, dem jetzigen Wilajet Koma (Jkonium)in Kleinasien. Der Hauptzweck der Reise war das Stu-dium der frühtürkischen Architektur, besonders jener desseldschukischen Reiches von Jkonium. Daneben wurdenantike und mittelalterliche Inschriften gesammelt und zahl-reiche photographische Aufnahmen gemacht; eine besondereSorgfalt wurde der topographischen Aufnahme des ein-geschlagenen Weges gewidmet, so daß die Kartographieeine wesentliche Förderung erfuhr.
Die Beobachtungen sind mit großer Genauigkeitund Gewissenhaftigkeit gemacht. Jede Zeile zeugt vondeutscher Akribie. Nur was selbst erfahren und gesehenwurde, fand Aufnahme. Am interessantesten ist dasKapitel V über die feldschukische Kunst (im Mittelaltcr).Weitere Kreise dürfte die Seite 66 citirte HypotheseNiegel's (Stilfragen S. 277 u. ff.) intcressiren, wonachdie „Arabesken" aus dem abgelösten Zacken des byzan-tinischen Akanthns hervorgegangen sind. Sarre schließtsich dieser geistvollen Hypothese an. Der Leser wäre ihmgewiß sehr dankbar gewesen, wenn er diesen Entwicklungs-gang durch Abbildungen veranschaulicht hätte.
Das Urtheil Sarre's über die feldschukische Kunstist folgendes (px. 70): „Die Formenwelt der seldschukischenKunst.scheint uns ... auf dem Boden der hellenistisch-
römischen und byzantinischen Kunst entstanden zu sein.Von dem nahen Syrien aus, das zu jener Zeit nochhervorragende architektonische Denkmäler aller vorher-gehenden Kunstepochen besaß und selbst unter kräftigenmuhammedanischen Fürsten eine hohe Cultur hatte, wurdenBaumeister und Künstler in die Hauptstadt des jungen
'-) Mit 76 Lichtdrucktafeln, zahlreichen, von O. Geerkeund G. Rehlender gezeichneten Text-Illustrationen nachden Original-Photographien und mit einer Karte vonR. Kiepert nach den Nouten-Aufnahmen des Verfassers.Berlin, 1896. Geographische Verlagshandlung DietrichReimer. 210 Seiten. Preis gebunden 18 Mark, geheftet16 Mark.
emporblühenden Staates berufen, um sie ihrer Bedeutungentsprechend zu schmücken, während das gerade unter demEindringen der Mongolen zu Grunde gehende, hoch-cultivirte Persien hierher den schönsten Zweig seinerheimischen Kunstübung verpflanzte: die mosaikartige Be-kleidung der Wände mit buntglasirten Ziegeln, dasFayence-Mosaik."
Die überaus zahlreichen, meist ausgezeichnet gelungenenAbbildungen geben uns einen Einblick in jene hochentwickelteKunst, von der bisher so wenig bekannt war. Wenigstensin weiteren Kreisen hatte man von dem Vorhandenseinsolcher Kunstwerke keine Ahnung.
In der griechischen Kirche des heil. Stephanus aufder Insel Nis im Egherdir-See erwarb Sarre einezinnerne Schüssel, welche fünfmal die Legende HII^III'IILU(Martin Luther ) zu enthalten scheint. Der Verfasserschreibt hiezu:
„Derartige Schüsseln sind im Verlauf des XVI.und XVII. Jahrhunderts in Messing oder Zinn von der'Beckenschlägern der großen mitteldeutschen Städte, vorAllem Nürnbergs und Augsburgs, in großer Mengeangefertigt und theils als Taufschüsseln, als Waschschüsselnin den Sakristeien, als Collectenschüsseln oder zu häus-lichem Gebrauch benützt worden." (S. 152.)
Besondere Erwähnung verdient das Seite 153 ab-gebildete und xa§. 155 beschriebene Weihrauchgefäß ausderselben Kirche, welches romanische, gothische undarabische Formen ausweist.
Daß sich in den griechischen und armenischen Kirchenvon Jsparta alte Monstranzen (xaZ. 168) vorfinden,dürfte auf Verwechslung beruhen. Es wäre das einliturgisches änaL
Der Anhang enthält noch mehrere Kapitel, daruntereines über die auf der Reise gemachten praktischen Er-fahrungen, eines über die gesammelten Stickereien, einesüber Ablesungen am Schleuder-Thermometer. Den Schlußbildei ein guter Index und 76 meist gelungene Lichtdruck-tafeln nach Originalaufuahmen; ferner ist eine sehr ge-naue Karte des Wilajets Konia nach den Nouten-Auf-nahmen der beiden Reisenden beigegeben. Das Werkist mit Liebe, Sorgfalt und großen Kenntnissen verfaßtund sehr hübsch ausgestattet. Es bietet demjenigen, derseine geographischen und kunsthistorischen Kenntnisse er-weitern will, eine Fülle von Anregung und Belehrung,und die zahlreichen Bilder der in Frage kommenden Bau-werke reichliches Material zum Studium der seldschukischenKunst im XIII. Jahrhundert. Auch das kann man ausdem Buche lernen, wie man auf Reisen wissenschaftlicheBeobachtungen anstellt. Wer aber Abenteuer und Reise-plaudereien sucht, für den ist das Werk nicht geschrieben.Im Verhältniß zu dem Gebotenen, namentlich zu derFülle von Abbildungen und Lichtdrucktafeln, ist der Preisein mäßiger.
Ottmarshausen 1897. Dr. 8. L.
Chronik des Jahres 1896.
(Nachdruck verbot«».)
Oktober.
1. Gladstone hält eine fulminante Rede gegen die Un-thaten in der Türkei und den Sultan.
2. Der Exsultan Said-Kalid von Zanzibar flüchtet sichvor den Engländern auf das deutsche Schiff „See-Adler".
5 . Landung des Zaren in Cherbourg.
6. Der Zar und die Zarin in Paris .
9. Große Parade vor dem Zaren-Paare bei ChalüNs.