im Jubeljahr 1897.
8. 6. Die drei hervorragendsten Wallfahrtsortedes katholischen Erdkreises sind Jerusalem mit dem Grabedes Erlösers, Rom mit dem Grabe der ApostelfürsteuPetrus und Paulus, Santiago de Compostela in Spanien mit dem Grabe des hl. Apostels Jakobns des Aelteren.Wie hoch die Päpste diese drei heiligsten Orte derChristenheit verehrten, geht schon daraus hervor, daßdie Dispense vom Gelöbniß, einen dieser drei Wall-fahrtsorte zu besuchen, seit dem Jahre 1478 dem hl.Stuhl vorbehalten ist. Zahllos sind die Schaaren frommerWaller, welche im Laufe der Jahrhunderte ihre Herzens-anliegen zu den drei hochberühmten Gnadenstätten trugen,zahllos sind die geistigen und leiblichen Wohlthaten, diesie von da mit fortnahmen. Jedes dieser drei Heilig-thiimer hat im Sturm der Zeiten viele Bedrängnisseonrchgemacht, am meisten aber hat vielleicht durch dieUngunst der Zeitverhältnisse die spanische GnadeustätteSantiago de Compostela zu leiden gehabt; jetzt ist eseine Stadt von 25,000 Einwohnern in der spanischen Provinz Galizien . Die Christenheit verehrt dortselbst daskirchlich beglaubigte Grab des hl. ApostelsJakobus des Aelteren, über dem sich seit achtJahrhunderten eine herrliche romanische Kathedrale erhebt,deren schlanke Thürme hoch in den azurnen Aether strebenund den sehnsüchtigen Pilger von weitem grüßen.
Im Anfange der achtziger Jahre dieses Jahrhundertswurden im Centrum der Absis der OapUIa inazior dieserBasilika die Gebeine des großen Apostels sowie seinerbeiden Schüler Athanasius und Theodor glücklicher Weisewieder aufgefunden; eine päpstliche Bulle „Darm orvvi-xotona" vom 1. November 1884 bestätigte zur größtenFreude aller Spanier und aller aufrichtigen Verehrerdes großen Apostels Jakobus das Urtheil des damaligenKardinal-Erzbischofes von Santiago, " des Msgr. DonPaya y Nico, der für die Echtheit der kostbaren Ueber-reste eintrat. Die päpstliche Bulle sagt ausdrücklich:„Wir heißen gut und bestätigen mit sicherem Wissen, aufeigenen Antrieb und durch Unser Ansehen das UrtheilUnseres ehrwürdigen Bruders, des Kardinal-Erzbischofsvon Santiago de Compostela, betreffs der Aechthcit derheiligen Leiber des Apostels Jakobns des Aelteren, sowieseiner hl. Schüler Athanasius und Theodor, und Wir be-stimmen, daß dieses Urtheil für immerwährende ZeitenKraft und Geltung haben solle." Außerdem verhängtedieselbe päpstliche Bulle die in blonderer Weise demPapste vorbehaltene 8xeoiuw.uvi63.tio latno sevtevtiasüber alle diejenigen, welche es wagen sollten, in irgendeiner Weise widerrechtlich sich die besagten hl. Reliquienoder auch nur Theile derselben anzueignen oder an einenanderen als den gegenwärtig für sie bestimmten Ort zuübertragen. Weiter fährt das päpstliche Schriftstück fort:„Wir thun kund und befehlen allen Unseren ehrwürdigenBrudern, den Patriarchen, Erzbischösen und Bischöfen,sowie den übrigen Prälaten der Kirche, daß sie feierlichund in der ihrem Ermessen anheimgestellten Form gegen-wärtiges Schreiben in ihren Provinzen, Diözesen undResidenzstädten veröffentlichen, auf daß dieses glücklicheEreigniß allenthalben bekannt und von allen Gläubigenmit verdoppelter Frömmigkeit gefeiert werde, und damitman aufs neue und nach der Gewohnheit unserer Vor-
gänger Pilgerfahrten zu jenem heiligen Grabeunternehme."
Hinsichtlich der Art und Weise, wie die Reliquiendes hl. Apostels Jakobus nach Spanien gelangten, stelltsich die päpstliche Bulle vollständig auf den Boden derUeberlieferung der spanischen Kirche; so heißt es: „Fort-währende und allgemeine Ueberlieferung, welche aus denapostolischen Zeiten stammt und durch die öffentlichen Er-lasse unserer Vorgänger öfters bekräftigt worden ist, be-richtet, daß der Leib des hl. Jakobns, nachdem derApostel auf Geheiß des Herodcs den Tod des Blutzeugenerlitten hat, heimlich von seinen Schülern Athanasius undTheodor weggenommen wurde. In der lebhaften Be-sorgnis;, es möchten die Ueberreste des hl. Apostels, imFalle sie in die Gewalt der Juden kämen, vernichtetwerden, brachten sie jene beiden in ein Fahrzeug, ent-führten sie so aus dem Land der Juden und erreichtennach glücklicher Fahrt Spanien, woselbst sie an dergalizischen Küste landeten. In Spanien hatte ja derhl. Jakobus nach der Himmelfahrt Jesu Christi, wie eineebenso alte als fromme Ueberlieferung be-richtet, des apostolischen Amtes gewaltet."
„Eine ebenso alte als fromme Ueberlieferung" nenntalso der hl. Stuhl jenen Glauben der Spanier, daß inihrem Lande dereinst der hl. Apostel Jakobns der Aelteredas Evangelium gepredigt habe. Wir wissen wohl, daßin dem mit Recht hochangesehenen Freiburger „Kirchen-lexikon" von Wetzer und Weite (II. Anst., Artikel „Com-postela " Bd. III, S. 774 ff.) gegen die spanische Tra-dition Stellung genommen ist und der Kirchengeschichts-schreiber Natalis Alexander als jene Autorität angeführtwird, welche mit Gründlichkeit die Sage vom Aufenthaltdes Apostels in Spanien widerlegt habe. Doch sehenwir uns durchaus nicht veranlaßt, dieser Autorität bei-zupflichten. Vielmehr gilt z. B. uns persönlich die An-sicht des geistvollen Münchener Exegeten Schegg, dessenVorlesungen zu hören wir das Glück hatten, und derfür die spanische Tradition inst wahrer Begeisterung ein-trat, ein Urtheil, das uns um so schwerer wiegt, alsSchegg ein kritisch scharfer, eher verneinender Geist war»der allen „Legenden" äußerst skeptisch gegenüberstand unduns manch andere licbgcwohnte Ansicht mit rauher Handzerstörte. Daß spanische Gelehrte vollends modernen An-zweiflern gegenüber ihre Tradition von der Anwesenheitdes hl. Apostels Jakobns in Spanien ebenso entschiedenwie in früheren Zeiten aufrecht zu erhalten entschlossensind, ist selbstverständlich. Vor uns liegt ein neueres,mit großer Beledenheit und Gelehrsamkeit verfaßtes Werkdes Don Mariana Nougvs h Secall, betitelt:„Ilistorig, orrtivL x apologtztics, clo Is, VirZav8u6stiL, Lenorn äsl 8ilar cls ZlaraZo?»"; der Ver-fasser verbreitet sich (S. 12 ff.) eingehend über die An-wesenheit des hl. Apostels Jakobus in Spanien und dessenapostolische Thätigkeit dortselbst und führt zu Gunstender spanischen Tradition folgende Sätze an:
1. Die Tradition steht nicht im Widerspruch mit derGeschichte;
2. Die Tradition ist eine allgemeine und hat nie eineUnterbrechung erlitten;
3. Die Tradition hat für sich glaubwürdige und bis indie ersten Jahrhunderte zurückgehende Zeugnisse.
Die Geschichte spricht nicht gegen die Tradition, imGegentheil: Die Apostel hatten vom Herrn den Auftrag,