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als derjenige der ganzen Schöpfung. Auch der Menschsoll im Gebrauch seiner Kräfte sich Gott verähnlichen undso Gott verherrlichen und sich beseligen. Nun zeitigt dieNatur des Menschen als ihre schönste Blüthe den geistigenVerstand und den freien Willen. Dem Verstände ist abervon Natur aus die Aufgabe gesetzt, das Wahre zu er-kennen, und dem Willen, das Gute zu wollen. Wenndemnach die Erkenntniß der Wahrheit und das Erstrebendes Guten die naturgemäße Vollendung des Menschenist, so folgt nothwendig, daß die Erkenntniß der höchstenWahrheit und das Erstreben des höchsten Gutes dienaturgemäßeste und höchste Vollendung des Menschen ist.Die höchste Wahrheit und das höchste Gut ist aber un-streitig Gott und Gott allein. Gott zu erkennen undGott als das höchste Gut über alles zu lieben, ist daherdie höchste Vollendung und die heiligste Pflicht desMenschen. Indem aber der Mensch so aufwärts blickt zuGott und sein Leben in vollste Harmonie nnt Gott zubringen sucht?) wirkt er an seiner letzten Vollendungund seinem höchsten Glücke. Diese Vollendung ist dannendgiltig erreicht, wenn der Mensch dem Fallen undSteigen des Tageswogens, dem immerwährenden Wechselentrückt nun unbeweglich mit der ganzen Kraft seines un-sterblichen Geistesblickes in das unerschöpfliche Meer dergöttlichen Wahrheit versenkt ist und mit der ganzen Liebes-kraft, die seinen Willen zu erfüllen vermag, sich an dasunendliche Gut anklammert und nun in einiger Sabbat-ruhe eine nie endende, .unaussprechliche Glückseligkeit inder göttlichen Umarmung genießt. Dann hat der Menschalles erreicht, was er erreichen kann; sein Suchen nachWahrheit, sein Streben nach Glück und Liebe sind ganzbefriedigt; der Mensch hat seine Vollendung endgiltiggesundend) Der Mensch darf ruhen.
Das gemeinsame Endziel schlingt ein festes, einheit-liches Band um alle Kreise der Schöpfung. Mit dieserGemeinsamkeit des Zieles ist aber die Gemeinsamkeitdes Strebens nach demselben anf's innigste verknüpft.Die einzelnen Glieder sind zunächst für sich selbst da,daß sie im ordnungsgemäßen Gebrauch ihrer Kräfte sichselbst vervollkommnen. Dann sind die Theile aber weiterzum Besten des Ganzen da, proptsr bonnm eoininune.Hier herrscht das Princip, daß alles Unvollkommene demjedesmal Vollkommeneren dienen muß, den Endzweck derSchöpfung zu erfüllen. Es liegt daher im Plane dergöttlichen Weisheit, daß die unvernünftige Natur demMenschen, und daß alles, was im Menschen ist, seinenhöchsten Kräften, dem Verstände und dem freien Willendiene. Indem aber der Mensch selbst dem allgemeinemEndzweck der Natur Unterthan ist, kann besagter Dienst
autem est proxria operativ substantia« intelleetualis..'tznoä iKitur «st xerkeetissimnm io bao opersticm«, koo«st nltimns ümis... «t sie, intslliAer« xerksctissimumintslliZivils, guock Osus «st, «st porkeotissimum in Zsiisrsbuius opsrationis, gna« «st intsIIiZsrs. OoAvosoer« iZirnrOeuin IlltsUiZencko «st Ultimos ünis ouinslidst intellectnalissubstemtias." — st. dickst. Utbie. X. o. 10.
Hierauf sind die Worte Daute's an Vergil anzu-wenden :
„Or va, cliv un sol volers s ä'amencku«:chn ilnea, tu siZnor« s tu masstro". —
Int. 2. 138 t. — ek. 8. Mi. tz. v. ck« vor. g. 23 a. 7.
4) ck. 8. «. x. lib. III eax. 61—63; namentlich imeap. 63 zählt der hl. Thomas alle die verschiedenen Güterder Vollendung auf und schließt dann: „8ie iZitur patet,guock psr visionsm ckivinam vonseguuntur intöllsetualessubstautias vsram kslieitatsm, in qua omninoU « si ck « rium eiui « tat u r st in gua est plena suüicientiavmnium bvnornm..."
nur der Erfüllung dieses Endzweckes durch den Menschengelten. So fassen denn die höheren Kreise der Schöpf-ung immer alle die Ehre zusammen, welche die niederenGott darbieten können, und fügen die eigene hinzu. Ander Spitze der sichtbaren Schöpfung steht dann der Mensch,in seinen unsterblichen Kräften des Verstandes und freienWillens alles andere weit überragend und beherrschend.Wie der Mensch nun so unmittelbar Gott allein dient,gibt er ihm die höchste Ehre und enipfängt das größteGlück in dieser sichtbaren Welt. Damit muß aber zu-gleich allesindcrWeltdemGlückedcs Menschendienen; alles muß ihm dienen, daß er Gott verherr-liche und sich beselige?) Dreifach ist dieser Dienst. Dererste und vornehmste Dienst ist der unmittelbare unddirekte; so diente z. B. die Natur dem hl. Franziskusvon Affisi unmittelbar zur Erkenntniß und zu wunder-barem Lobe ihres unendlich herrlichen Schöpfers?')Meistens ist aber dieser Dienst nur ein mittelbarer; somuß die unvernünftige Welt dem Menschen die Nahrungspenden, damit er leben und so Gott dienen kann. Immeraber muß dieser Dienst schließlich ein indirekter sein; in-dem nichts den Menschen hindern kann, daß er mit seinenhöchsten Kräften Gott und seiner letzten Aufgabe angehöre.^Darum schreibt der hl. Augustinus?) „Alles hast du unterdie Füße des Menschen gestellt, damit der Mensch alleinganz nur dir Unterthan sei ... die äußeren Dinge hasdu nämlich alle für den Leib geschaffen; den Leib aberfür die Seele, die Seele aber für dich, daß sie dir alle!»diene und dich allein liebe." Unter diesem Dienst derDinge für die letzte Aufgabe des Menschen sind nament-lich auch alle die privaten und socialen Einrichtungenbegriffen, die von der freien Institution des Menschenselbst abhängen?) Jeder einzelne Mensch soll in einerseiner Natur entsprechenden und würdigen Weise demSchöpfer dienen und an seiner eigenen wahren Vollend-ung arbeiten. Damit dies aber geschehen könne, ist vorallen Dingen die sociale Vereinigung nöthig. Diese abermuß eine dreifache sein, diejenige der Ehe'") und Fa-milie, diejenige des Staates und diejenige der Kirche.")
") „8unt «lemsnta prvptsr eorpora mixt«,, das« vvropropter vivevti», in gnibns planta« suut propter snimalia,ammalia propter dominem, bowo euim «st ttvis totinsKsner-atioms? — ek. totum. 8. o. 8- lib. Hl oap. 22. 1. a.47 rü 3.
,,8i ereatnrarmn bcmitas, pulobAtucko et suavitassie auimos bominnm rcklicit, ipsius O«i Ions bcmitatisrivnlis bouitatum in sinZuIis orsaturis rsperti« ckiliZsntsrvomparatas, rmimos bomimrw intlammatos totaliter ack sstrabet." — 8. v. Z. lib. II oap. 2.
8. e. Z. üb. III cap. 77—79.
°) 8. -Am. 8olil. e. XX in.
„In rebus lnimanis ckioitnr «ss« alignick instum «xeo, gnock est reetnm seeuncknm reZulam rationis. Rationisautsm prima. reZnla «st lex naturae." — 8. lib. 1. 2. g.98. a. 2.
") 8. rb. III g. 41.
") Es gibt nicht nur einen letzten Zweck des Menschen,sondern auch nähere und nächste Zwecke. Letztere sindzum Theil durch das Naturrccht gegeben, insofern dieNatur des Menschen selbst auf sie hinweist: so verlangtdas Naturrecht den Fortbestand des Menschengeschlechtes,und diesem Zwecke muß die Ehe und Familie dienen: dannfordert es den w ürdigeu Bestand des Menschengeschlechtes,der es allen ermöglicht, in Freiheit ihre natürlichenKräfte zu entfalten und zu einer bürgerlichen Wohlfahrtzu gelangen; diesem Zweck hat der Staat zu dienen;schließlich muß das Menschengeschlecht auch direkt seinerhöchsten Aufgabe dienen, und darin hat die Kirche ihrenUrsprung. Es sotten daher die Ehe und der Staat zwarnicht direkt, aber doch indirekt der letzten Aufgabedes Menschen dienen, insofern sie nicht so geordnet werden