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Landschaft Gennezaret. Dies ist aber ein und dasselbeBethsaida (Mark. 6, 22), das bald Dorf, bald Stadtheißt, weil erst der Vierfürst Philippus ihm den Stadt-namen beigelegt hatte. Mein Recensent will die Unter-scheidung damit begründen, daß das eine den BeinamenJulias führte; aber die Herodier tauften so die Hälfteder Städte um, Bctharon in Livias, Megiddo in Legio,Kapharsaba in Antipatras u. s. w., ohne das; es einzweites Betharon gab. Kurz: wir haben kein Bethsaidaam Westnfer zu suchen.
Der Seesturm bringt uns zur Ueberzeugung, daßTelmn nicht Kapbarnanms Lage bezeichnen kann, weildiese Küste den heftigsten Winden aus dem Hanronausgesetzt ist. Auch die deutschen Pilger, welche mannoch immer an der deutschen Station Chan Minieh vor-über da hinauf transporlirt, haben dies erfahren, undmancher rief, besorgt, aus der großen Schale trinken zumüssen: „Herr, rette uns, wir gehen zu Grunde!" MeinKapharnanm zu Kefr Minieh dagegen hat eineneinzigen, runden.Hafen als sichern Zufluchtsort fürSchiffer und Wohnort für zahlreiche Fischer. Es em-pfiehlt sich wohl öfter, daß der Gelehrte das Beispieldes Sokrates nachahme, welcher sich gern auf denDreistuhl des Schusters Simon setzte, um zu er-fahren, ob der anstudirte Verstand bei der gesunden Ver-nunft Gnade finde. Nahum hätte wohl in Num, abernie in Hnm sich wandeln können. Der jüdische Ge-schichtschreiber nennt es Kapharnome und den Flußdabei Kapharnanm — Telhnm hat rechts und linksauf Stunden weit kein anderes Wasser als das aus demSee. Dies meinte ich nnwiderlegltch ausgeführt zuhaben, und doch bin ich heute der einzige, der das wahreeinstige Kapharnanm vertritt.
Während Tclum, oder mit arabischem Hiatus Tcl-hnm, erst in neuerer Zeit durch falsche Gelehrsamkeit zuso unverdienten Ehren gelangte, sprach für Minieh bisvor zwei Jahrhunderten die Tradition. Die Hanpt-antorität des Franzikaner-Ordcns, wofür ihn auch meinCensor und schwer zu überzeugender Kritiker anerkennt,der Guardian Quaresmins, schreibt in seiner I)686r1ptic>lerrns aanetno II, 854 1620: „Ich halte die alteUeberlieferung sehr hoch, ich folge ihr, erkläre undvertheidige sie, die heiligen Orte bedürfen keines Lügen-schmnckes. Ich habe fast alle Bibclgelchrtcn und in derGeschichte der heiligen Stätten bewanderten Männer durch-gesprochen" — und wie lautet die anderthalb Jahr-tausende festgestellte Thatsache? „An der Stelle vonKapharnaum sieht man viele Rnincn und einen kümmer-lichen Khan (ciivarsoriuin). Derselbe liegt sechs Millionvom Jordaneinfluß und heißt Menieh." Schon werdie Stadt Christi (Matth . 9, 1) in anderthalbstiindigerEntfernung von der Ebene Gemiezaret sucht, hat dieBibel gegen sich.
Wie kam aber die Stadt zu diesem Namen? DieEinen rathen durch arab. minkrü, der Hafen. Gilde-meister in Bonn , der auch für Telhnm eingenommene,angeblich erste Arabolog, zieht einfach rniu.ss herbei,welches, vom koptischen abgeleitet, vom Nilstrandebis Hispanien Dorf bezeichnet. Also Kefr Minjeh wäreDorfdörfel? Aber wir brauchen deßhalb so wenig wievor dem Orientalisten Rcland die Waffen zu strecken.Die Araber selbst behandeln das Wort als ein fremdes.Der Beduine spricht nicht rainss sondern inairss, ja inSaladins Tagen hieß der Punkt irmuag'u und überragteselbst Tiberias an Bedeutung. Ist es doch das einstige
Cinnereth! Meine Erklärung gibt sich aus dem Tal-mud und ist schon im Leben Christi tvie noch mehr imersten Palästinawcrke beigebracht. Die Rabbinen von derAkademie zu Tiberias untersagten den Juden, nach Ka-pharnachum zu den Minim oder Ketzern zu gehen, wosie sich heilen lassen konnten, aber leicht abtrünnig wurden.Minim bezeichnet die Renegaten oder Rekusantcn, es er-hielt sich als Benennung für das Christendorf. Wirkatholische Deutsche haben aus dem Streite über diewahre Lage Nutzen gezogen und seit 1887 durch denAnkauf von Tabiga (mit Tahal Kapharnaum, dersagenhaften Nilqnelle), von Khan und Chörbet Miniehden bedeutsamsten Strich am gepriesenen See, ein Ter-rain von 200 Morgen Landes, für 20,000 Franken er-worben. Ich meinerseits stehe dem nun einzigen Vereinfür das gelobte Land in Aachen und Köln mit ebensoviel Mark gut, daß hier Kapharnanm gelegen,als das Besitzthum Franken gekostet hat. Ja soebenschreibt unser dortiger Vertreter mir von dem Anerbietender in Gcldnoth befindlichen Araber von Name, noch soviel Hektar Landes für 18,000 Franken uns abzutreten,daß unsere deutsche Kolonie 600 Morgen des wasser-reichsten und darum fruchtbarsten Landes am galiläischcnMeere umfaßte. Aber es hat Eile, damit nicht Russenund Franzosen uns zuvorkommen, oder noch eher dieJuden, die überall ankaufen, unsere Nachbarn werden.Wir Deutschen gehen nur zu langweilig vor; mich erfaßtdie Ungeduld!
Der Schreiber dieser Zeilen hat schon auf der Ge-neralversammlung der katholischen Vereinezu München 1861 im GlaSpalaste den Antrag gestelltund die nngetheilte Zustimmung der gewiß 7000 Theil-nehmer erhalten, am See Gennezareth eine deutsche Nieder-lassung zu begründen. Abt Haneberg, sel. Andenkens,wollte die Missionsvriester von Porto Farina bei Tunis deßhalb nach Tiberias ziehen, wo die Peterskirche mitunserem Zuthun neu eingerichtet wurde — aber die Eifer-sucht der Italiener vereitelte das Vorhaben. Der Neidverzehrt sie noch heute, und wir erhalten keine Zuschriftaus Palästina, ohne daß von neuen Anfechtungen dieRede ist. Ich bin darum wahrhaft erstaunt, daß meingestrenger Recensent für den verlorenen Posten Telhnmeintritt, doch will ich ihm deßhalb nicht gram sein. Ichhelfe auch unsern abgeneigten Nachbarn hinaus, indemich ihre Station Lau lEatkeo in tslonio benenne unddurch Christi Gegenwart geheiligt erkläre.
Es wäre doch unverantwortlich und ist eineschwere Anklage gegen den Münchener Professor,wenn er den deutschen Episkopat und all die Genossendes Pnlästinavcreiues zu dem immer noch erweitertenAnkauf in und um Kefr Minieh veranlaßte, ohne seinerSache. gewiß zu sein, soweit es überhaupt noch einehistorische Gewißheit gibt. Verräth es nicht doch eineVoreingenommenheit für die seit letzter Zeit veränderteklösterliche Tradition und ihre Träger, wenn maneinen Klosterbruder Liövin und den (inzwischen zu mirbekehrten) Pfarrer Furrcr von Zürich aus gleiche Liniemit Quaresmins und meiner Wenigkeit stellt, als ob dieVorgenannten nur auch über die litcrarischen Mittel ver-fügten, die Unsereinem zu Gebote stehen? Es ist mög-lich, meint unser Freund, das; Kapharnanm mit KepharMinim und Minieh eine Gleichung bilde, aber erwiesensei es nicht. Wir erwidern: Erwiesen ist jedenfalls undnach der Natur der Dinge unwidcrsprechlich, daß die StadtChristi nicht in Telhnm gelegen haben kann, und wenn