Ausgabe 
(27.2.1897) 11
 
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Socialistische Theorien des Alterthums.

L Es scheint, als habe die Menschheit ganz wiedas Individuum ihre Wachsficber zu bestehen. UnsreGeneration muß in neue Verhältnisse hineinwachsen, welchedurch gewaltige Veränderungen des wirthschaftlichenLebens, durch die Fabriken und durch die Vereinfach-ungen des Verkehrs entstanden sind, und daß dieser Vor-gang nicht ohne Gliederschmerzen verlaufen werde, habenkluge Köpfe längst vorausgesagt.

Jedoch Hand in Hand damit gehen geistige Um-wälzungen, welche man so gerne als nothwendige oderdoch bedingte Begleiterscheinungen jener wirthschaftlichenRevolutionen auffaßt. Es soll nicht bestritten werden,daß Beziehungen dieser Art vorhanden sind, aber dieFäden gehen nicht nur herüber, sondern auch hinüber.Mag immer die Stärke der geistigen Stürme durch diesenund jenen äußeren Umstand gesteigert werden, so habensie doch sicher ihre eigenen Ursachen und ihre eigenenFormen, welche den gedachten Einflüssen wenig ver-danken.

Das lehrt die Geschichte des menschlichen Geistes,welche gewisse Arten der Gedanken immer wieder an dieOberfläche geworfen zeigt, trotz aller sonstigen Verschieden-heiten, und gerade für die socialen Theorien läßt sichdies durch einen Blick in das sogenannte klassische Alter-thum treffend nachweisen. Man kann dort nicht vonMaschinen, verbesserter Technik und ähnlichen schönenDingen reden, und der Kapitalismus jener Tage unter-scheidet sich denn doch wesentlich in bedeutenden Stückenvon dem Kapitalismus der Neuzeit.

Wenn in Folgendem versucht wird, die antikensocialen Theorien kurz und faßlich ihrem Hauptinhaltenach darzustellen/) so darf sich derjenige, welcher dasAlterthum genau kennt, außer etwa in Einzelheiten,welche sich bei der selbstständigen Durchforschung der ge-schichtlichen Akten herausstellen, nichts Neues erwarten,aber der größere Kreis der Leser wird doch manchesfinden, was ihm unbekannt war.

Die Entwicklung der socialen Verhältnisse war vordem Auftreten der socialistischen Theorien, um es mitwenigen Worten zu sagen, folgende:

An der Wiege des griechischen Volkes stand nicht,wie französische Forscher (Viollet, Laveleye) glaubenmachen wollten, der Kommunismus in Betreff des Grund-besitzes, sondern der Besitz war, entsprechend der genti-licischen Verfassung, das haben P. Guiraud^) undR. Pöhlmann unabhängig von einander gefundenursprünglich den Familien oder Sippen zu eigen, d. h.im Grunde genommen Privatbesitz. Die Bevölkerungs-znnahme und der Fortschritt der Cultur, Vermögens-theilnugen und Arbeitstheilnng, menschliche Leiden-schaften und geistige Verschiedenheiten trugen ihr Theildazu bei, daß Klassengegensätze, Feindseligkeit von Reich-

') Auf Grund der Werke von Zeller (Die Philo-sophie der Griechen). Pöhlmann, Geschichte d. antikenKommunismus und Socialismus. München 1893, Fr.Susemihl. Anmerkung zur Politik des Aristoteles,K. Kautsky , Die Vorläufer des neueren Socialismus.Stuttgart 1894, Geschichte des Socialismus in Einzel-darstellungen, 1. Bd.

2) lli» proprlöts koueisrs su 6rLes zusgu'a la oon-gusts Romains. Paris 1893. Gekrönte Preisschrift. S.auch die Anzeige von Tlnnn s er in der Berliner Philolog.Woch enschrist 1895 S. 80.

thnm und Armuth, auch unter den Angehörigen des-selben Stammes sich ausbildeten.

Bereits Solon hatte mit großen Mißständen indieser Beziehung zu kämpfen. Es wird von einer all-gemciuen Schnldenherabsetzung oder gar, von einemvollständigen Schnldencrlaß (Seisachthcia) und voneiner Einschränkung der Latifundien durch den großenGesetzgeber Athens berichtet. Das sociale Band, welchesin den alten Geschlechtsgenossenschaften wenigstens gruppen-weise die Glieder des Staates enger aneinander schloß,wurde durch Solon gelockert, der zugleich an Stelle desGeburtsadels eiuen Geldadel setzte, indem er die Be-völkerung nach dem Vermögen abstufte, aber auch ent-sprechend belastete. Weiter noch ging in der Zerstörungder alten Gcschlechtsvcrbäude Kle isthcnes. So warden Individuen freie Bahn geschaffen, und die Eon-ccntration von Kapital und Grundbesitz, begünstigt durchdie ausgedehnte Sklavenwirthschaft, mußte zur Ver-schärfnug der Gegensätze führen.

Nähere Fühlung des Einzelnen mit dem Ganze»wurde noch aufrecht erhalten durch die sogen. Leitnrgien.Es ist dies eine Art Steuer, welche die Reichen nebender Ertragsstcner traf. Gewisse Staatsbedürfnisse undStaatsansgabcn wurden von reichen Privatpersonen ge-deckt. Die wichtigste Leiturgie war die Instandhaltungeines Flottenschiffes nebst Vcrproviantirung und A»ö-löhnnng der Mannschaft, eine Leistung, zu welcher sichoft mehrere zusammeuthaten. Besonders in der Zeitdes Demosthenes gelangte in Folge der Verarmungweiterer Kreise hier der genossenschaftliche Gedanke zumAusdruck, inmitten der individualistischen Epoche. Aber dieganze Einrichtung war doch nicht socialistisch, da in diesemFalle Einzelne für den Staat aufkamen, nicht der Staatfür den Einzelnen.

Näher an das socialistische Ideal traten die Re-formen der perikleischen Zeit heran, welche dem Ueber-gcwichte einzelner Persönlichkeiten Einhalt thun sollten.Die Theilnahme am Rechtsprechen, eine Funktion, welchenicht durch Beamte, sondern durch Männer aus demVolke ausgeübt wurde, sowie das Erscheinen im Land-tage (Volksversammlung), welches jedem Bürger zustand,wurde bezahlt, damit keiner einen Verlust an seinemVerdienste habe. Vor allem bezeichnend für die socialenZustände der damaligen Zeit ist aber das Schauspielgeld,ein staatlich ausgeworfener Beitrag, welcher es auch demUnbemittelten ermöglichte, das Theater und damit einender vornehmsten antiken Gottesdienste zu besuchen.

Die Zeit, in welcher zu diesen Maßnahmen gegriffenwurde, die des mächtigen Staatsmannes Pcrikles, wardie Zeit eines Umschwungs, welcher die alten, noch ein-facheren Sitten durch feinere, aus den asiatischen undMischen Kolonien eingeführte Bildung und Ueppigkeitverdrängte. Damals zog die philosophische Schule derSophisten, welche von auswärts kommend in Alt-griechenland ihre Wandervorträge hielten und es leichthatten, durch ihre blendende Dialektik die wißbegierigeJugend zu berücken, alle Begriffe der Religion, dcSRechtes, der Sitte und der Sittlichkeit in eine Zweifel«süchtige Diskussion und predigte die Berechtigung deSsubjektiven, individuellen Beliebens.

Eben ein Haupt dieser Schule, Protagvras, solldie Quelle zu Platons socialistischen Ideen geliefert haben.Selbstverständlich ist von einer tiefer gehenden Beein-