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schieden sei. Da Abenbcrg und Abcnsberg rännilich weit.von einander getrennt sind, so darf eine innere Beziehungder Stilla-Tradition zu dem nieder-bayerischen Abcnsbergwohl angenommen werden.
In der Peterskirche zu Abcnberg befindet sich der-malen an der nördlichen Seite des Kirchenschiffcs einGrab in Felsen gehauen, welcher nach Müller (I. v.p. 35) 77 bis 80 am unter dem Kirchenpflaster beginnt.Die Länge des Grabes mißt 218 ein und dessen Breite77 om. Ungefähr 50 am tief ist der Felsen viereckigausgehaucn. Sodann aber beginnt am Boden eine eigen-thümliche Vertiefung, deren Umriß dem des menschlichenLeibes entspricht. Diese Vertiefung ist etwas über 2 inlang. Das Grab war früher geschlossen durch einenStein, welcher in gleicher Höhe wie das Kirchenpflastergelaufen sein muß, denn sonst wäre es unerklärlich, wiederselbe fast bis zur Unkenntlichkeit ausgetreten werdenkonnte. Der jetzt noch vorhandene Grabstein stellt wohleine weibliche Person dar, welche in der rechten Handeine Kirche mit Thurm trägt. Did Gesichtszüge sowiedie Kopfbedeckung sind gänzlich verwischt, die linke Handmit weit geöffnetem Aermel liegt auf der vorderen Taille;die Gewandung weist reichen Faltenwurf auf.
Wem gehört nnn dieses hochinteressante Grabdenk-mal? Welchem Jahrhunderte verdankt es seinen Ur-sprung? Kein Name, keine Jahreszahl gibt sichereKunde auf diese Frage. Müller hält es, gestützt aufdie Autorität des Direktors Essenwcin, dem man einePhotographie des Grabmales unterbreitete, für wahr-scheinlich, daß dasselbe dem 13. oder 14. Jahrhunderteentstamme (I. a. pax. 37). Dagegen spricht jedoch dieKostümkunde. Wenigstens behauptet Wcinhold (Diedeutschen Frauen II, 225): In dem 11. Jahrhunderttrat im Anfang ein enger Schnitt des Kleides auf,welcher den Körperbau weit genauer erkennen ließ, alsder bisherige taillenlose. Er erregte mich Anstoß undward als leichtfertig und schamlos gerügt... Bezeichnendwerden für das 11. Jahrhundert „die langen Hängeärmcl".„Die langen Oberärmel des Rockes, ebenso der tnrban-artige, mit seinen Zipfeln fliegende Schleier erhielten sichbis zum Ende des 12. Jahrhunderts." „Im 13. Jahr-hundert verloren sich die weiten Aermel" (a. a. O. II,227). Achnlich schreibt Grnpv (Cnlturgeschichte d. Mittel-alters 11,86): „Charakteristisch für die höfische Zeit istdas Aufkommen der langen, faltenreichen Gewänder fürMann und Frau. Nachdem sie lauge Zeit mit der engenund kurzen Nationaltracht der Deutschen im Streite ge-legen und als ausländisch und weichlich gegolten hatten,verhalf ihnen im 12. Jahrhundert die Bildung derhöfischen Sitte zum Siege. So erscheinen denn Mannund Frau in gemalten oder gemeißelten Bildern in lange,bis auf die Füße reichende Röcke gehüllt. Eitle Frauentrugen bereits ein Mieder, schnürten das Hemd, ließenden Halsausschnitt des Rockes offen, wußten durch künst-liche Gürtnng und Faltung die Körpcrformcn zur Geltungzu bringen, trugen lange Schleppen mit feiner Fältclung,umwanden ihre Haarlocken mit Gold- und Silbersädcnund scheitelten sie zu Schnpelu oder tranbeuartigeu Ge-hängen."
Vergleichen wir mit diesen Schilderungen die Dar-stellung aus dem Grabmale der PctcrSkirchc zu Aben-bcrg, so dürfe» wir den Ursprung demselben in das 11.oder 12. Jahrhundert hiuanfdatircn, da sowohl durchdas enganliegende Kleid des Oberkörpers die Brustsormeu
sehr stark hervortreten, als auch die charakteristischen langenHängeärmcl sich vorfinden.^)
Die .Hauptfrage bewegt sich indessen um die Person,welche auf jenem Grabdenkmale dargestellt sein soll. Daderselben eine Kirche als Attribut bcigcgeben ist, so mußsie wohl mit der Stiftung eines Gotteshauses in engerBeziehung gestanden haben.
Pleickhard Stumpf (Bayern II, 753) bezeichnetSibylla, die Tochter des Grafen Wolfgang II. vonAbenbcrg, als die Stisterin der Pctcrskapclle. Hicgegenist zu bemerken, daß sich in der bisherigen Genealogieder Grafen von Abenbcrg der Name Wolfgang nichtfindet. Oder sollte darunter Wolfram II. verstandenwerden, welcher gegen 1071 — 1108 gelebt hat? Dannmüßte aber auch der Nachweis erbracht werden, daßWolfram II. eine Tochter Namens Sibylla besessen habe.
Die abeubergische Ueberlieferung bringt den Grab-stein in Verbindung mit der Grafentochter Stilla. Solltevielleicht dieser Name mir eine vokksthümliche Verkürzungdes Namens Sibylla sein? Wem: aber Stilla dem gräf-lichen Hause von Abenbcrg entsprossen ist, wie die Legendeannimmt, dann erscheint es zum allcrmindcsten sehr auf-fallend, daß man ihren Leichnam nicht einmal in einenSarg verschlossen zur Erde bestattet hat, sondern nachSitte armer Leute nur in einfacher Umhüllung dem Grabeübergeben hat, wie Müller (S. 37) annimmt; freilichden Beweis für diese seltsame Behauptung ist er schuldiggeblieben. Oder hat sich Rapoto's Abneigung gegen seinefromme Schwester auch noch über das Grab hinaus er-streckt, so daß er der Entschlafenen nicht einmal einestandesgemäße Beerdigung zukommen ließ? (Grupp,Cnlturgcsch. II, 107.) Aber wer hat dann Sorge ge-tragen für Errichtung eines Grabdenkmals, das keines-wegs die Spuren der Armuth an sich trägt? Müllerglaubt den noch vorhandenen Grabstein nicht als den ur-sprünglichen ans der Zeit Stilla's, sondern als „Be-standtheil des zweiten Grabmales aus dem 13. oder 14.Jahrhunderte ansehen" zn dürfen (l. c. p. 37).
Eine Erneuernng des Grabsteines schloß aber fastregelmäßig eine Erhebung der Ucberrcste einer Person,in sich, welche ob ihrer Tugenden vom Volke als hcilioverehrt und um Fürbitte angefleht wurde. Eine der-artige Erhebung galt als Kanonisationsfeier, welche ihrenäußeren Ausdruck in der Sitte fand, den Deckel desStclusarges etwas über den Boden des Beisctzungsorteshervorragen zu assen, um das Grab des Heiligen kennt-lich zu machen. Die Geschichte jedoch schweigt über dieErhebung der Gebeine Stilla's im 13. oder 14. Jahr-hunderte. Das Grab selbst wurde nach Müllers Angaben(S. 42) 1689, 1630 und etwa 50 — 80 Jahre vorhergeöffnet, lieber die erste und wichtigste Eröffnung fehlenalle Urkunden; von 1562 — 1587 stand das KlosterMaricnbnrg öde und verlassen. Der Visitator Vogtspricht 1480 nur von einem verfallenen Chöre undeinem restaurakionSbedürftigen Altare in der Pcters-knpelle; Pfarrer Habcrstroh o«) „nd die Bürgerschaft von
"0 In einer Pcrgamenthandschrift von WolshardsLliraenla boatao VvoltgurKue aus dem 12. Jahrh, findetsich die Heilige dargestellt als die Fürstentochtcr aus Eng-land mit dem Königsdiadem geschmückt, im reichen Pracht-gewaude mit weiten Aermcln, welche durch die enge ärmel-lose Tunika an das faltenreiche llntergcwand gestecktwerden. Sammelblatt d. histor. Vereins Eichstätt VII,116 (!893).
'°) Im Jahre 1344 war Ludwig von SeckendorfPfarrer in -Abcnberg (Mstr. des bisch. Ordinariatsarch.i Eichstätt ).