Ausgabe 
(6.3.1897) 12
 
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Zum Erscheinen der zweiten Auflage von K.Krumbacher's Geschichte der byzantinischenLiteratur".

Das Erscheinen der zweiten Auflage derGeschichteder byzantinischen Literatur" von Professor Karl Krum-bacher*) darf als ein bedeutendes literarisches Ereignißbezeichnet werden.

Als vor sechs Jahren der Verfasser zum ersten Maledie Wanderung durch dieunaussprechlichen" Jahrhundertedes byzantinischen Zeitalters unternahm und seine Wahr-nehmungen in der ersten Auflage zusammenstellte, war erbegleitetvon dem drückenden Gefühle der Unsicherheitund Besorgniß". Hatte es sich ihm ja sogar als Noth-wendigkeit herausgestellt, das wissenschaftliche Recht desGegenstandes, den er, ohne Vorgänger zu haben, zu-sammenfassend darstellte, gegenüber mannigfachen schiefenAuffassungen zu vertheidigen. Freilich, das Bewußtseinmußte auch damals schon sein Vertrauen erhöhen, daßes unrichtig war, wenn man ihm vorwarf, die Be-schäftigung mit einer Zeit, wo ä- den Accusativ regiere,müssedie reine Liebe zum Alterthum und die pädagog-ische Kraft" verkümmern lassen. Das stand doch felsen-fest, daß der Werth der historischen Forschung nicht ab-hängig gemacht werden darf von der Beschaffenheit ihresGegenstandes. Das Studium inhaltlich und formal hoch-stehender Literaturperioden ist nicht höher zu achten, alsdie Beschäftigung mit weniger glanzvollen Zeiten. Mitvollem Recht weist daher Krnmbacher derartigeästhetischeund pädagogische Rücksichten" bei Beurtheilung des Werthesoder Unwerthes historischen Schaffens zurück. Leiderwaren und sind diese Erwägungen noch nicht zum Ge-meingut aller Gebildeten geworden. Und wenn auch inder Theorie gar viele dem Gesagten zustimmen, wendensie in der Praxis doch ihre Blicke weg von dem dunklenZeitalter des Byzantinismus, das ein ständiges Sinkender Civilisation und ein Ueberhandnehmen des schon durchdas Wortbyzantinisch" charakterisirten Servilismus inLiteratur und Gesinnung reprüscntire. Mit der ihmeigenen kraftvollen Sprache widerlegt Krnmbacher durchschlagende Beweise und Hinweise auf andere Culturepochenderartige Vorurtheile.

Eine vielseitige Zustimmung zu seinen Ansichten darfKrnmbacher aber fchou dem Umstände entnehmen, daß ernach kaum einem Lustrum schon wieder an eine Neu-bearbeitung der byzantinischen Literatur-geschichte schreitenmußte. Aber auch die Art und Weise, wie die Neu-bearbeitung vor die Oeffentlichkeit trat, zeugt von demgroßen Erfolgt seiner Bemühungen. Um mehr als dasDoppelte ist der Umfang des Buches vermehrt. Fastjede Seite weist Früchte auf, die erst die letzten Jahrezur Reife gebracht haben. Vor allem werden aber dieTheologen diese neue Auflage freudigst begrüßen, da dietheologischen Schriftsteller in derselben eine gesonderteBehandlung gefunden haben, und zwar von Seite einesFachmanns; Professor Albert Ehrhard hat diesen Ab-schnitt der byzantinischen Literatur bearbeitet. Auch derim Anhang gegebeneAbriß der byzantinischen Kaiser-geschichte", den Professor H. Geiz er gefertigt hat, ent-sprach zu sehr einem dringend gefühlten Bedürfnisse, als

*) Erschienen als IX. Band I. Abtheilung desHand-buchs der klassischen Alterrhums-Wissenschafi". München 1897

daß er nicht mit der größten Dankbarkeit entgegen-genommen würde. So ist denn durch dieses Handbuchunsere historische Wissenschaft um ein bedeutendes Hilfs-mittel bereichert worden. In drei großen Abtheilungen(prosaische, poetische und vulgärgriechische Literatur) führenuns die Verfasser die einzelnen Schriftsteller nach Fächern(Theologie, Geschichtschreiber und Chronisten usw., Kirchen»Poesie, Profanpoesie) seit den Zeiten Justinians bis zurAuspflanzung des Halbmondes auf der Hagia Sophia(5271453) vor Augen. Krumbacher datirt zwar inder neuen Auflage den Beginn des byzantinischen Zeit-alters in die Zeit Konstantins, näherhin in das Jahr 324,und begründet diese Meinungsänderung eingehend. Aberder Anschluß an die Literaturgeschichte von Christ er-forderte das Beginnen mit der Zeit Justinians. Diekurzen Charakteristiken der einzelnen Perioden und Schrift-steller, die trefflichen Literaturangaben, die beigefügte all-gemeine Bibliographie, dazu die größtmögliche Correctheitund Wissenschaftlichkeit in Inhalt und Form, wofür schondie Verfasser bürgen, machen das Buch zu einer wohl-eingerichteten Rüstkammer, der alle Einzelforscher auf demGebiete der byzantinischen Literatur Material und Hilfs-mittel entnehmen müssen.

Mögen denn diese reichen Anregungen auch reichlichbenutzt werden; möge diese zweite Auflage im Standesein, recht viel Sinn und Freude für byzantinische Stu-dien zu wecken! Hier bleibt freilich noch viel zu wünschenübrig. Noch im vergangenen Jahre, als das bayerischeParlament sich mit der Genehmigung der Mittel fürGründung eines byzantinischen Seminars an der Münchener Universität beschäftigte, war es dem Referenten der Kammerder Abgeordneten möglich gewesen, zur Begründung derAblehnung dieses Antrags unter anderem auf die geringeBetheiligung an diesen Studien hinzuweisen. Dieser That-sache gegenüber ist der Wunsch angebracht, daß eS demVerfasser, der durch Herausgabe der byzantinischen Li-teraturgeschichte diese Studien so trefflich inaugurirt unddurch Gründung und Redaktion derbyzantinischen Zeit-schrift" ihnen ein Centralorgau ersten Ranges geschaffenund überdieß noch Zeit gefunden hat, in zahlreichenEinzelstudien mustergiltige Vorbilder zu bieten, noch rechtlange beschieden sein möge, Wortführer in Sachen seinesWissenszweiges zu sein! Möge ihm insbesondere auchals akademischer Lehrer ein recht weites Arbeitsfeld zutheil werden! Eine Verbreitung und Verallgemeinerungder Kenntniß des byzantinischen Zeitalters über den Kreisder Fachgenossen hinaus kann ja nur dazu dienen, mancheFragen der Gegenwart mit reiferem Blicke zu betrachten.Dazu ist z. B. der Dualismus zu rechnen, der die gräco»slavische Welt so scharf scheidet von der gcrmano-roman-ischen. Vor allem aber werden auch die vom gegenwärtigregierenden Papste Leo XIII. so sehr betonten Unions-fragen durch Kenntniß der byzantinischen Literatur undGeschichte tiefer erfaßt und besser gelöst werden können.

Rom, Jänner 1897. F. 8.

Socialistische Theorien des Alterthums.

(Fortsetzung.)

1. Der Staat des Phaleas .

L Der erste, welcher sich niit dem socialen Problembefaßt zu haben scheint, ist Phaleas aus Chalkcdon.Wohl durch die vielen Unruhen veranlaßt welche die unr