Ausgabe 
(6.3.1897) 12
 
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gleiche Vertyeilmig des Besitzes in den damals bestehen-den Staaten zur Folge hatte, stellte er die Forderungauf, der Besitz der vollberechtigten Staatsangehörigensolle gleich groß sein; bei Gründung von neuen Städtensei die sofortige Einführung dieses Modus nicht schwierig,bei bereits bestehenden Verfassungen müsse man, wenn'sauch hart ankomme, eine Gleichheit auf dem Wege herbei-führen, daß die Reichen ihren Töchtern Mitgift geben,aber selbst keine bekommen, und die Armen Mitgift wohlbekommen, aber keine geben.

Neben der Besitzgleichheit wollte Phaleas auch Gleich-heit der Erziehung für alle Bürgersöhne. Damit sei einHeilmittel gegen Ungerechtigkeiten geschaffen. Auf dieFragen, wie hoch denn diese gleiche Besitzquote undwelcher Art die gleiche Bildung sein solle, hat sich Phaleas nicht eingelassen. Dagegen wissen wir, daß er den Ge-werbetreibenden das Staatsbürgerrecht entzogen und siezu Dienern des Staates gemacht wissen wollte, daß eralso die Industrie verstaatlichte, aber den Arbeitern dasEigenthum nahm. Wir haben da einen noch recht un-vollkommenen Versuch vor uns, die sociale Lage wiederzu bessern.

2. Der Staat des Hippodamos von Milet.

Dieser merkwürdige Mann, ein großer Baumeister,hatte sich durch seine Vorschläge für die regelmäßige An-lage von Städten und durch die Eintheiluug des wichtigenathenischen Hafens, des Piräus, bemerkbar gemacht.Seine Zeit (um 440 v. Chr. Geburt) fällt mit der desgewaltigen Staatsmannes Periklcs zusammen. Eine ächteKünstlernatur, unterschied er sich auch in seinem Auftretenvon seiner Umgebung: er trug dichtes, lang HerabwallendesHaar und selbst im Sommer Winterkleidung. Sein hoch-fahrender Sinn strebte, ein Urtheil über die ganze Welt-einrichtung zu gewinnen, und so war er der erste Privat-mann, welcher sich über die Einrichtung eines Staatesaussprach, der als der beste gelten könne.

Sein Staat sollte 10,000 männliche Einwohner um-fassen, welche drei Gruppen bilden würden: Handwerker,Bauern und Soldaten. Das Land sollte gleichfalls indrei Theile zerfallen, in heiliges Land für die Götter,in staatliches Land für die Soldaten und in Privatlandfür die Bauern. Nur drei Arten von Gesetzen solle esgeben, nämlich gegen Gewaltthätigkeit, Sachbeschädigungund Mord. Als Appcllatiousiustauz stellte er ein Reichs-gericht auf, welches aus wählbaren, greisen, erfahrenenMännern zusammengesetzt fein sollte.

Ferner sollten die Männer, welche eine gemein-nützige Erfindung machen würden, staatlich geehrt unddie Kinder der im Kriege Gefallenen auf Staatskostenunterhalten werden.

Die Beamten dachte sich Hippodamos vom ganzenVolke, das heißt jenen drei Ständen gewählt; ihreThätigkeit habe sich anf die Angelegenheiten des Staates,der Fremden und der Waisen zu richten.

Diese Staatsidee ist augenscheinlich genauer aus-geführt als die des Phaleas. Aber sie leidet außer deraus Abgeschmackte streifende Vorliebe für die Dreizahl,welche der Baumeister vielleicht dem Studium pythagoreischerLehren verdankt, an mehreren Unklarheiten. Die Hand-werker scheinen keinen Antheil an Grund und Boden be-sessen zu haben. Das heilige Land und das Soldateu-land scheint commuuistisch verwaltet worden zu sein, unddemnach kann auch das Privatlaud für die Bauern nichtin volle»! Sinne als vercrblichcs und vcrmehrbares Privat-bank» betrachtet werdcn-

Die Gewerbetreibenden hatten bei Hippodamos dem-nach eine ähnliche oder dieselbe Stellung wie bei Phaleas; von Besitz der vollberechtigten Bürger, zu denen wohlauch die Soldaten zu zählen waren, ist nichts mehrerwähnt.

3. Der Weiber st aat (389 v. Chr. Geburt).

Der Lustspieldichter Aristophaues, welcher als witzigerGegner des Periklcs und des Sakrales den Standpunktdes Conscrvativismns in Religion und Politik vertrat,schildert in einem seiner tollsten Stücke, welches wir etwaWeiberlandtag" betiteln würden, eine socialistische Ver-fassung, welche er von Weibern einrichten läßt.

Er hat natürlich diesen Staat nicht mit dichterischerPhantasie frei erfunden, sondern verspottet dort eine ganzbestimmte Persönlichkeit, möglicher Weise einen der So-phisten, welche damals mit unerhörter Keckheit allem Her-kömmlichen zu Leibe rückten, oder auch den nuten zu er-wähnenden Antisthenes, der ursprünglich in die sophistischeSchule ging.

Das aristophanische Staatsbild besteht aus folgendeneinzelnen Zügen:

Alles soll glücklich sein. Hunger und Blöße,Schmähungen, Beutelschneiderei und Auspfändungen werdennicht mehr geduldet.

Alles ist Gemeingut. Reiche und Arme gibtes nicht mehr. Alles muß an den Staat abgeliefertwerden. Vom allgemeinen Vermögen werden die Ein-zelnen ernährt.

Auch die Frauen sind Gemeingut. DieKinder sollen jeden als ihren Vater betrachten, der etwaein paar Jahrzehnte älter ist als sie.

Rechtshändel gibt es nicht mehr. Prügelteiner in der Trunkenheit den andern, so wird dem Rauf-bold das Brod entzogen, welches er sonst bekommen hätte..

Die ganze Stadt wird ein Haus; die Gerichtshöfeund die Stadthallen werden in Gesellschaftssäle verwandelt,in welchen die Schmäuse und die Gelage stattfinden.

Wenn der Dichter die Sache noch so ausmalt, dieMänner hätten nichts zu thun als spazieren zu gehenund sich von den Frauen, welche dafür regieren, rechtschön bedienen zu lassen, so ist klar, daß der schalkhaftePoet hier seine Scherze einstießen läßt.

Wir sehen, bei Aristophaues liegt im Kleinen dasProgramm der Socialisten bereits fertig vor.

4. Der Staat der cynischen Schule.

Nicht ohne Grund verknüpfen wir mit dem Aus-druckecyuisch" einen sonderbaren Begriff. Die griechischePhilosophenschule, welche diesen Namen führte, hat sich,in diesem Punkte eine Tochter der Sophistik, wohl dasHöchste in geistreicher Derbheit und Gemeinheit geleistet.

Brutal cousequent und bar alles feineren Gefühlesbildete sie ihre Sätze aus, in welchen zwar die Tugendin letzter Linie als Leitstern gepriesen, in Wahrheit aberein Zerrbild dieses erhabenen und zugleich schönen Be-griffes gegeben wurde.

So ist es denn kein Wunder, wenn anf der Karteihres Zukunfts- und Musterstaates so ziemlich alle Punkteverzeichnet sind, welche der aristophanische Weiberstaatfeststellt, nebst einigen Zusätzen, welche auf denselbenWeg deuten.

Dies gilt schon von dem Gründer der Schule, demLehrling des Sakrales, Antisthenes (nach 400 v. Chr.Geburt), mehr aber noch von Diogenes (404 423