Ausgabe 
(6.3.1897) 12
 
Einzelbild herunterladen

87

v. Chr. Geburt), den wir als überspannten Verehrer derEinfachheit und Natürlichkeit kennen.

Ihr Grundgedanke war: Der wahrhaft Weise, derdie Tugend voll besitzt und frei gebrauchen kann, werdealles recht und trefflich machen. Daher sei Ehe, Besitzund Rechtsschutz nnnöthig. Die gesellschaftliche Bedeutungdes Gesetzes erkannte Diogenes zwar an, aber er ver-stand darunter wohl nur das sittliche Gesetz, welches allespeciellen Gesetze überflüssig macht.

Einen Staat in unserm Sinne wollte er nicht. Ermeinte, der einzig richtige Staat sei derjenige, welcher inder ganzen Welteinrichtung zu Tage trete.

Die Gottesverehrung in Tempeln und die Abstinenzschätzte er nicht besonders hoch. Es sei kein Unrecht, auseinem Tempel etwas wegzunehmen oder jedes beliebigeThier zur Speise zu wählen; ja selbst der Genuß desMenschenfleisches sei nichts Ruchloses.

Der Unterricht in Kunst und Wissenschaft war nachihm ohne sittlichen Nutzen, wenn nicht schädlich.

Als Tauschmittel empfahl er statt des Goldes oderEisens das Knöchelgeld, welches den Spielmarken unsererKinder entspricht eine interessante Parallele zumMarkengelde der jetzigen Socialisten.

5. Der Staat Platons (nach 380 v. Chr. Geburt)'

Der geniale Schüler des Sakrales hat unstreitig dasGroßartigste gesagt, was je über die Eigenschaften desbestmöglichen Staates verkündet wurde. Er ist auch dasMuster und Vorbild für alle die gewesen, welche uto-pistische Staatsgebilde schufen, von Thomas Morus undCampanella bis auf unsere Zeit.

Nicht ohne Vorbereitung jedoch wie Athene aus demHaupte des Zeus ist der Plan dem Geiste des Philo-sophen entsprungen. Die bisher dargestellten Verfassungs-vorschläge haben mehr oder minder ihren Beitrag undihre Anregung zu demselben geliefert, wie auch daspraktische Vorbild der spartanischen Staatseinrichtung.Auffallend erinnert an Hippodamos die Eintheilungder Stände.

In trefflicher Ausführung nämlich begründet Platon in seinemStaate" , dem Hauptwerke über Politik, denGedanken, daß wie im gewöhnlichen Leben, so auch imStaatsleben eine Arbeitseintheilung eintreten müsse, jenach der Befähigung des Einzelnen. Und zwar müsseneben dem Nährstande der Gewerbetreibenden, Bauernund Arbeiter, welche in willigem Gehorsam die Tugendder Selbstbeherrschung zu üben hätten, ein besondererWehrstand stehen, die sogenanntenWächter", derenAufgabe die Vertretung der Tapferkeit zum Schutze desStaates sei, und alle diese sollten geleitet werden vondem Ehr- und Lehr stände, dessen Glieder philo-sophisch gebildet und mit der Tugend der Weisheit aus-gerüstet sein müßten. Im Unterschiede aber von Hippo-damos denkt sich Platon die drei Stände nicht numerischgleich, sondern er hält nur wenige Bürger für würdig,dem Beamtenstande anzugehören.

Auch die Besitz-, Weiber- und Kindergemeinschaftnimmt Platon in seine Theorie aus, die Besitzgemcinschaftjedoch nicht für den Nährstand und letztere mit Beschränk-ungen, die hier nicht näher besprochen werden können.Nur tvie gezwungen und nur nach und nach läßt er sichauf die Frage der Fraueugemeinschaft ein, so daß manauf die Vermuthung kommt, er habe diese Forderungzum ersten Male aufgestellt. Allein jene Behutsamkeitläßt sich ebenso gut aus der Vedenklichkeit des Themas

erklären, dessen Erörterung damals nicht ganz gefahrlossein mochte. Vor weiteren Couscquenzen scheut der-Philosoph nicht zurück: Die Frauen nehmen am Kriegs-dienst und den Staatsgcschäftcn theil; geschlechtliche Ver-bindungen zwischen den allernächsten Verwandten sindnicht auf alle Fälle ausgeschlossen; die Kinder sind denEltern gänzlich, vor allem in der Erziehung, zu nehmen,und es muß verhütet werden, daß etwa die Mütter ihreKinder erkennen. Eine allgemein waltende Gesinnungbrüderlicher Liebe und Freundschaft sieht Platon als Folgedieser Anordnung voraus, welche noch wirksamer gestaltetwird durch das Verlangen gemeinsamer Mahlzeiten.

Die Gänge der platonischen Dialektik im einzelne»zu verfolgen und die speciellen Vorschriften mit den Be-gründungen wiederzugeben, müssen wir uns versagen.Nur schwer entzieht sich dem Banne der überredendenDarstellung, wer einmal in den platonischenStaat"eingedrungen ist.

(Fortsetzung folgt.)

Die Abteikirche zu Kastl.

Kunstgeschichtliche Skizze von F. Mader.

(Schluß.)

Nachdem wir die Stiftskirche im Innern genügendkennen gelernt, lade ich zur Betrachtung des Aeußeren ein.

Da in den Jnnenräumen der ehrwürdigen Basilikanichts mehr zurestauriren" war, die Malteser aber dochauch eine kunstgeschichtliche That vollbringen wollten, ge-dachten sie sich am Außenbau der Kirche zu verewigen.Das gelang ihnen auch. Sie überdeckten nämlich diedrei Schiffe der Kirche mit einem großen Dach. Dieserbarbarische Einfall hat das Aeußere der Kirche sehr ge-schädigt.

Nur die Ostseite von St. Peter mit den drei Apsidenund dem Thurme bringt noch die ursprüngliche Gestalt zurAnschauung und zeigt, daß die Kirche auch nach außenhin in edlen Formen und Verhältnissen sich präsentirteund mit einer mäßigen, aber geschmackvollen Dekorationausgestattet war.

Da die HauptapsiS bei dem schon erwähnten Ein-sturz des nördlichen Thurmes in ihrem unteren Theileerhalten blieb sammt ihrer ursprünglichen dccorativenAusstattung, so läßt sich mit großer Zuverlässigkeit dieehemalige Gestalt der Apsis nach außen feststellen.

Sie war in fünf Felder getheilt, zwischen denenvier Halbsäulen emporwuchsen; oben müssen dieselbe»durch Rundbögen verbunden gewesen sein. Die Sockelder Halbsäulen sind zweimal als attische Basen behandelt,zweimal mit Thiermotiven geschmückt. Unter dem Dach-gesims war noch ein Ruudbogenfries angeordnet, wie auSden Resten sicher ist. Ob die Zahl der Fenster drei oderfünf betrug, läßt sich nicht angeben; beim Wiederaufbauder Apsis nach dem Thurmeinstnrz hat man deren fünfangebracht.

Die nämliche decorative Anordnung, wie hier an derHauptapsis von St. Peter zu Kastl, findet sich auch ander Apsis des Domes zu Gurk und zu Speyer , im letzterenFall bereichert durch eine zierliche Säulengallerie.

Die Seitenapsiden sind einfacher behandelt. Unterdem Dachgesims läuft ein Zahnschnittband und darunterein Rundbogenfries mit zwei Ecklisenen.

Der Thurm, das Wahrzeichen der Kastler Gegend,hat eine edle, stilvolle Gliederung. Die Fensterzahl steigtnach oben zu. Kräftige Gesimse scheiden die einzelnenStockwerke. Die oberen drei Etaaen sind durch Rund-