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an der Altmühl eine Kerze nach Abenberg verlobt wegenBefreiung von Kriegsuöthcn, so werden wir nicht fehl-gehen, wenn wir annehmen, die Tradition über Stillasei in der erweiterten Fassung in den ersten Jahrzehntendes 16. Jahrhunderts zum ersten Male schriftlich nieder-gelegt worden. Auch Müller (I. c. p. IV) hält dieHandschrift des Jahres 1594 grösztcntheils für eine Ab-schrift einer 50 — 80 Jahre älteren Vorlage, die nichtmehr vorhanden ist. Die geschichtlichen Untersuchungenüber die Grafen Rapoto und Konrad von Abenberg , wiesie in Heilsbronn gepflogen wurden und in dem oben be-rührten Gemälde Ausdruck gefunden haben, führten un-schwer auch zu Stilla, die wegen ihrer Ruhestätte in derPeterskapelle zu Abenberg kurzwcg als Gräfin von Aben-berg und als Schwester der angeblichen Stifter von Heils-bronn betrachtet werden konnte.
Wohl nicht ohne Einfluß auf die Phantasie der erstenOberin von Maricnburg, Katharina Habermayer, welchesich vorher in dem 1471 gegründeten Klösterlein Maria-stein bei Eichstätt aufgehalten hatte, ist das Leben derRcklusin Agnes Eeslingerin geblieben, welche an dem Reb-dorfer Chorhcrrn Hieronymus einen Biographen gefundenhat: „Das teglich brot von den Hastigen", Hagenan 1522.Der Exjesuit Anton Crammer gibt in seinem Buche„Heiliges und gottseliges Eichstädt 1780" folgenden Aus-zug: „Es war eine Matrone mit Namen Agnes Ees-lingerin, von ehrlichen Eltern im Schwabcnlande ge-boren,") die wundersame Dinge von dem hl. Altars-sakramente empfangen hat. Oefters hat sie eine langeReise unternommen, daß sie einer andächtig gelesenen hl.Messe konnte beiwohnen. Noch als Kind hat der Seelen-feind sie aus dem Mutterschooß herausgerissen und sie inden Donaufluß geworfen» aus welchem sie durch ihrenVater wundersam wieder herausgeholt wurde. Kaumetwas erwachsen, hat sie die Knaben zur Andacht auf-gemuntert, und mit ihnen kleine Wallfahrten veranstaltet.Einmal gesellte sich Jesus in Gestalt eines holdseligenKnaben bei. Einmal in der Bittwoche , als sie der Pro-zession beiwohnte, hat ihr der böse Feind das ganze Kleidrückwärts zerschnitten, so daß sie den Bittgang zu ver-lassen gezwungen war, wie er ihr auch zu Hause ihreganze Kleidung sammt vielen anderen Hausgcräthen insFeuer geworfen. Wegen der fortwährenden Versuchungenverbarg sie sich auf dem Gottesacker unter den Todten-gebeinen; hatte aber auch bei der Nacht genug Licht zurArbeit. Sie betete viel für die armen Seelen. Sie ver-schaffte große Hilfe den aussätzigen, bresthaften Kranken,denen sie mit dienstwilliger Arbeit Tag und Nacht bei-gcsprungcn. Sie hatte auch Erscheinungen der MutterGottes, der hl. Petronillci; sie wurde im Geiste, aberauch dem Leibe nach in andere Länder versetzt. Siestarb 1504 und wurde in der Klosterkirche zu Rebdorf, indessen Nähe sie zuletzt gelebt hatte, beigesetzt." (CrammerS. 231 — 237, Greiser 10, 829; Viri insiZncw p. 188.)
Angesichts des frommen Wunderglaubens mittelalter-licher Geschichtsschreibung darf man sich an derartigen un-kritischen Ausgestaltungen vorgefundener Lokaluotizcn nichtstoßen; die wachsende Sage lehnte sich auch gerne anältere Produkte historisch beglaubigter Personen an. Sowurde z. B. das Lebensbild des hl. Sebaldus in Nürn-berg an der Hand der Biographie Theobalds, welchenPapst Alexander II. (1061 — 1073) kauonisirt hatte, im12. oder 13. Jahrhundert mit Wunderwerken der selt-
") Wohl ist damit das schwäbische Städtchen Ais-lingen bei Dillingen gemeint.
, samsten Art ausgeschmückt. (Stammiuger, kstmneomn8. I, 534.)
Unter den Eichstätter Dwecsauheiligen taucht plötzlichdie hl. Wunna, angeblich die Mutter des hl. Willibald,")auf. Wahrscheinlich hat der höchst unkritische Philipp vonNatsamshausen, welcher aus dem Cistcrcicusertloster Barrim schönen Elsaß 1306 als Bischof nach Eichstätt be-rufen worden ist, diesen Namen in die Geschichte ein-geführt. ((Iota 8.8. llnlii tom. II, 486.)
Daß man aber im Mittclalter auch die unbegründetstenSagen und Legenden mit stauneuswerther Leichtgläubig-keit hingenommen hat, beweist u. a. mehr als zur Ge-nüge die Fabel von der Päpstin Johanna , welche durchdie Chronik des Dominikaners Martin von Tropvau")(gestorben 1278) und des dem gleichen Orden ungehörigenJohannes von Mastly in Umlauf gesetzt worden ist. Trotzinnerer Unmöglichkeit und augenscheinlicher Märchenhaftig-keit fand die Sache die gläubigste Aufnahme. Im An-fange des 15. Jahrhunderts fand die Päpstin unter denPapstbüsten im Dome zu Sieua eine Stelle, und sie be-hauptete den Platz zwei Jahrhunderte, bis sie endlich aufBegehrenKlemens' VIII. entfernt oder viclmehrin denPapstZacharias verwandelt worden ist. Als auf dem Concilzn Konstanz Hns für seine Lehre sich auf das weiblichePapstthum berief, erfolgte von keiner Seite ein Wider-spruch. (Döllinger , Die Papstfabeln des MittelaltersS. 1 — 45; Kirchenlcx. VI, 1519; Wattenbach, Deutsch-lands Gcschichtsqucllen II, 426.)
Als Resultat unserer Untersuchung dürste sich somitergeben haben, daß Stilla's Abstammung von dem GrafenWolfram II. oder Zelchus von Abenberg, überhaupt ihreZugehörigkeit zu diesem adeligen Hause nicht erwiesenwerden kann, daß vielmehr die Legende, welche unterdem Einflüsse der Mönche von Heilsbroun erst gegenAnfang des 16. Jahrhunderts schriftlich niedergelegtworden ist, vielfach in offenem Widerspruch mit derZeitgeschichte steht. Daher betrachten wir Stilla als eineabcnbergische Lokalheilige des 12. Jahrhunderts, derenhohe Abkunft durch ihren Grabstein, deren Name unsdurch den Visitator Vogt 1480 verbürgt wird.
Münchner anthropologische Gesellschaft.
c>. München, den 26. Febr. Nach der Proklamirnngneuer Mitglieder ertheilte der Vorsitzende Herr ProfessorDr. I. Ranke das Wort Herrn Grasen Zichy, k. n. k. österr.-ungar. Gesandten, zu seinem Vortrage: „Ueber Wicdcr-entwicklnng einer scheinbar verkümmerten Rasse vonHirschen." In den Park eines Nachbargntes in Ungarn waren in den 60cr Jahren Hirsche verbracht worden, dieallmählich dcgcnerirten. Während eines strengen Wintersbrach ein Theil aus und kam in das Waldgebiet desGrafen, wo vorher keine Hirsche waren, und entwickeltensich inc Laufe eines Jahrzehntes zn wahren Pracht-
") Wenn Hans Halbem d. Aelt. den: ersten Bischöfevon Eichstätt, , den er überdies) in weltlicher Kleidung dar-stellt, zwei Pfeile in die Hand gibt, so folgte er sicherlichmehr der künstlerischen Laune als der historischen Wahr-heit. Detzcl, Christi. Ikonographie II, 681.
") Die Klostcrbibliothek zn Heilsbronn besaß einenPergamentcodex des Martinas Polonns über das Lebender Kaiser und Päpste, der sehr geschätzt war. HockerI. e. bibliotb. p. 88. Ein sehr interessantes Beispiel, ivieder hl., Martin von Tours einen angeblichen Heiligen,an dessen Grab sogar ein Altar errichtet worden war,als Räuber, der ob feiner Schcncdthatcn hingerichtetworden, entlarvte, erzählt Sulpicius Sevcrus, Leben deshl. Martin e,. 11. Ueber die Sage der Pcterskcttcn, welchesich wunderbarer Weise vereinigt hätten, siehe Zeitschriftfür kath. Theologie 1896. 116.