Ausgabe 
(10.3.1897) 13
 
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Briefe des Herrn von Harleß.*)

München im Februar.

Der bayerische Oberconsistorialpräsident v. Harleß,welcher s.Z. mit Andern der Todteugräber des MinisteriumsHohen lohe in Bayern war, hat aus den ersten Jahrenseiner Thätigkeit als Leiter des bayerischen protestantischenKirchenwescus mit Professor R. Wagner in Göttingen (1864) einen Briefwechsel geführt, welchen ProfessorMirbt zu Marburg im 1. Heft des III. Bandes derBeiträge zur bayerischen (protestantischen) Kirchen-geschichte" veröffentlichte.

Es sind nur wenige Briefe, welche Mirbt derOeffentlichkeit übergab, aber sie werfen ein scharfesLicht auf daS öffentliche Leben in Bayern und Deutsch-land.

Was die politische Richtung des Oberconsistorial-präsidcnten v. Harleß anbelangt, so war er ein ent-schiedener Bayer und Gegner der damaligen preußischenPolitik. Ueber die Resultate des Orientkrieges veröffent-lichte Harleß eine anonyme Broschüre, betitelt:Dieorientalische Frage." Harleß schrieb darüber:Im Nach-barlande kam die Polizei dahinter, als die Geschichte unterder Presse war. Bescheid: scheint ganz richtig, aber fürIhren Verlag nicht passend wegen Kollision mit der An-sicht der Landesregierung. Der Verleger erschrak undcedirte es an einen Buchhändler in London. Seit derZeit ist die Voraussetzung eingetroffen: England isolirt,Preußen discreditirt, für Deutschland der rechte Augenblickverpaßt." Der Brief trug das Datum vom 19. Juni 1856.

Am 11. Januar 1863 schrieb Harleß:

Was Du über die politische Stimmung in Frankengehört hast, wird im Ganzen richtig sein, obwohl ich nichtweiß, ob nicht die Wendung der Dinge in Preußen theil-weise zur Abkühlung gedient hat. Auch war in Bezugauf eine Controverse, den Handelsvertrag, geradeein Nürnberger Kaufmann auf dem Handelstagc dertüchtigste Kritiker. Welches perfide Spiel Preußen gerade mit diesem Vertrage treibt, erhellt aus dem Um-stand, daß man hier wohl weiß, wie wenig Frankreich darauf aus ist, etwa nur mit Preußen und ein paarAdjacenten diesen Vertrag einzugehen und aufrecht zuhalten. Was ich gestern hörte, kann ich nicht verbürgen,aber klingt nicht unwahrscheinlich, daß die französischeRegierung hier angeklopft hat, welche Vcrändermrgen amVertrage etwa wünschenswerth und genehm feien. Mitder Sprengung des Zollvereins aber hat es vor derHand noch seine guten Wege, und niemand führe schließ-lich schlimmer dabei als Preußen . Denn der ExportSüddeutschlands nach Preußen kommt in keinen Vergleichmit dem Export Preußens in die süddeutschen Vereius-läuder. Von Herrn v. Kleist-Retzow habe ich einebriefliche politische Expektoration erhalten, aus welcher ichnur entnehme, was ich schon vorher wußte, daß der po-litische Horizont dieses Herrn eigentlich über den schwarz-weißen Grenzpfahl nicht hinausrcicht und daß sie vollder blindesten und tollsten Zuversicht auf die in ihrenAugen erst jetzt wiedergewonnene Machtstellung Preußens sind. Dort, fürchte ich, wiederholt sich die Geschichte vonden zwei Bären, die sich auffressen bis auf die zweiSchwänze. Denn es stoßen die extremsten Richtungen

ohne gesunde Mitte auf einander. Und da beklagen siesich noch, daß die süddeutschen konservativen nicht initden preußischen Hand in Hand gehen können oder wollen!Und nun noch die Pastoren, welche frischweg bereits daspreußische Abgeordnetenhaus das mir freilich auch keinMuster scheint mit dem französischen Konvent ver-gleichen! Es ist zum Tollwerden."

Im selben Briefe äußerte sich Harleß in folgenderWeise über Onno Klopp und die geschichtliche Auf-fassung Tilly's:

Du erwähnst bei Gelegenheit des hannöverschenVereins auch Onno Klopp's, den ich in Frankfurt persönlich kennen lernte. Es wäre mir nicht unwichtigzu erfahren, warum er bei Dir in üblem Kredit zu stehenscheint. Ist es um seiner historischen Schriften willen?Das kann ich mir nicht recht denken. Denn nebenmanchem Einseitigen ist auch Vieles richtig, wie ich denn,um nun subjectiv meine Stellung zu bezeichnen, weder zuden Verketzern Tilly's (wir haben ja gerade in denhiesigen Archiven die schlagendsten Dokumente für ihn)noch zu den Verehrern des alten Fritz gehöre. Kurz, ichvermuthe, daß Du andere Gründe hast, und möchte siegern kennen lernen."

Am 3. Januar 1863 schrieb Harleß:Auf dastrübselig politische Thema mag ich gar nicht kommen, sonahe es liegt. Nur bin ich in der verwunderlichen Lage,gestehen zu müssen, daß ich zur Zeit die Zustände inBayern für die alleracceptabelsten halte. Wenn mir dasauswärtige Diplomaten, und darunter der preußischesogar selbst sagen, muß etwas Wahres daran sein. Aberob das in der Feuerprobe Bestand hat» ist eine andereFrage."

Wenige Jahre zuvor hatte Harleß die bayerischenVerhältnisse sehr scharf, sogar schroff beurtheilt. Soschrieb er am 12. Juli 1853:Was mich persönlich ammeisten bekümmert, ist die Sorge, daß Zwehl (derKultusminister) es nicht mehr lauge aushält. Ich habeihn wahrhaft achten und lieben gelernt. Aber er hat alsMinister das Fegfeucr bei lebendigem Leibe durchzumachen.Wer auf den König Max II. Einfluß h at, weißNiemand; heute Der, morgen Jener, der Regel nachallerdings Jene nicht, die amtlich Vertrauenspersonen seinsollten. Genug Gelegenheit gibt es wenigstens für jeneStudien, die der alte Oxcnstierna (m tallm) seinemSohne empfahl: ut viciaa8, hunin parvis viribnsmuuäu8 ragatur.... (Du weißt nicht, mit wie wenigVerstand die Welt regiert wird.) Harleß macht sich dannlustig über die gelehrten Schrullen am Hof des KönigsMaximilian II. , der zur Erwcckung preußischer Sym-pathien (der König war von lauterNordlichtern" um-geben) ein Wörterbuch in plattdeutscher Sprache heraus-geben lassen wollte.

Die norddeutschen Professoren, mit welchen KönigMax II. sich umgeben hatte, machten auf Harleß den un-angenehmsten Eindruck. Der König hatte in der Residenzein eigenes Zimmer Herrichten lassen, in welchem er mitden aus Preußen berufenen Professoren, denNord-lichtern", die Abende zubrachte. Dort wurden auch diepolitischen und kirchlichen Fragen discutirt und dieRichtung für deren Behandlung bestimmt. Kultusministerv. Zwehl, ein sonst gescheidter Mann, aber ohne Energie,war nur das ausführende Organ. Das Zimmer, inwelchem dasSymposium" abgehalten wurde, trägt

') Aus derDeutschen Reichszeituug".