Ausgabe 
(10.3.1897) 13
 
Einzelbild herunterladen

95

das Läuten mit den großen Glocken unleidlich macht.Die Resultate müssen wie über Nacht aufschießen undüber den Köpfen zusammenschlagen. In unserer Zeitbringen es die Hennen vor lauter Gackern nichtzum Eierlegen. Das ist mir von je in der tiefstenSeele zuwider gewesen."

Ueber philosophisch-theologische Fragen schrieb Hnrlcßam 31. Dezember 1858:Dagegen habe ich pstilosopllica,in der letzten Zeit weniger beachtet. Was Dn über Lotzesagst, ist auch mir aufgefallen und hat mich abgeschreckt.Ritters christliche Philosophie habe ich leider noch nichtangesehen. Ein längerer Brief, den er vor einiger Zeitüber religiöse und kirchliche Dinge an mich schrieb, hatmich nicht sehr erbaut. Von dem, was Bunsenempfiehlt, lese ich gar nichts. Das ist dergrößte Windbeutel. Vor einiger Zeit hat ihnPlatsch in den gelehrten Anzeigen in Bezug auf seineägyptischen Forschungen sehr ruhig, aber höchst gründlichbedient. Dagegen freut es mich, daß Du vor dem ab-scheulichen Buch aritis staut clous denselben Ekel hast,wie ich. Bei den sogenannten plülosoplliois fällt mirein Kuriosum ein. Als ich in diesem Sommer gegendie Spiritualismen etwas für Hengstenberg schrieb,erhielt ich als Uomrarr^a äo I'autaur aus Paris vonHuldenstnbbe sein Buch: öarituro äiraeta lies ssxrltsoder xuauiugtalojgia positive at exparimsntalo zuge-schickt. Das ist doch eine seltsame Ironie von Zusammen-treffen. Und kolossaleren Unsinn und Frevel als jetzt eineElite der guten Gesellschaft in Paris treibt, kann mansich, Zeuge dieses Buches, kaum denken. Es gibt dochwirklich gegenwärtig einen wahren Hcxcnsnbbath vonLiteratur! Die Spiritnalistcn und Materialisten sind wieLeute, die auf den Köpfen stehen und mit den Beinennach einander stoßen."

Harleß war Altlutheraner und Gegner der preuß-ischen Union. Er schrieb am 20. Mai 1856:

Hengstenberg ist nur so respektabel, daß ich allzeitmit seiner Stellung zur Union Geduld gehabt habe. DieFrage des Bleibens oder Ausscheidens ist nicht so leichtabgethan, als manchem scheint. Nur ruht dieserUnions-Alp wie ein Fluch auf jeder gesundenEntwicklung. Wer übrigens andere Zustände inPreußen kennt, gewahrt auch in Hengstenbergs früheremAuftreten gegen die Freimaurerei und in seinem neulichenaus Anlaß der unseligen Hinkeldey'schen Sache einenMuth, in welchem es ihm in Preußen so leicht keinernachthnt."

Ueber seinen Weggang aus Dresden bemerkteHarleß:

Die Meinung über die Gründe meines Weggangsaus Dresden , von der Dn mir schreibst, war auch mirschon früher zu Ohren gekommen. Sie lag nahe genug.Wie sollte denn auch, so wird man räsonuirt haben, einvernünftiger Mensch ca. 4000 fl. Mehreinnahme in dieSchanze schlagen, wenn er nicht an seiner Stellung de-sperirt? Zudem konnte man auch mich klagen gehörthaben. Die Klage aber bezog sich zumeist auf Reor-ganisationspläne, welche heute noch vom Kultusministeriumapprobirt in Dresden liegen, aber am Widerspruch deranderen ministri in avanZoliois scheiterten. Zu allenandern Fragen konnte ich unter Beu st' sMitwirknngalles durchsetzen. Bei Falkenstcrn wäre es viel-leicht zögerlicher gegangen. Aber die Majorität imMinisterium hatte ich auch da auf meiner Seite, undmanches, das unter Falkcnstein verfügt wurde, stammt

noch aus meiner Feder und früheren Collegialücschlüssen.Ich hatte über nichts zu klagen, als über einen Mangelan Energie und über Hintern«.sgesist-.-^r Streiche, zuwelchen ein Rath, der Dämon des Ministeriumsseit Decennien, verleitete."

Ueber verschiedene theologische Leistungen undAuffassungen schrieb Hartes; am 3. Zammr 1862:Einanderer in Vilmars Zeitschrift über Custasc, M.stic unddergleichen hat mich insofern nicht erbaut, als ich Zielund Absicht nicht recht verstehe. Ein lebendiger mchfrischer Kopf ist es, ich fürchte nur, er strebt zu pur,von der Peripherie ins Centrum zu kommen. Dazu ge-stehe ich, vor den naturwissenschaftlich gelehrten Theologeneinen kleinen Schrecken zu haben. Was hilft Litera'm-kenntniß ohne genaueste Kenntniß der Sacist selbst? :5sist doch meistens ein Reden der Blinden von der Farbe,und sie tappen mit dem besten Willen im Finstern. Sohabe ich das dicke Buch von Kecrl nir t dnr.ugcvracbt unddie zweite Auflage von Delitzsch's l>imim;cr Pi. a gienamentlich in seinen physiologischen Cuaten »inst ohneSelbstüberwindung verspeist. ...

. . . Woher die Nichtachtung der Wege Gottes inder Geschichte und die Tendenz zu tlle wo.-.ste'-stoaen ausdem sogenannten Schriftvriuzip heraus d. h. eigentlichentweder aus der abstrakt-individuellen Schriftauffassnngoder aus dem in eine codisizirte Rechtsnorm umgewan-delten Lebenswort der Schritt heraus? Dies uns ähn-liches aber hört man in der Jctzrzcit gerade als spe-cifisch lutberisch preisen, was nicht mög ich wäre,wenn man nicht statt des Geistes des Propreren so undso oft nur den abgerissenen Zipfel seines Mantels in derHand hatte. Und dabei geht theologische Recht-haberei und Animosität über alles Maß imSchwange. Zu diesem Herzenserguß b-n 'ch gmrmru.en,weil ich nicht sowobl, wie Da sagst, granbe, daß oasLntherthumerstarrt", als daß es, was die theolog-ischen Stimmführer betrifft, s. v. v. aus demLeim geht. Es fängt auch an, sich mit allen mög-lichen Elementen zu vergesellschaften und die babyloni-, -äSprachverwirrung zu vervollständigen. Dem ücn hoffe ichaber immer noch, daß die v,rt tjumlazi-, der Katzen-jammer befällt und die schlcsische Katastrophe karrn oaznein gut Theil beitragen."

Ein anderes Mal äußerte Hmckeß auch seine un-verhohlene Abneigung gegen alles Limholffche. So schrieber am 31. Dezember 1858:

Auf Deinen Bericht über Agassiz freue iw rn'ch.Mir hat wohl gethan, daß sogar Bischofs d här denwissenschaftlichen Werth des Materialismus öffentlich an-focht. Man wird allmählich zufrieden, wenn die Leutenur wieder halb vernünftig werden. Deine briefliche Be-gegnung mit Monjignore de Luca (Niurüns in München ,später Cardinal) hat mich üor'gens doch nebenbei inter-essirt. Schade, daß man sich nicht der Täuschung hin-geben kann, als würden Katholiken auf die Längegemeinschaftliche Feinde mit uns in ehrlichem Brrudes-genosscnkampf bekämpfen. Diesen Traum muß ich denGerlach's und Nathusius' überlassen, wenn sie ihnüberhaupt noch träumen. . . .

. . . Was Preußen betrifft, so könnte man,wenigstens in Bezug aus den Stand kirchlicher Fragen,im Reinen sein, wenn die Worte entschieden, welche manin der regentlichen Mantelpredigt (Rede desPrinzrcgentcn Wilhelm an das Ministerium am 8. No-vember 1858) hat reden lassen. Seltsam genug hält