tt,'. 14.
13. My 1897.
Wage zm Dgsklirger
Zur „? 1 t 1 i 663 .NtIiroxu 8 srsotus"-Frage.
Von Stadtkaplan Joh. Bu Müller in Neuburg a. D.
Der Verfasser des Folgenden hat früher in denSpalten dieses Blattes (Jahrgang 1895, Nr. 33—35)einen kurzen Bericht veröffentlicht über eine neue Stamm-form des Menschengeschlechtes, den kitiiccaMdroMg«roctuo, einen „aufrechtgehenden Affenmenschen", welcherim Jahre 1891 in fossilem Zustande in Gestalt einesSchädeldaches, eines Oberschenkelknochens und eines —später noch eines zweiten — Backenzahnes aus der InselJava das Licht der Welt erblickte. Dubais, Militär-arzt in Niederländisch-Jndien, fungirte in jener wichtigenStunde als Geburtshelfer, während Karl Vogt noch vorseinem Hinscheiden das hohe Glück zu Theil wurde, Ge-vatter stehen zu können. Vielleicht interessirt es den einenoder andern der verehrlichen Leser der Postzeitung, überHe weiteren Lebensschicksale dieses schon so defekt zurWelt gekommenen Wesens etwas zu erfahren. Es warAnfangs zu erwarten, daß dem neugeborenen kirstoe-zntffroxns dasselbe Schicksal bevorstände, wie schon sonanchen seiner Vorgänger, welche, eine kurze Zeit lang'm Mittelpunkte der Diskussion stehend, plötzlich von dennaßgebenden Oootores aufgegeben und ohne Sang undKlang zu Grabe getragen wurden. Mein der jungekitstceautliropuv hat ein zäheres Leben; schon überzwei Jahre innren alle möglichen Doatoros auf derganzen Welt an ihm herum: und trotzdem ist er nocham Leben. Genannte Vootoi-W werden nämlich überdie Diagnose nicht einig: die einen wollen ihn zu einemganz ordinären Affen stempeln, andere zu einem idioten-haften Menschen, die dritten zu einer wahrhaften Ueber-gangsform zwischen Affe und Mensch, also so ungefährzum Ururgroßvater Adams — ganz genau ist der Stamm-baum noch nicht festgestellt — , die vierten endlich meinen,daß sich nach der Lage der Verhältnisse vorerst ein Ur-theil überhaupt nicht abgeben lasse. Das einfachste wärenun eigentlich diese letztere Ansicht zur unsern zu machenund hiemit vorliegenden Artikel zu schließen. Doch daes heutzutage einmal Mode ist, über jenes, worüber manam wenigsten Positives zu sagen weiß, am meisten Wortezu machen, so wollen wir, diesem Zuge der Zeit folgend,unter Herbeiziehung der hauptsächlichsten von fachmänn-ischen Autoritäten abgegebenen Urtheile (vorzüglich mitBenutzung des Centralblattes für Anthropologie, heraus-gegeben von Or. Bnschan) unsern ?itstoLnnt1iropu8orcotno nochmals einer gründlichen Besichtigung unter-werfen. Zuerst sollen die Haupteigenthümlichkeiten desSchädelfragmentes in besonderen Abtheilungen behandelt,oan» der Oberschenkelknochen und die Backenzähne nochmrz besprochen werden.
L. Schädelfragment.
1. Die Chamäkephalie (Niedrigkeit) des Schädels,verbunden mit Abflachung der Stirne. Pros. WilliamTurner führt im llourrr. ot uunv. g-uä pl>^8, Bd. 29verschiedene Schädel an, welche dem Java-Schädel an ge-ringer Höhe nahe stehen. Nach Dr. Martin (Globus,Bd. 67, 1895 M. 14) ist die Höhenentwickelung desSchädels und seine Wölbung in der Stirnrcgion eineviel beträchtlichere als beim 1ro^1oä^to8 und(Gibbon). Virchow dagegen, welcher den kitstccautstropuaercekna als eine riesenhaft entwickelte Gibbonart erklärenmöchte, zeigte anläßlich des Auftretens Dnbois' in der
anthropologischen Gesellschaft in Berlin an der Abbildungdes fossilen Schädeldaches und eines um das Doppelte-s- 10 oom vergrößerten Gibbon-Schädels die ähnlicheForm derselben, besonders ihre gemeinsame hochgradigeChamäkephalie. Allein dies ist immerhin nur eine all-gemeine Aehnlichkcit, die ihren wirklichen Grund z. B. inMikrokephaler oder sonstiger Mißbildung u. dgl. habenkann. Auch ist der Java-Schädel nach Martin eben dochhöher als ein Gibbon-Schädel. Mit dem gleichen Rechtekönnte man auf Grund einer Abbildung der von Turnerangeführten chamäkephalen Schädel auf die Zugehörigkeitzur Species Liomo schließen. Es wird sich daher ausder Chamäkephalie weder ein nrguiuoutum pro nochcontra entnehmen lassen. Was speziell noch die abge-flachte Stirne betrifft, so ist nach Turner beim Java-Schädel das je nach hinten znrückgeneigte Stirnbein flachwie bei den Affen, während der Neanderthaler Schädelauf der Stirn gerundete Höcker trägt. Dies spricht fürdie H^lobatos-Theorie. Dem gegenüber aber findetsich wiederum in der Sammlung der Universität zu Edin-burg der Schädel einer Mikrokephalen Frau, bei welchemdie Abflachung des Stirnbeins fast so groß ist wie beimJava-Schädel.
2. Schädelkapazität (Größe des Gehirns). Da nurein Fragment des Schädels erhalten ist, kann die Ka-pazität natürlich nicht absolut sicher bestimmt werden.Den Rauminhalt oberhalb der Glabella-Jnion-Ebeneschätzt Dnbois auf 575 coru. In diesem Falle würdeder Inhalt des ganzen Schädels nach Virchow ungefähr1000 com betragen. Die größten Schädel von Anthro-poiden (i. o. der menschenähnlichen Affen: Gorilla, Schim-panse, Orang, wozu einige auch noch den Gibbon rechnen)fassen höchstens 600 coru. Wiewohl nun der gewöhnlicheInhalt des menschlichen Schädels ein 1000 com weitübersteigender ist — nach Topinard ist für den männ-lichen Europäer-Schädel das Mittel 1400 com —, sosind doch auch Kapazitäten wie die des Java-Schädelskeine gar zu seltene Ausnahme. Jedenfalls ist nachunsern bisherigen Erfahrungen 1000 cova eine spezifischmenschliche Kapazität, welche das nur in seltenen Fällenerreichte Maximum der Anthropoiden um 400 ccra über-trifft. Turner hat bei 24 männlichen Anstralierschädelnals Minimum 1044 cciu erhalten. Von 12 weiblichenAnstralierschädeln hatten 5 eine Kapazität von 1100,3 eine soche von nur 998—930. Virchow bestimmte,wie schon in meinem früheren Artikel erwähnt, bei denWedda auf Ceylon einen sonst anscheinend normalen weib-lichen Schädel zu nur 960, unter Reihengräberschädelneinen solchen zu 930 ccua. Welcker hat als Minimumbei der mitteldeutschen Bevölkerung einen normalen weib-lichen Schädel von 1090 coru gefunden. Der Rauminhaltdes Javaschädels ist also nach unserer bisherigen Er-fahrung ein spezifisch menschlicher, und selbst Thomson,nach welchem das Schädeldach in allen (??) seinen Merk-malen asfcnähnlich ist, nimmt hiebet die große Kapazitätaus. Wie soll sich nun ein solches Gehirn bei einemAffen erklären? Virchow sagte auf dem anthropolog-ischen Congreß zu Speyer (im August 1896), daß manin der ricscnmäßigeu Entwickelung dieser Gibbonart, wo-für er den ?itstooantdropu8 erectua hält, nicht einehöhere Mcnschenähnlichkeit erblicken darf, da gerade derOrang-Utan und der Gorilla uns gelehrt haben, daß,je riesemnüßiger sie sich entwickeln, sie um so mehr vom