Ausgabe 
(13.3.1897) 14
 
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Menschen sich entfernen, wie ja bekanntlich die größteMenschenähnliche bei den jungen, nicht bei den ausge-wachsenen Exemplaren der Anthropoiden besteht. Diesscheint gerade gegen Virchows Theorie zu sprechen. Dennwenn wir es mit einem Anthropoiden zu thun haben,so sollten wir am Schädel nicht nur die spezifisch äffischen,den riesenmäßig entwickelten Anthropoiden eigenthümlichenKnochcnkämme, sondern auch einen Rauminhalt erwarten,der im Verhältniß zur Größe des Thieres und dem Menschengegenüber ein spezifisch thierischer, nicht aber ein vielgrößerer als bisher bei Anthropoiden nachgewiesen, undein den Inhalt mancher menschlichen Schädel erreichender,ja übertreffender ist. Eben, daß das letztere der Fallist, spricht nach den von Virchow angeführten, an denAnthropoiden hinsichtlich Größeentwickelung und Menschen-ahnlichkeit gemachten Erfahrungen gegen Virchows Hz-Io-bates-Theorie. Aus ähnlichen Gründen können wir auchjenem Beweise für die Gibbon-Theorie, welcher sich ausdie den Javaschädel und einen ums Doppelte -s- 10 omvergrößerten Gibbon-Schädel darstellende Zeichnung stützt,die Virchow anfertigen ließ, eine Bedeutung nicht bei-legen. Auf dem Papier ist es allerdings sehr einfach,einen Gibbonschädel um das angegebene Maß proportionalzu vergrößern; in Wirklichkeit dürfte aber eine solcheZeichnung ziemlich werthlos sein, da Hiebei vor allem diemechanischen Einflüsse, welche in der Natur eine solcheVergrößerung des Schädels begleiten würden, in ihrennpthwendigen, den Schädel umgestaltenden Wirkungengänzlich außer Acht gelassen worden sind. Hiersind vor allem die nach bisheriger Erfahrung mit riesen-hafter Größcentwickelung verbundenen Knochenkämme zunennen.

)- 3. Abschnürung des Orbitaltheiles; Schläfenenge.Virchow hat aus dem Zoologencongreß in Leyden dieBehauptung aufgestellt, daß bei den Affenschädelu und soauch beim Javaschädel die soliden Wülste um die Augen-höhlen durch eine tiefe Einschnürung in der Schläfen-gcgend von dem eigentlichen Gehirnschädel getrennt sind,und daß sich dadurch der Affenschädel von allen normalenMenschcnschädeln unterscheidet. Auch Nehring bezeugt dieseAbschnürung, welche beim erwachsenen Affen um so deut-licher und energischer ausgeprägt ist, je kräftiger die Kau-muskeln (und dem entsprechend der Sagittalkamm) ent-wickelt sind. Allein, daß diese Einschnürung nicht einallgemein gültiges, absolutes Unterscheidungsmerkmal ist,das beweist ein von Nehring in derNaturwissenschaft-lichen Wochenschrift" X, 46 beschriebener, aus den Samba-quis von Santos in Brasilien stammender Menschenschädel,welcher eine ganz ähnliche Abschnürung ausweist, wie derJavaschädel. Dies zeigt sich auch aus dem Index, denVirchow oben als Unterscheidungsmerkmal ausstellen wollte.Dieser Index ist das Verhältniß der kleinsten Stirnbreitezu der 100 gesetzten größten Schüdelbreite. BeimJavaschädel ist dieser Index 69,23, nach Virchow kleinerals bei ähnlichen Schädeln z. B. von zwei Australier-schädeln der eine 71,1, der andere 72,6; der Neander-thalschädel 76,3. Hierin soll sich nach Virchow der Asien-charakter des Javaschädels zeigen. Dem gegenüber ver-weist Dr. Mics-Köln auf einen Schädel vom Index 61,8,dessen Jnnenraum 1310 acw faßt; ferner erwähnt ereinen Mikrokephalen Schädel mit dem Index 66,7. Der vonNehring beschriebene Sambaquischädel hat gleichfalls nocheinen geringeren Index als der Javaschädel, nämlich 64,79.Bei einem Gorilla ist der nach Nehrings Angaben be-rechnete Index 68, bei einem Gorilla ? 69,38, Sehnn-

pause A 69,79. Daraus geht hervor, daß es mensch-liche Schädel gibt, deren Index kleiner, ja bedeutendkleiner ist als derjenige der angeführten Anthropoiden,daß also dieser Index als Unterscheidungsmerkmal einenallgemein gültigen Werth nicht besitzt. Uebrigens sei nocherwähnt, daß Dubois betont, die temporale Breite amunversehrten Javaschädel müsse 94 betragen haben; dannwäre sein Index sogar 72,3. Diese Einschnürung läßtsich also keineswegs als Beweis für die Gibbon-Theorieverwerthen. Man kann sich diese temporale Enge sehrWohl als Folge einer kräftigen (Einschnürung), aber dochnicht allzu kräftigen (Fehlen eines Sagittalkammcs) Ent-wickelung der Kaumnskulatnr vorstellen, ivas gewiß nichtsAuffallendes bieten kann bei Völkern, welche auf tiefererCulturstufe stehen, besonders bei den versprengten Vor-posten des über die Erde sich ausbreitenden Menschen-geschlechtes und zu diesen dürfen wir wohl die ehe-maligen Besitzer des Sambaqni- und Javaschädels, wenndies überhaupt ein menschlicher ist, rechnen, welche inVerhältnissen lebten, die alle Kräfte zur Erwerbung dernothwendigen Nahrung in Anspruch nahmen. So gutals bei sehr stark verwilderten rohen Völkern bei ein-zelen Individuen in Folge stärkerer Entwickelung derKaumuskulatur die Ansatzstellen derselben sich am Schädelaffenähnlich deutlicher ausprägen, diese Dinaas tarnpo-ralso dann beiderseitig weiter hinanfrücken können (Ueber-gang zum anthropoiden Sagittalkamm; bei dem ver-kommensten Jndianerstamme, den Pah Uta, die extremsteAnnäherung 1 mw), ebenso ist denkbar und thatsächlich,daß durch stärkere Entwickelung dieser Muskeln in ex-tremen Fällen eine affenähnliche Abschnürung des Orbital-theiles entsteht. Auffallend erscheint dagegen beim Java-schädel, daß von den Innekw tomxoralas weder einestärkere Entwickelung noch ein Hinanfrücken am Schädelbekannt ist. Man sollte erwarten, daß die länoa tam-xoralis als Muskelansatzstelle in erster Linie durchdie stärkere Entwickelung des Muskels beeinflußt würde»wie nach Nehring auch bei den Affenschädeln die Ab-schnürung um so größer erscheint, je ausgeprägter dieKnocheukämme entwickelt sind. Dies scheint auf eine un-regelmäßige resp. pathologische Bildung des Schädels hin-zuweisen, legt also den Gedanken an eine pathologische,vielleicht mit Mikrokephalie zusammenhängendeSchläfen-enge" nahe. In jedem Falle darf selbstverständlich voneinem einzigen Schädel nicht auf die Gestalt aller gleich-altrigen Schädel geschlossen werden. Hiemit kann alsoder Javaschädel wegen seiner Abschnürung nicht zu einemAffenschädel gestempelt werden; dies wäre ganz ähnlich,wie wenn man aus einem oben erwähnten Pah llta-Schädel wegen seiner Knochenleisten einen Affcnschädelmachen wollte, denn beiden Erscheinungen liegt höchstwahrscheinlich dieselbe Ursache zu Grunde.

4. Sonstige Eigenschaften des Schädels. Die Aiigen-braucnbogen sind nach Dr. Martin beim Javaschädelschwächer ausgebildet, als beim Schimpanse. Fernerweist nach Mannvrier und Dr. Martin der Abstand derSchläfenlinie von der Ptcilnaht auf menschliche Eigen-schaften hin. Die oft mächtigen Knocheukämme, die beiden ausgewachsenen menschenähnlichen Affen zu beobachtensind, fehlen, wie schon erwähnt. Ob die Schläfengcgcndmenschlich geformt sei, darüber besteht eine Eontroversezwischen Virchow und Martin, welch letzterer die Fragebejaht. Auch Nehring weist darauf hin,daß dieSchläfenbeine des DitÜLcautnropuv, soweit sie erhaltensind, einen durchaus menschenähnlichen Bau zeigen und