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aber es waren doch zwei unter den vielen, welche einigesAufsehen erregt haben und für würdig erachtet wurden,in der Canonisations - Bulle Bonifaz IX. erwähntzu werden. Das eine geschah au einer Wittwe Agnesvon Contessa — ein in Rom im Mittelalter oft vor-kommender Geschlechtsname —, welche von einer Hals-geschwulst befreit wurde, und das andere an einerClarisfen-Nonne, Francesco, aus dem edlen GeschlechteSavelli, welche von einem langwierigen Magenleidenbefreit wurde. — Den 27. Juli wurde ihr Leib in einenHolzschrein gelegt, welcher mit Tüchern bedeckt und vonBirger Ulfson, dem Sohne der Verstorbenen, ver-siegelt wurde, sowie von Latinus Ursini, ihremadeligen Freunde, und mehreren vornehmen römischenHerren, deren Namen nicht aufbewahrt sind?) DerSchrein wurde sodann in einen Marmor-Sarkophag ge-legt, und dieser wurde in der Kirche aufgestellt hinterdem Gitter, an dem Platze, welchen Birgitt« selbst zuihren Lebzeiten gewählt hatte. Ueber den Sarkophagsagt eine jüngst herausgegebene französische Arbeit überBirgitts) daß Stefana Savelli, eine Wohl-thäterin des Klosters, ihn zu ihrer eigenen Bestattungmachen ließ, aber ihn nun zu Gunsten Birgittas abtrat.Er ist jedoch eine heidnische Arbeit aus dem 4. Jahr-hundert. Auf der Vorderseite ist er durch Säulen infünf Felder getheilt, von welchen das mittlere zwei halb-geöffnete Thüren mit Medusen-Hänptern und Löwenrachenzeigt, während die anderen vier geschmückt sind mit be-flügelten Figuren, welche die vier Jahreszeiten darstellen?)Was aber Stefana Savelli betrifft, kaun sie mitder Sache nicht das Geringste zu thun gehabt haben,denn sie lebte erst 200 Jahre später; aber es scheint mirwahrscheinlich, daß die Idee, einen antiken Sarg anzu-wenden, ausgegangen ist von einer Dame aus dem Ge-schlechte Savelli, möglicherweise der obengenanntcnFrancesca. Jene hatte ihre Grabcsstätte in dem statt-lichen Grabmonumcnte, welches 100 Jahre früher in derKirche Lra 6os!i für ihre Anverwandten errichtet wurdeund bei welchem alte heidnische Sarkophage als Posta-ment verwendet wurden.
Die Beisetzung im Panisperna-Kloster wargleichwohl nur provisorisch, denn Birgitt« hatte inihren letzten Tagen verordnet, daß ihre irdischen Ueber-restc nach Schweden gebracht werden, damit sie dortin der Klosterkirche ruhen. Ihre in Rom lebenden KinderBirger und Katharina mit ihrem treuen Gefolgeund den Beichtvätern, Prior Petrus von Alvastraund Magister Petrus, begannen nun bald über dieHeimreise zu berathschlagen, aber einer ihrer nächstenFreunde, Alfonso von Jaen, war fernes in Avi-gnon, wohin er die .letzte Prophezeiung Birgittasan Gregor IX. gebracht hatte. Er war mit der Ab-geschiedenen in ihren letzten Lebensjahren zu sehr be-freundet, so daß es in Frage kommen konnte, ob manihren Staub fortführen solle, bevor er zurückkam. Inden ersten Wochen des September war er nun wieder
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ch Diese Dccoraiion, welche das menschliche Lebenversinubildet, kommt nicht selten an römischen Sarkophagen-'or. In alten Klosterhandschristen ist die Rede von einemMonument, welches geschmückt ist mit „ausgehauenenEms.elsbitdcrii und anderen Arbeiten".
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in Rom , und es wurde beschlossen, die Vorbereitungenzur weiten Leichenfahrt zu machen. Birgittas Haus-caplan Mag uns Petri bestellte erfahrene Leute unddie nothwendigen Materialien zur Einbalsamirung, aberwenn man ihm und anderen Zeitgenossen glauben darf,war dies eine unnöthige Vorsichtsmaßregel. Als nämlichder Schrein geöffnet wurde, befand sich das Skelett trockenund rein im Todtenkleide. Alles war verwundert! Nurein Theil ihres Gehirns fand sich, nach KatharinasAussage, in der Hirnschale.
Diejenigen, welche über eine Heilige schreiben, gebensich oft zufrieden, zu sagen: „Ralnta, reksro". Fürmehr kritisch angelegte Leser kann es angenehm sein, zuwissen, daß solches durchaus nicht unmöglich ist. Solesen wir z. B. öfter, daß ein heiliger Leib einen Wohl-geruch ausströmte. Daß dies der Fall war mit Bir-gt ttens Ueberresten, hat Magnus Petri allerdingsnicht als Beweismittel beim Canonisations -Proccß ge-braucht, aber das kann ein Uebersehen gewesen sein. Indem von ihm gegründeten Birgittenkloster bei Florenz ,wo er 1397 starb, wußte man längst besseren Bescheid,denn in der Biographie über Birgitta, welche dortungefähr 1450 vom „Oonksssor gsnsralis" desKlosters, Werth old von Rom» geschrieben wurde,wird erzählt,') daß am Skelette an Stelle der Ein-geweide eine schwarze Masse gefunden wurde, welcheduftete wie Weihrauch oder Myrrhen?)
Die Clarisser-Nonnen bei Sän Lorenzo inPanispernc?) drangen unterdeß darauf, daß sie einigeReliquien bei sich behalten konnten. Birgitta hattedort manche Freundin, sie hatte oft in ihrer Kirche ihreAndacht verrichtet und hatte noch dazu an der Pfortemit den Bettlern das Almosen geholt, sie war Gast inder Klosterherberge, vielleicht starb sie auch dort, sie wolltesich wenigstens nicht ganz und gar im Tode von den-jenigen trennen, mit welchen sie im Leben so innigeGemeinschaft hatte! So war es auch. Von dem Ske-lette, welches von den Trauernden nach Schweden ge-führt wurde, wurde ein Arm mit anderen Theilen ab-getrennt, welcher seinen Platz in dem schon genanntenMarmor-Sarkophag fand. Dieser wurde eingemauertan der Längsseite zur Rechten des Altars.
') lud. III Proosmium , gedruckt in Xota LauetorOst. IV, S. 524.
„Was noch wunderbarer ist", fügt naiv der Ver-fasser hinzu.
°) Diese Kirche ist eine der ältesten in Rom ; siewurde wahrscheinlich unter Konstantins Regierung aufdem Viminal erbaut, wo nach der Tradition der jungespanische Diakon Laurentius den Märtyrer-tod erlitt,ungefähr 260. Sie wurde zuerst genannt >>»ä Vimi-uri-Ism", dann „ill ll'ormosc?, und später, im 9.Jahr-hundert „in kauispsrna", welchen Namen sie bis jetztnoch hat. Ueber dessen Bedeutung herrscht Ungewißheit.Einige leiten es her von „paus s psrua", da nämlichdort an die Armen an den Festtagen des hl. LaurentiusBrod und Speck ausgetheilt wurde. Nach Anderen sollenbeim Umbau der Kirche die Arbeiter mit einem wunder-baren Brode gespeist worden sein, welches die Engeljeden Morgen in einem nahegelegenen Hause niederlegten,das eine Wittwe mit Namen Per na bewohnte. Andereschließlich halten dafür, daß die Kirche aufgebaut wurdevon einigen Mitgliedern des Geschlechtes Perpcrnaoder Perpenna. Diese Ansicht scheint die größte Wahr-scheinlichkeit zu haben. Ein Perperna Quadratuswar Präfekt zur Zeit Conftantins und stand demBau der nahegelegenen Thermen des Kaisers vor. Grc-gorovius sagt (Geschichte der Stadt Rom l. 99), daß imKlostergarten ein Stuck Marmor gesunden worden feimit der deutlichen Aufschrift „Uerpsrim?, was gewiß