Ausgabe 
(13.3.1897) 14
 
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Außer dem, was den Arm angeht, findet man ingleichzeitigen Handschriften oder den älteren Biographiennichts aufgezeichnet darüber, was für Theile es waren,die in der Panisperna-Kirche zurüciblieben. DieCanonisations-Bulle des Papstes Bonifaz IX. sagtblos, daß es einige waren, und in den Franziskaner-Annalen^) ist noch später angeführt, daß die Cla-risser-Nonnenden linken Arm mit anderen Ueber-resten" behielten.") Erst im Jahre 1574 findet sichaufgezeichnet, daß es neun Reliquien waren, was über-einstimmt mit der nun dort befindlichen Anzahl (1 Arm,1 Beckenbein, 3 Rippen und 4 Rückenbeine). Möglich,daß es ursprünglich mehrere waren, denn am Schlüssedes 15. Jahrhunderts fanden Verhandlungen statt, welchewahrscheinlich zur Folge hatten, daß ein oder das andereNeliquienstück über die Alpen geführt wurde.

Im Jahre 1485 wurde nämlich die Grabesruhegestört, wenn auch blos znr größeren Ehre der Heiligen.Herzog Georg von Bayern, welcher ein eifrigerGönner der Birgittiner war, hatte den WolfgangSandizeller") nach Rom geschickt, um von PapstJnnocenz VIII. zu erwirken, daß das 1480 von denBenediktinerinnen verlassene, später so ruhmreicheKloster Maria-Altomünster den Birgittinernübergeben werde. Im Zusammenhang damit sollte einegroße Generalversammlung des Ordens zur Einigung derin den verschiedenen Ländern verschieden gehandhabtenRegel im großen bayerischen Birgittenkloster Gnaden-berg") in der Oberpfalz gehalten werden. Währendder Sandizeller zu diesem Zwecke sich in Rom auf-hielt, ließ er für die hl. Birgitts die Kapelle beiSän Lorenzo in Panisperna einrichten, welchenoch ihren Namen trägt; es ist dies die zweites.lutoro svanAslii" (an der Evangelienseite), d. i.zur Rechten!?! des Hochaltars.") Bei dieser Gelegen-heit wurde am 19. Juni 1485 in Gegenwart vielerZeugen der Sarkophag geöffnet und am 21. desselbenMonats wieder geschlossen und unter den Altar derKapelle gestellt; der Altar wurde am nämlichen Tagevon dem Bischöfe Petrus vonNisa feierlich ein-geweiht. Das geht aus den beiden Protokollen hervor,welche darüber von dem apostolischen Notare, dem Ka-nonikus Ermengild Gade, errichtet wurden, welchebesagen, daß damals mit den Birgitts-Reliquienzugleich zwei andere, sehr kostbare Reliquien mit hinein-

kcin Zufall war. Neben der Kirche wurde im 9. Jahr-hundert ein Benediktiner -Kloster gebaut, welches jedoch im12. Jahrhundert verlassen wurde, wahrscheinlich wegenVerfalls der Gebäude. Ungefähr 100 Jahre später kamKloster und Kirche in Besitz der Clarisscr-Nonnen, welchedort wohnten bis 1877, als das Kloster von der Regier-ung eingezogen und in ein chemisches Institut um-gewandelt wurde.

") Lukas Wadding, Xunales LLuorum ack 1318 n 43.

") Cons. Durante hat in seiner Auflage der Ncve-lationen. Rom 1628,11,5 29, ein Fragment einer alten Hand-schrift abgedruckt, welche im Birgitta-Hospital aufbewahrtwurde und worin der Arm der erhabenere Ueberrest ge-nannt wird.

"0 Er wird auch 2oleue8s genannt. Siehe Nettelbla,Nachricht von Birgittincr'KlösLern, Frankfurt 1764, Seite81 und 88.

") Das war 1487. Zur Generalversammlung kamvon Wadstena der Senior Clemens Petci, welcher dasWort führte, und Johannes Matthäi. S. Nettelbla !. e.

,,a latsre LvanZ'slii", nämlich wenn man am Altaresich umdreht und nach rückwärts sieht, also auf der rechtenSeite. (Mittheilungen des Herrn Grafen von Sandizell 1895 an Binder.)

gelegt wurden, nämlich ein Zahn des Evangelisten Lukas und ein Kinnladenbein des Apostels Philippus.")Aller Wahrscheinlichkeit nach nahm nun der Sandi-zeller einige Birgitta-Reliquieu mit, denn es istkaum denkbar, daß er unter solchen Umständen sich nichteinige Andenken an die von ihm so hoch verehrte Heiligeausbednngen hätte, welche er dann dem Kloster Alto-münster übergab, wo er 1517 Mönch wurde und1525 starb.")

Ungefähr 100 Jahre später wurden große Bau-reparaturen in Sän Lorenzo nothwendig, und dieseerstreckten sich auch auf die Birgitta-Kap clle.Während der Arbeiten, welche ungefähr 1574 statt-fanden, scheint der Sarkophag geöffnet worden zu sein,und die innere Holzlade, welche zunächst die Reliquieneinschloß, wurde weggenommen. Ein am 5. August 1574von dem Beichtvater der Clarisser-Nonnen, PetrusHispamus, mit den Franziskanerbrüdern Berna rdinTiburtinus und Johannes Mariä aufgenommenesProtokoll'') besagt, daß für den Sarkophag eine andereHolzlade angefertigt wurde, welche nenn Reliquien derhl. Birgitts enthält, darunter ein Schulterblatt(acmxnla) sammt Rückenknochen und Rippen. Der Armwird dabei nicht besonders genannt. Ein Schulterblattfindet man gleichwohl auch nicht. Was so benanntwurde, ist ein Beckenbein, welches später in allen Ur-kunden seinen unrichtigen Namen beibehielt. Das zeigtvon wenig anatomischen Kenntnissen bei den kirchlichenAutoritäten, welche die Reliquien immer als Schulter-blatt bezeichnen; aber gleichwohl kann man an der Echt-heit der Reliquien nicht zweifeln. Es beweist dies blos,daß die guten Mönche, welche 1574 die Reliquien vorsich hatten, nicht hinreichend kundig waren, den Ge-beinen den rechten Namen zu geben, und deren Nach-folger waren ebensowenig gründlich.

Es war bei dieser Gelegenheit, daß eine StefanaSavelli, welche Novizin bei den Clarisser-Nonnen war,über den Altar, wie es in den Franziskaner-An-nalen") heißt, eine elegante Kapelle ausführen ließ, wo-mit wahrscheinlich ein Lettner gemeint ist, der nun über-

") Das Original dieser auf Pergament geschriebenenHandschriften wurde im großen Archive der Franziskanerauf Xra 6oeli aufbewahrt, welches nun nicht mehr cxistirt.Wie so manch andere Archive in Rom erlitt es zuerstgroße Verluste in den Revolutionsjahren 179899 - wasübrig blieb, wurde nach 1870 vom italienischen Staateeingezogen, aber da über zwei Jahre verflossen zwischender Kundmachung und der Bewerkstelligung der Confis-cation, so wurde manches bei Seite geschafft. Die Claris-ser-Nonneu hatten jedoch Abschriften, und von diesen nahmwiederum solche der Beichtvater ?. Andreas di Rocca diPapa. Beim Umzug der Nonnen im Jahre 1877 in ihrneues Kloster au der Piazza Giovanni Lanza kamen derenPapiere in Unordnung, und die älteren Abschriften konntennicht mehr gefunden werden. Auf eine Vorstellung hinlieh mir U. Andreas sodann die Abschriften, welche jedochunbeglaubigt sind und nach Abschriften gefertigt, von denenman nicht weiß, ob sie beglaubigt waren.- aber da keintriftiger Grund vorhanden ist, eine Fälschung oder malalickos anzunehmen, weder bezüglich der ersten noch derzweiten Hand, zweifle ich nicht, daß man auf derenWahrheit bauen darf.

") Ein Verzeichnis darüber findet man, nach Nettelbla,bei Scheckh's Beschreibung vom Maria-Altomünster, Cap.14, paZ-. 34. Es ist mir nicht gelungen, diese Arbeit inRom anszutreiben.

") Hierüber gilt dasselbe, ivas im Vorhergehendenschon über das Protokoll des Hermencgild Gade gesagtwurde.

'") Wadding, Lunalss Lliuorum!. o.