Ausgabe 
(13.3.1897) 14
 
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baut ist. Der Hauptschmuck war eine große Fresko-malerei, welche die hl. Birgitt» im Gebete zum Ge-kreuzigten vorstellt. (Schluß folgt.)

Socialistische Theorien des Alterthums.

(Fortsetzung.)

6. Der stoische Staat.

st'. Inhaltlich noch merkwürdiger, wenngleich derForm nach nicht eben aumuthig, war ein im späterenAlterthum mit Befremden und Staunen betrachtetesStaatsideal, welches ein Schüler der oben genanntenchnischen Schule am Ende seiner Lehrjahre entwarf. Esist dies derStaat" des nachmaligen Gründers derstoischen Philosophenschnle, des Zenon (um 300 v. Chr.Geburt), eines Halboricntalen.

In der Absicht, gewisse Jnconsequenzen der platon-ischen Staatslehre aufzudecken und das rücksichtslos ein-fache Staatsidcal der Cyniker zu rechtfertigen, verstieg ersich zu einer Formnlirnng der chnischen Sätze, welcheentschieden über das von jener Schule Gewagtehinausgeht.

Keinerlei Schranke irgendwelcher Art sollte demVerkehr der Geschlechter gesetzt sein, die Gleichstellnngvon Mann und Weib sich nicht nur auf die Erziehung,sondern auch auf die Kleidung erstrecken und die Er-ziehung rein ethisch sein; die gewöhnlichen llnterrichts-gcgenstände seien werthlos.

Tenipcl, Gerichtsgebände und Turnhallen, welchePlaton noch geduldet hatte, seien vollständig über-flüssig.

Münzen bedürfe der Verkehr weder im Innern,noch nach außen. Denn der richtige Staat sei nicht andie engen Grenzen einzelner Städte und Gaue gebunden.Alle Menschen auf der Erde seien sich Landslente. EineLebensweise und eine Sitte solle herrschen in der Heerde,die auf gleicher Weide durch das gemeinsame sittlicheNatur- und Weltgesetz genährt werde.

Allerdings setzte Zenon dabei voraus, daß sämmt-liche Staatsglieder Weise und Gerechte seien, unfähig derSünde und der Leidenschaft. Denn nur Weise seienwahre Bürger, Freunde, Verwandte und freie Männer.

Die Ingredienzien des platonischen socialistischen Ge-bräues, Frauenemancipation und Brüderlichkeit, sind hiermn drei weitere: Gleichheit, Freiheit und Kosmopolitis-mus (Internationale), vermehrt. Bei Zenon ist das antikeStaatsideale, auf die äußerste Spitze getrieben, oder viel-mehr in Wahrheit ist das gar kein Staat mehr. DasIndividuum in seiner Sclbstherrlichkeit ist unmittelbardem allgemeinen Gesetze der natürlichen Sittlichkeit Unter-than und bedarf der Vermittlung eines sichtbaren Staatesund der besonderen Gesetze nicht mehr. Darin liegt dennauch der Grnndabstand des zenonischen Staates von demPlatons, welcher sich immer noch nicht von der Vor-stellung des antiken Einstadtstaates hatte losreißen könnenund vom Staatszwang noch nachdrücklichen Gebrauch ge-macht hatte, welcher das Eigenthum beim Nährstandenoch bestehen ließ und das Eiscngeld nicht verschmäht zuhaben scheint.

Der Socialismus Platons hat sich bei Zenon zurAnarchie verartet.

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Wir schließen mit Zenon die Darstellung der antikenStaatstheorien socialistischer Färbung ab, da von da aneine Weiterentwicklung nicht mehr stattfinde*

Von Bedeutung für die Würdigung der geschildertenAnsichten ist außer ihrem Inhalte noch die Frage, ob diealten Reformatoren der Gesellschaft ihre Vorschläge praktischernst gemeint haben oder ob sie selbst dieselben lediglichals logische Spekulationen ansahen.

Darauf ist zu erwidern, daß all die Genanntenihre Sätze für durchführbar hielten, wenn auch nicht inder nächsten, so doch in fernerer Zukunft.

Und begründet schien diese Hoffnung durch die Ver-hältnisse Sparta's, wo Analogien und Ausätze zur Frauen-,Kinder- und Besitzgemeiuschaft vorlagen. Wie Platon, so mag auch Zenon auf diesen Staat hingewiesen haben;denn zwei seiner Schüler schrieben über die lake-daimonische Verfassung. Der erstere war Persaios,der auch das Dogma des Meisters, daß der Weise derbeste Feldherr sei, durch die That zu erhärten suchtefreilich mit schlechtem Erfolge! Der andre, Sphairos,setzte sich mit Kleomenes, einem genialen Könige desspartanischen Staates, in Verbindung, um die alte Ver-fassung, die im Laufe der Zeit Veränderungen erlittenhatte, dort wieder einzuführen, schwerlich ohne Beziehungauf die Theorien des Schulgrnnders. Die sociale Re-form, die auch die Erziehung in sich begriff, wäre, nacheinem auswärtigen Krieg, nach der Ermordung von vierhohen Beamten (Ephoreu) nnd der Verbannung von80 Adeligen, thatsächlich vollendet gewesen, wenn nichtfremde Könige neue Verwicklungen und den Tod desKleomenes herbeigeführt hätten.

Der Schwierigkeiten freilich, welche die Einführungseines Staates mit sich brachte, war sich Platon wohlbewußt. Er verhehlt nicht, daß dieser Staat nur mitGewalt zur Anerkennung zu bringen sei, wie er dennauch vor Todesstrafe, Kindesaussetzung und ähnlichenMitteln nicht zurückschreckt. Auch eine stoische Stimmeläßt sich dahin vernehmen, die Bilder der Schule würdenwegen ihrer übergroßen Erhabenheit und Schönheit nurfür Dichtungen und Träume gehalten; es sagte diesChrysippos, der sich den richtigen Staat wenn auchnicht hypercynisch, so doch cynisch vorstellte, in einemWerke, welches über die sociale Wirksamkeit der Gerechtig-keit und deren politische Anwendung handelte. Zenon hatvielleicht feinen Staat auf eine Art Nobinsoninsel verlegtoder an Lagen gedacht, wie die, in welche Sindbad, derSeefahrer, kam; denn schon die Phantasie der Alten nahmseit Homeros gerne ihre Zuflucht zu Inseln (Pamhaia,Atlantis).

Zur Beleuchtung der antiken Theorien muß aberund das übersieht Kantsky» der socialistische Geschicht-schreiber derselben, welcher übrigens auch die nachplaton-ischen Staatsideale allzu vornehm beiseite stellt nochdas eine betont werden, daß Platon im reiferen Altersein Ideal gewaltig herabstimmte und in den GesetzenPrivateigenthum und Ehe zugab, sowie, daß auch Zenon in späteren Jahren seine Ansprüche gemäßigt zu habenscheint, indem er dem Weisen ein gewisses Vermögen zu-gestand, damit dieser, ohne zur Leidenschaft der Furcht,welche durch die Abhängigkeit erzeugt wird, Anregung zuerhalten, der Tugend nachleben könne. Wenn Zenon undseine treuesten Anhänger, trotzdem sie sonst ihre Ma-ximen möglichst zur Richtschnur für's eigene Leben wählten,Geld von reicheren Schülern nahmen, so thaten sie dies,um ihren Studien leben zu können. Auch hielten siesich selbst nicht für Weise und meinten, der vollkommeneWeise sei ohnehin so selten wie der Vogel Greif.

Die späteren Styiker haben, unter dem Eindrucke