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der römischen Weltauffassung, wohl jenen Schwärmereienganz Valct gesagt, und die Versuche der Nenphthagorecrund Nenplatoniker, Platons Grundsätze ins Werk zu setzen,können über engere Kreise nicht hinausgcdrnngen sein.
So sehen wir denn, daß die alten Socialisten selbstoder ihre Getreuen den socialistischen Theorien ein kleinesMißtrauensvotum ausstellten. Um so mehr erhebt sichganz natürlich die Frage, wie sich wohl das übrige ge-bildete Alterthum dazu verhielt.
An Kritik hat es nicht gefehlt. Doch sei hier diePolemik späterer Philosophen gegen die stoische Lehre Über-gängen, weil die von dieser Seite ausgehende Kritik imganzen sich auf eine vielfach ungerechte Suche nach Wider-sprüchen in der stoischen Doktrin beschränkt.
Es wird, um die Thatsache zu beweisen, daß auchdas Alterthum jene Ansichten nicht widerspruchslos hin-genommen hat, wohl genügen, zwei Männer zu hören,welche sachliche Einwendungen vorzubringen wußten.
Der eine derselben entstammte demselben Lager,aus welchem Platon hervorging, den Reihen der athen-ischen Aristokratie. Aristophanes , der Komiker, hatden socialistischen Weiberstaat nur geschildert, um den-selben an den Pranger zu stellen. Hatte er schon fürluftschloßartige Unternehmungen den Namen „Wölken-kuckucksheim" erfunden, so suchte er in seinem „Weiber-landtag" die Lacher auf die Seite der Autisocialisten zubringen, indem er den Weiberstaat drastisch an zwei ein-fachen Schwierigkeiten zu nichte werden läßt.
Wie nämlich der Staat im Lustspiel zur Einführunggelangen soll, wird zunächst befohlen, alle Bürger solltenihre gesammte Habe an Mehlsäcken, Betten, Wasserkrügen,Pomadetöpfen, Kochgeschirren und Dienstboten an denFiskus ausliefern. Die meisten schleppen in der That,gehorsam dem Gesetze, eifrig alles aus dem Hause. Nurein einziger verschmitzter Patron hintergeht den Staatund behält das Seine für sich, ist aber, sobald die Bürger-schaft zum Staatsschmause eingeladen wird, der allererste,der zum Festessen eilt, um, wie er sich ausdrückt, „auchsein Theil am Staatsbrei zu erwischen".
Ist nun auch dieser Theil der aristophanischen Kritikauf die modernen Socialisten nicht ganz anwendbar, daletztere die Möbel und Geräthe nicht verstaatlichen wollen,so hat doch Aristophanes richtig erkannt, daß die ein-zelnen Naturen ungleich sind, daß beim allgemeinenKladderadatsch das Fischen im Trüben nicht ausbleibenkönne und daß der egoistische Mensch das Nehmen fürseliger hält denn das Geben.
Und ebenso nüchtern gedacht ist des Lnstspikldichterszweiter Eiuwnrf.
Gleich in das Gesetz von der Fraucngemeinschaftläßt er, damit diese absolut sei, die nähere Vollzugs-beftimmuug aufnehmen: Aus daß nicht die häßlichen undalten Personen von der Vcrbindungscommunität ausge-schlossen würden, müsse sich jeder, der sich mit einerZungen und Schönen verbinden wolle, zuvor mit allenhäßlichen und alten Weibern einlassen, und entsprechendsolle es seitens der Frauen geschehen.
Das ist, um von der moralischen Qualität des Ge-setzes abzusehen, natürlich schon an sich lächerlich. Madsnccknm aber wird das Gebot, dessen Zweck allge-meine Verbrüderung und Liebe im Staate ist, durch seineFolgen geführt: Ein Jüngling, der sein Mädchen liebtund bei der Schönen Gegenliebe findet, wird dem Mädchenvon einer Megäre unter Berufung auf das Gcsctz streitiggemacht, und als die spitze Zunge der Jungen endlich
doch die wüste Alte zum Rückzug zu bringen scheint,stürzen, von dem Lärm angelockt, zwei andere alte Basenherbei und zerren und reißen an dem armen Jüngling,bis die Junge das Nachsehen hat.
So endet denn das Gesetz der allgemeinen Ver-wandtschaft und Eintracht in eine wilde Rauf- undSchimpfscene, welche der griechische Dichter mit antikerUnverblümtheit und Derbheit wiedergibt.
Der traurige Ernst, welcher in diesem Theile desLustspiels steckt, bedarf keiner näheren Ausdeutung.
Viel eingehender als die aristophanische tonnte selbst-verständlich eine ernsthafte Kritik ausfallen, die nicht ankünstlerische Rücksichten gebunden war.
Eine solche haben wir von Aristoteles , demweitblickenden Schüler Platons. In politischer Beziehungdarf er monarchisch gesinnt genannt werden. Sein Auf-treten gegen den Lehrer ist jedoch nicht auf die Ver-schiedenheit der politischen Anschauungen, sondern auf dengrundsätzlichen Widerspruch zurückzuführen, in welchem sichdie Philosophie beider befand. Platon war Idealist,Aristoteles gemäßigter Empirist. Der Freund der Medi-zin und sorgsame Naturforscher, der besonnene Kopf undklare, schlichte Denker mußte zu einer wesentlich ander, >.Auffassung des socialen Wesens gelangen, als das poetischeGenie Platon . Nicht von der philosophischen Spekulationging er aus, sondern von einer historisch-kritischenUcberschau über die thatsächlich verwirklichten Staats-verfassungen.
Indem er jedoch auch in seinem Werke über diebeste realisirbare Staatsform (nach 336 v. Chr. Geburt)seiner empiristisch vorgehenden Methode getreu die be-deutendsten seiner historischen und literarischen Vorbilderbespricht, wird er zu einer genauen Kritik derselben ver-anlaßt und gibt auf diesem Wege zugleich eine Kritikder socialistischen Ideen überhaupt.
Was er an den Entwürfen des Phaleas und Hippo-damos auszusetzen findet, soll hier nicht wiederholt werden.Der Hauptsache nach vermißt er die Antwort auf die"Frage, wie denn sich die vorgeschlagenen Reformen imeinzelnen ausführen und gegenüber etwaigen äußerenSchwierigkeiten festhalten ließen.
Zum Theil sind ja die beiden eben erwähntenMänner auch durch die Kritik des platonischen Staatesgetroffen, und letztere verdient mit den Zügen, welchenoch heute beachtenswert!) sind, gekennzeichnet zu werden.
Dem Stagiriten gefällt dreierlei nicht an PlatonsMnstcrstaat: die Kinder-, die allgemeine Frauen- unddie Gütergemeinschaft.
Er schickt dagegen eine Reihe von dialektischen undsachlichen Gründen ins Feld.
(Schluß folgt.)
Recensionen nnv Notizen.
Emmerich, Der heilige Kilian. Historisch-kritischdargestellt. Würzbnrg, Göbel, 1896. M. 1,50.
D Der Verfasser har das Quellenmaterial inden Bibliotheken Deutschlands, Oesterreichs und derSchweiz persönlich eingesehen. Die wichtigsten Urkundensind im ersten Theile der Monographie zum Abdrucke ge-langt. Im zweiten Theile verbreitet sich Emmerich überdie einzelnen Streitfragen. Die Kritik ist maßvoll, gründ-lich und praktisch-vernünftig. In überzeugender und, wieuns scheint, nnwid er leg sicher Weise wird die Grund-frage nach der primären und zuverlässigste!, Quelle ent-schieden: die Uaosio minor erweist sich nach der St.Gallener Handschrift als der ältere und glaubwürdigereBericht. Die Zweifel, welche die protestantische Forschungan der Romreise Kilrans geäußert, waren leicht zu über-