tti'. 15.
Willige zm Dgskürger Weitung."
März 1897.
Zur „kMsoÄntkroxus 6i'6vtii8"-Frage.
Bon Stadtkaplan Joh. Bumüller in Neuburga. D.
(Schluß.)
8. Oberschenkelknochen.
Die Abweichungen vom normalen Typus, welchedieser Oberschenkelknochen zeigt, sind schon in meinemanfangs erwähnten Artikel näher beschrieben worden.Wir können uns hier daher kurz fassen. Pros. Turnererklärt die Abweichungen als menschliche Abnormitäten,denen man in umfangreichen Skelcttsammlungen oft genugund leicht begegnen kann. Auch nach Manouvrier sinddiese Abweichungen bei menschlichen Uanora, nachzuweisen.Martin ferner hat alle Unterschiede an dem Material derZüricher Sammlungen als beim Menschen vorhandennachgewiesen. Nach Krause und Waldcyer ist diesesStück gleichfalls menschlichen Ursprungs. Virchow da-gegen weist auf die gestreckte Form des Diaphyse hin,wodurch er sich dem kainur des Gibbon nähere, welcheser allerdings an Größe bedeutend übertreffe. Wegendieser gestreckten Gestalt könnte es sich auch um eineriesige Gibbonart handeln. Nach Martin ist die soge-nannte Torsion des Knochens d. h. der Winkel, welchendie Halsaxe mit der Drehaxe der Kondylen bildet, nachder Dnbois'schcn Abbildung der für den Europäer mitt-leren entsprechend. Beim H^Ioliar68 ozmäaerzstus istein solcher Winkel entweder gar nicht vorhanden oderwenigstens nur ganz gering. Nach Turner ist die Kon-vexität der poplitealen Fläche, auf die Dnbois soviel Ge-wicht legt, durch pathologische Knochenncnbildnngen ent-standen. Nach ihm gehört der Knochen sicherlich keinerGibbonart an. Nach Professor Thann läßt sich aus demganz menschlich gebildeten komnr schließen, daß dereinstmalige glückliche Besitzer auf gestreckten Knieen ge-standen.
6. Backenzähne.
Turner bält den zuerst gefundenen Zahn für deneines großen Orang, Martin hält ihn für einen mensch-lichen. Nach Krause ist er ohne allen Zweifel ein Affen-baücnzahn. Virchow und Waldeyer geben vorerst keinUrtheil ab. Später hat Dnbois noch einen zweitenBackenzahn vorgelegt, der nachträglich in der Nähe desfrüheren gefunden wurde. Beide werden nun auf demzoologischen Congreß zu Leyden von Virchow und andernSachverständigen für Affenzähne gehalten. Nach I)r.Garson dagegen überschreitet die Größe des letzten Molarsnicht die anderer menschlicher Molare (Australier). NachProfessor Thomson spricht nichts gegen die Möglichkeit,daß die Zähne menschlich seien. Nach Professor Thannsind die Zähne zwar sehr groß, die Wurzeln stark aus-einander gespreizt, doch haben sie wesentlich den mensch-lichen Typus. Diese so widersprechenden, theilweise un-präcisen Urtheile zeigen, daß die anthropologische Wissen-schaft in pnnccko „Vergleichende Anatomie der anthro-poiden und menschlichen Zähne" noch nicht vollkommengerüstet ist. -
Die Ansichten der fachmännischen Autoritäten überden kittzsoantüropus srecwus gehen also, und zwar indirekt widersprechender Weise, auseinander. Daraus darfaber nicht geschlossen werden: ergo hat der Javaschädelbeiderseitige Eigenschaften; ergo ist er eine wirklicheUebergangsform zwischen Mensch und Affe. Eine solcheArgumentation, wie sie auch von Dnbois in ähnlicher
Weise verwerthet wurde, ist ein dialektisch-sophistischer Kniff.Denn die Meinungsverschiedenheiten gründen — abgesehenvon dem nicht zu unterschätzenden Einfluß der grund-sätzlichen Ansichten der Forscher über Entwickelung undderen Grenzen — vor allem darauf, daß unsere Er-fahrung über die Abnormitäten des menschlichen Schädelsund die Ursachen derselben und deren systematische Zu-sammenstellung und Bearbeitung noch eine lückenhafte ist,daß ferner die Neste des kitstooanistropus sehr dürftigesind; wäre der ganze Schädel vorhanden, so wäre dieFrage zweifellos leicht zu lösen. Endlich darf immerwieder nicht vergessen werden, daß die Entfernung von15 m, in welcher Schädeldach und kommr gefundenwurden, die Zusammengehörigkeit zwar nicht ausschlag-gebend verneinen, aber ebensowenig beweisen, so wahr-scheinlich sie auch sein mag. Auch die Zusammengehörig-keit der beiden Backenzähne unter sich und zum Schädelist noch nicht über jeden Zweifel erhaben.
Zum Schluß noch die Frage, welcher der obigenAnsichten der Vorzug zu geben ist. Stellen wir kurzdie einzelnen Ergebnisse zusammen. Aus der Niedrigkeitdes Schädels läßt sich weder für noch gegen die mensch-liche Eigenschaft des Schädels etwas Sicheres vorbringen.Die Abflachnng der Stirn und das Fehlen der Stirn-höcker erinnert sehr an einen Affenschädel, ist aber auchbei einem Mikrokephalen menschlichen Schädel nachgewiesen.Die Schädelkapazität ist eine entschieden menschliche undfür einen Affen nach bisheriger Erfahrung um mindestcns400 oom zu groß. Die Knochenkämme, welche bei einemso riesigen Affen kaum fehlen könnten, fehlen gänzlich.Die Abschnürnng des Orbitaltheilcs ist im allgemeinenäffisch, kommt aber nachgewiesener Maßen auch beimMenschen vor. Die Augenbrauenbogen sind schwächerausgebildet als beim Schimpansen. Der Abstand derSchläfenlinie von der Pfeilnaht ist menschlich. Die oben8ub L 4) näher bezeichnete Schläfengegend ist menschlichund nicht äffisch.
In den Hauptmerkmalen, Kapazität und Knochen-kämme, ist also der Schädel entschieden menschlich, er be-sitzt aber auch Eigenschaften, welche an den Affenschädelerinnern und immerhin verdächtig sind. Da sich aberdieselben theils durch Mikrokephalie, theils durch eineniedriger und roher Cultnrform entsprechende Lebens-weise erklären lassen, so läßt sich sagen: Der Schädelgehört höchst wahrscheinlich einem Mikrokephalenoder auf roher Culturstufe lebenden menschlichen Indi-viduum an, ohne daß nach dem jetzigen Stand der Unter-suchung die Auffassung als Gibbonschädel gänzlichaußer Betracht, wenn auch außerhalb der Wahrschein-lichkeit liegt.
Beim Oberschenkel gibt es noch viel weniger, wohlkeinen einzigen stichhaltigen Grund, an der Zugehörig-keit zu einem menschlichen Skelett zu zweifeln (vergl. denerwähnten Artikel in der „Beilage zur Augsburger Post-zeitung" 1895, 38—85). Bei den Zähnen besitzt diemenschliche Zugehörigkeit gleichfalls sehr viel Wahr-scheinlicheit, obwohl gerade bei diesen bisher am wenigstenein ausschlaggebender Beweis für oder gegen dieselbe er-bracht worden ist. Daß die Anhänger des Ultra-darwinismus unter diesen Umständen die Hoffnung nichtaufgeben wollen, der Uitiicwantiiropus oracwus möchtesich doch noch als wahre Uebergangsform vom Affen zumMenschen entpuppen, ist von ihrem Standpunkte aus er-