Ausgabe 
(17.3.1897) 15
 
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die Freigebigkeit, und die Tugend sei doch das Ziel desplatonischen Staates.

Wenn man sage, an den vielen Prozessen, an denMeineidsnntcrsnchungen, an den Kriechereien gegenüberden Reichen sei nur der Mangel der Vermögensgemein-schaft schuld, so sei das unrichtig. Die sittliche Ver-dorbenheit sei vielmehr die Ursache. Gerade Leute, welcheein Objekt gemeinsam besitzen und benutzen, kämen dar-über leichter mit einander in Streit, als andre wegenihres Privatcigenthums; wäre die Gütergemeinschaft nichtnoch so selten, so würde sich das mit den Händen greifenlassen.

Endlich sei es ungerecht, die Uebel aufzuzählen,von denen uns die Gütergemeinschaft befreien würde,von dem Schönen aber zu schweigen» dessen sie unsberauben würde. Denn der Mangel dieser Schönheitwürde das Leben geradezu unerträglich machen. EinenStaat in einen förmlichen Einheitsstaat verwandeln, hießeein schönes Mnsiksrück in ein monotones Ticktackumsetzen.

Zum Schluß gibt Aristoteles noch seiner Ueber-zeugung Ausdruck, daß die versuchsweise praktische Ein-führung eines platonischen Mnsterstaates nur wieder Ein-tbeilungen und Absonderungen verschiedener Thätigkeits-zweige zeitigen könne.

Mit dieser Wiedergabe der aristotelischen Gründegegen die größte socialistische Theorie des Alterthumsmöge unser Ueberblick abschließen!

Der Vergleich mit den modernen socialistischen undanarchistischen Schriftstellern drängt sich mehr als ein-mal auf. Doch wir geben Kautsky darin Recht, daßdie Geschichtschreibung fast eher die Pflicht hat, auf diebedeutenden Verschiedenheiten hinzuweisen, die zwischenantikem und modernem Socialismus bestehen.

Zunächst ist der philosophische Standpunkt durchausentgegengesetzt. Nicht von der Entwicklungstheorie gehenPtaton und Zenon aus, sond rn von einer sehr idealenVorstelln-g über die persönliche Würde des Menschen.In der Tugend wird das höchste Ziel und die ersteNorm des staatl-ch.-n und gesellschaftlichen Lebens, in dersre.gcwolsten B .Nötigung derselben der Vorzug des ver-nnnstbcgab en Menscpen vor dem vernnnftlosen Thiere«rblic t.

Ebu so d icken die alten Socialisten ganz andersals die lernen über. den Werth der Religion. Jeneniic Re igion nicht Privat-, sondern heilige Herzenssachefür alle. Gotteslästerung belegt Platon mit schwererStrafe und möchte am liebsten alle Dichter aus seinemZuknn'"tsstnate verbannen, da diese falsche und niedrigeVorstelln: gen über die Götter zu verbreiten geeignetwaren. Wenn Zenon aber keine Teinpck wollte, so fügteer als Panrheist bei, die Hand eines schlichten Hand-werkers sei nicht im Stande, dem höchsten Wesen einwürdiges Heim zu bauen, das Kämmerlein des Herzenssei der geeignetere Ort zur Verehrung; und GottesGebot solle der Einzelne immer und allezeit befolgen.Die Erziehung hat nach beiden als erste Aufgabe dieHeranbildung der Kinder zur Tugend und Gottesfurcht.

Endlich sind auch die geschichtlichen Vorbedingungenwesentlich andere.

Der moderne Socialismus knüpft au den alten an.Er ist kein natürliches, selbstgewordenes Produkt der mit-wirkenden Faktoren; er hat etwas Künstliches in seinerEntstehung. Der antike geht, wie wir sahen, in seinerEntwicklung stnfenmäßig vorwärts. Die Thatsache des

Christenthums hat eine vollkommen veränderte Lage aufallen Gebieten geschaffen und beherrscht selbst diejenigen,welche sich von ihm abwenden. Und die Erfahrung derMenschheit wie der Wissenschaft ist im Laufe der Zeiteine unendlich größere und tiefere geworden.

Vergegenwärtigt man sich diese drei Punkte bei derVerglcichnng, so werden einerseits die Vorzüge des mo-dernen Socialismus begreiflich und andererseits gewisseEigenschaften desselben nicht eben im günstigsten Lichteerscheinen.

So sind die heutigen Socialisten für die Lage d^unteren Stände viel feinfühliger als Platon, der seinenNährstand als Aristokrat ziemlich von oben herab an-schaut und die Armen geringschätzig behandelt. AberPlaton hatte, wie Kautsky (S. 8) gut bemerkt, ebenein anderes Proletariat vor sich, als wir. Das alteProletariat d. h. die besitzlosen Freienlebten von derGesellschaft, während der moderne Proletarier" doch auchfür die Gesellschaft lebt und arbeitet", und das Christen-thum hat unsre Nerven für die Leiden der Nächsten sen-sibler gemacht. Sklaven im antiken Sinne, welche rechtlichnicht als Menschen betrachtet werden, sondern mit Leibund Leben als Waare der Willkür - des Herrn über-antwortet sind, haben wir nicht mehr. Es wird nichtunrichtig sein, zu behaupten, daß dieser Umschwung demChristenthum zu verdanken ist und daß das Christenthumfortwährend an der Beseitigung derartiger Zustände ar-beitet. Aber man wird auch bezweifeln müssen, obPlaton , wenn er auf die große Masse der Sklaven,welche damals etwa drei- oder viermal so groß war alsdie übrige Bevölkerung, hätte Nist.ficht nehmen müssen,seine Znkunftspläne wirklich in dem Maße socialistischgestaltet hätte, wie er es getban hat; denn er ist ja,wie gezeigt, kein vollkommener Socialist und will keineVerm iignng der Arbeitsgebiete.

Eine weitere Schwierigkeit, durch welche wohl derheutige, nicht aber der platonische Socialstaat gefährdetwird, ist der große Umfang der jetzigen Staaten. Platon hatte es mit kleineren Städten zu thun, die ohnehin seitAlters sich an rapide Verfassungsänderungen gewöhnthaben konnten und zum Theile demokratisch oder zeit-weise gar ochlokratisch regiert wurden.

Jedenfalls wird sich bei solcher Verschiedenheit derzn Grunde liegenden Verhältnisse die"Autorität und dasVorbild Platons nicht zu Gunsten des socialistischen Ge-dankens verwerthen lassen.

Mit Zenon verglichen, denkt der moderne Socialistgewiß viel praktischer; er hat aus Geschichte und Wissen-schaft etwas gelernt. Aber Zenon geht doch nicht soweit, daß er Freiheit und Gleichheit aller Menschen mitdem Gedanken eines Staatszwangs für vereinbar hält;er läßt, um die Sklaven zu befreien, nm den Kosmo-politismus durchzuführen, um die Frau dem Mannegleichberechtigt zn machen» lieber jedes Staatsband fallenund setzt Religion und allgemeine Sittlichkeit und Tugend-liebe an die Stelle.

Angesichts derartiger Unterschiede und angesichts derThatsache, daß das Alterthum bei vielfach günstigerenVerhältnissen die socialistischen Ideen nicht verwirklichte,daß trotz dem Fortbestehen dieser Ideen die Jahrtausendedenselben nicht zn einigermaßen dauerndem Leben ver-halten, kann eine Beschäftigung mit den socialen Theoriendes Alterthums nicht angethan sein, uns für die derNeuzeit zu erwärmen. Möge es dem Christenthum ge-lingen, dem, was gut und brauchbar ist am socialen